Humanwissenschaftler besitzen doch keine Spur Kreativität und musikalisches Geschick. Oder? Greifswalder Medizinstudenten beweisen Fingerspitzengefühl, und das nicht nur am menschlichen Körper, sondern auch an Gitarre, Klavier und Cajón. Dynamisch, abwechslungsreich und mit Begeisterung für mehr.

„Ich habe ‚I will survive‘ falsch geschrieben“, sagt Christin und grinst. Die Menge braucht fünf Sekunden und kichert dann. Dem Großteil ist das fehlende „r“ im Programm offenbar noch nicht aufgefallen. Macht auch nichts. Die Stimmung ist ausgelassen. Christin verlässt die „Bühne“, den einzigen freien, nicht mit Stühlen oder Tischen gesäumten Fleck im Raum, und elf Studierende bahnen sich ihren Weg nach vorn.
Der Konzertabend der Mediziner hat mittlerweile Tradition, wenn nicht sogar Kultstatus erreicht. Georg und Christin ahnten davon allerdings noch nichts, als sie sich im Wintersemester 2011/2012 vor der Bibliothek bei einem Kaffee gegenüber saßen. In solchen Momenten, wenn die Hektik des Alltags im Koffein ertränkt und die medizinische Gehirnakrobatik am Schreibtisch zurückgelassen wird, dann schwelgt man in Erinnerungen. Freunde, Studium, Familie, Studium, sportliche Aktivitäten, Studium, Musik und vor allem Studium. Moment – Musik? Bevor Georg nach Greifswald kam, studierte er ein Jahr in Dresden Physik und war besonders vom Musikabend seiner Fachschaft begeistert. Er selbst spielte schon in diesem folgenschweren Wintersemester seit sieben Jahren Gitarre. Christin, seit dreizehn Jahren mit der Klaviertastatur vertraut, war in diesem Moment die perfekte Gesprächspartnerin und Verbündete, um den Plan für einen Musikabend in Greifswald auszuhecken. „Es ist total schade, wenn es viele gute Musiker gibt, die zu Hause in ihrem Kämmerchen spielen, das dem Publikum aber nicht zugänglich ist und sich die Musiker nicht präsentieren können“, fanden die beiden. Diese Idee war das Samenkorn, aus dem ein regelmäßig stattfindender, musikalischer Abend von und für Kommilitonen erwachsen sollte.

Wachsende Beliebtheit

Die weichen Stimmen der Late Night Singers erfüllen den Raum. Der Text ist norwegisch, die Melodie sanftmütig. Es ist der 05. Dezember 2014 und so kurz vor dem Fest sind Weihnachtslieder im Programm eines Chores obligatorisch. „Ring Christmas Bells“ ist ein Klassiker, die glockenähnliche Dynamik zaubert eine wohlwollende Gänsehaut auf die nackten Arme des Publikums. Warum die Arme nackt sind? Der Lutherhof ist brechend voll, die Heizung hochgedreht und die Gemüter vor Vorfreude erhitzt. Es sind vor allem alternative Leute, die dem Konzert lauschen. Statt Stöckelschuhen und Blazern dominieren bunte Wollpullis, Schals und Dreadlocks. Es gibt nicht einmal genug Stühle für alle. Vor der Eingangstür, die der Bühne gegenüber am anderen Ende des Raumes liegt, sitzen und stehen weitere Zuhörer. Als die Late Night Singers das Rampenlicht verlassen, begibt sich Agnete an den Flügel und Annabell mit ihrer Querflöte an den Notenständer. Der warme Klang des Tasteninstruments setzt ein.

Wie organisiert man einen Musikabend aus dem Nichts? Christin und Georg schrieben zunächst E-Mails über den Universitäts-Verteiler und warben vor allem in ihrem Freundeskreis. Einmal im Semester sollte es zukünftig einen solchen Abend geben. So der Plan. Die Premiere der Konzertreihe fand noch im Wintersemester 2011/2012 statt. „Beim ersten Konzert waren ungefähr 20 Leute da, von denen zehn gespielt haben und etwa 98 Prozent Freunde waren“, erinnert sich Georg. Damals fand es im Internationalen Begegnungszentrum statt. Es war klein, heimelig und hinterließ bei den Zuhörern ein warmes Gefühl der Erfüllung. Das schafft nur Musik!

Im Sommersemester 2012 gesellte sich Else zu dem Organisations-Duo. Georg an der Gitarre, Christin am Klavier, und Else? Die fand die Idee einfach genial, auch ohne musikalische Ausbildung. Wenn schon nicht musizieren, dann wenigstens im Akkord organisieren! Von ihr kam die Idee, während des Konzertabends Speisen und Getränke zu verkaufen und die Einnahmen an gemeinnützige Organisationen zu spenden. Seitdem unterstützten die drei unter anderem die Brinke, den Leuchtturm e.V. und das Frauenhaus in Greifswald.

Und wohin gehen die geldgewordenen Speisen in diesem Semester? Der Grypsnasen e.V. ist ein kleiner gemeinnütziger Verein, der Kinder und Jugendliche im Krankenhaus begleitet, um Humor in den klinischen Alltag und damit ein heilsames Lachen auf ihre Gesichter zu locken.

Das Trio harmonierte so gut, dass es bereits bei der dritten Veranstaltung staunend die Menge betrachtete. Während bisher vor allem Freunde oder Kommilitonen aus dem Medizinstudium die Stuhlreihen füllten, hatten sich nun auch Leute aus anderen Studiengängen zwischen die bekannten Gesichter gemischt. Der Musikabend der Mediziner sprach sich herum wie ein Lauffeuer.

