Rezension

Wie man sich als Flüchtling in Europa fühlt, können sich viele kaum vorstellen. In „Samba für Frankreich“ erzählt Delphine Coulin die Geschichte des jungen Samba Cissé. „Ein Name, der pfiff wie ein Windstoß“. Sein Vater hatte ihn so getauft, deshalb war er stolz auf ihn. Als dieser jedoch plötzlich stirbt, ist Samba verantwortlich für seine Mutter und seine Schwestern. Dabei ist er selbst gerade erst mit der Schule fertig.
Mit 18 Jahren flieht er aus seinem Herkunftsland Mali vor dem Bürgerkrieg in der Hoffnung, in Frankreich Fuß zu fassen und regelmäßig Geld zu seiner Familie schicken zu können. Europa bietet alles für jeden, ein Paradies auf Erden. So oder so ähnlich ist seine Vorstellung.

„Damals wusste er noch nicht, dass die heldenhafte Reise, die er hinter sich hatte, am Ende weniger hart war als alles, was er nach seiner Ankunft in Frankreich erleben sollte.“

Zuerst plant Samba seine Flucht übers Meer. Sehr mutig für jemanden, der nicht einmal schwimmen kann. Doch jedes Mal wird er erwischt. So entscheidet er sich für den langen Weg mit dem LKW durch die Wüste. Viele Menschen lernt er dabei kennen. Zu viele, die die Reise nicht überleben. Sehr traurig ist das, besonders wenn man weiß: Während man dieses Buch liest, ereilt jenes Schicksal unzählige Flüchtlinge. Als Samba endlich in Frankreich ankommt, sucht er zunächst seinen Onkel Lamouna, der ihn bei sich wohnen lässt.

Zehn Jahre später macht Samba sich auf den Weg zur Polizeipräfektur in Paris. Er ist sich sicher, dass er nun endlich seine Aufenthaltsgenehmigung erhält. Immerhin arbeitet er fleißig und zahlt Steuern. Allerdings stehen Berufe wie Reinigungskraft, Handlanger und Fabrikarbeiter nicht auf der Liste, die ihn dazu berechtigen, legal in Frankreich zu bleiben. Dabei wird schnell klar, dass es nach außen  zwar so scheint, als sei er mehr als unerwünscht, die Metropole ohne die Flüchtlinge aber auch einige Probleme hätte.

„Die Angestellten der Arbeitsvermittlung wussten nur zu genau: War die Arbeit schwer, die Baustelle weit außerhalb von Paris oder das Wetter schlecht, fanden sie keine freiwilligen französischen Arbeitskräfte, Einwanderer ohne Papiere aber immer. […] Sie waren immer da, sie waren zu allem bereit, und sie beschwerten sich nie […].“

Doch Samba irrt sich. Sein Antrag ist nicht erfolgreich. Er wird festgenommen und ins Zentrum für behördliche Abschiebehaft gebracht. Die Hoffnung gibt er trotzdem nicht auf. Welchen Sinn sollte diese anstrengende Reise schon gehabt haben, wenn man ihn nun einfach ins Flugzeug zurück nach Mali setzen würde? Außerdem ist Frankreich sein Zuhause – er bezeichnet sich selbst sogar als Patriot. Doch niemand scheint sich so recht für seine Geschichte zu interessieren. Bis endlich zwei Frauen einer Nichtregierungsorganisation auftauchen und sich für Sambas Freilassung einsetzen. Großen Erfolg haben sie jedoch nicht. Samba wird zwar freigelassen, aber unter der Bedingung, dass er selbst seinen Rückflug planen müsse. Ab dem Augenblick ist er illegal in Frankreich. Er muss sich in Acht nehmen auf der Straße, in der Metro und in den Bahnhöfen, überall dort, wo die Kontrolleure sich aufhalten.

So spannend beschreibt Coulin die Geschichte, dass man sich durchweg in die Haut Sambas hineinversetzt fühlt, mitfiebert und sich wünscht, niemals wirklich so etwas erleben zu müssen.
Samba muss immer wieder andere Namen annehmen, je nachdem welcher gerade auf seiner falschen Aufenthaltsgenehmigung steht. Traurig für jemanden, der seinen echten Namen vorher so stolz jedem erzählen wollte. Samba lernt die wunderschöne Kongolesin Gracieuse