Die anmutige Melodie von „Scarborough Fair“ (Simon and Garfunkel) steigt im Saal auf. Agnetes Stimme klingt kristallklar und sanft. Wer das erste Mal den Konzertabend besucht, ist schon jetzt von der Qualität der Beiträge beeindruckt. Es sind Hobbymusiker, die dort vorne stehen und ihre persönliche Leidenschaft mit ihren Mitmenschen teilen und sie begeistern.

Auf den mit Flügel und Querflöte begleiteten Gesang folgen Gitarrenspiel, weitere Vokalstücke, diesmal jazzig und kraftvoll, und sogar eine Band. Die Musikstile sind vielseitig und der aufmerksame Besucher erkennt, wie das Publikum genrespezifisch Feuer fängt: Klassischen Stücken lauscht es still und gebannt, der Pfeffer der modernen Songs wird mit Schnipsen und enthusiastischem Gesang unterstützt. In hoher Euphorie werden die Zuhörer in die Pause entlassen. Die Organisatoren haben da was vorbereitet.

Verblüffende Vielfalt

mm115_39_Kultur_Gitarre_Tine BurkertJe mehr Semester vergingen und Musikabende kamen, desto größer wurde das Publikum und die positive Resonanz. Sowohl Künstler als auch Besucher waren dankbar für eine Veranstaltung, in der sie ihre musikalischen Fähigkeiten zeigen oder sich an denen der anderen erfreuen konnten. Die anfängliche Assoziation, der Musikabend sei eine Veranstaltung der Mediziner, rückte nach und nach in den Hintergrund. Umso vielseitiger konnte das Programm gestaltet werden: Die Bandbreite der Beiträge reichte von klassischen Werken über Jazz und Funk bis hin zu Pop und Rock. Bekannte und unbekannte Stücke begeisterten Publikum und Organisations-Team genauso wie Eigenkompositionen. Und nicht nur populäre Musikinstrumente wie Klavier und Gitarre gestalteten die Abende. Else blickt zurück:  „Wir hatten mal so eine Art kleine Trompete, also ein Hornet. Und eine Ukulele.“ Und auch Querflöten und Cajóns fanden den Weg auf die Bühne. Über mangelnde Vielfalt kann sich hier keiner beschweren. Zu Beginn fragten, überredeten und verpflichteten Christin, Else und Georg ihnen bekannte Musiker, das Konzert mitzugestalten. Mittlerweile melden sich viele aus Eigeninitiative, darunter auch Neulinge und Nicht-Musiker.

In der Pause gibt es warmen Punsch, Kuchen und Schnittchen. Erhitzt, gebacken und geschmiert für eine kleine Spende der Besucher. Man muss sich ja für die nächste Stunde des Konzerts wappnen. Nach 15 Minuten nehmen alle erneut ihre Plätze ein und Lars Michel tritt an den Flügel. Seine Eigenkomposition „Manie“ ist majestätisch und verstörend zugleich. Das Publikum zollt dem Respekt, ein gedämpftes Gefühl bleibt trotzdem. Die nächsten zwei Acts schmettern bekannte Pop-Songs. Ed Sheeran, Damien Rice und Milow sind zu Besuch. Außerdem hat sich spontan ein weiterer Pianist dazwischengeschoben: Seit Robert 15 Jahre alt ist, spielt er Klavier, sein selbst komponiertes Stück spricht jedoch eine andere Sprache. Es klingt, als wäre er bereits als Kind auf einem Flügel herumgeturnt. Den Abschluss des Abends bilden drei Medizinstudenten mit zwei Gitarren und Klavier beziehungsweise Cajón. Dass sie sich das erste Mal vor drei Wochen zusammengesetzt und seitdem in vier Proben zwei Eigenkompositionen gezaubert haben, würde in diesem Moment niemand glauben. „Stellt euch vor, ihr seid mit eurem Auto auf einer verlassenen Landstraße unterwegs, es ist Abend und die Schneeflocken rieseln lautlos auf die Windschutzscheibe. Und dann hört ihr dieses Lied.“ Ein harmonischer Klangteppich erhebt sich aus den Instrumenten und der gleichmäßige Rhythmus der Gitarren erweckt die weißen Flöckchen zu imaginärem Leben. Das Publikum lehnt sich zurück und genießt. Das nächste und auch letzte Stück des Abends tauft das Trio noch auf der Bühne „Gute Laune“. Die Komposition war zu spontan für ein ausgereiftes Titel-Brainstorming. Egal – denn die Truppe hat mit ihren Anmoderationen und der Leidenschaft ihrer Werke alle denkbaren Sympathiepunkte gesammelt. Der letzte Ton verklingt und die Hände der über hundert Zuhörer setzen sich in Bewegung. Tosender Applaus.

Der siebte Konzertabend der Mediziner ist für das Organisations-Team genauso aufregend wie die sechs vorherigen Veranstaltungen. Neue Gesichter, spontane Künstler und ein durchmischtes Programm erstaunen die drei immer aufs Neue. Denn obwohl sie den Abend organisieren, bleibt der Überraschungsmoment, wenn unbekannte Stimmen und Instrumente den Saal erfüllen. „Es sollen nicht bloß Musiker spielen, die perfekt sind. Es soll auch eine gewisse Bandbreite angeboten werden und das macht den Konzertabend dann aus“, resümiert Christin. Es gibt Musiker und Werke, die das Publikum mitreißen, und es gibt solche, die es nicht tun. Das Credo des Abends ist: Jede(r) darf auf die Bühne! Im Mai und im Dezember. Alleine und zusammen. Mit und ohne Noten. Aber auf jeden Fall ohne Kompromisse.

von Tine Burkert

Fotos: Tine Burkert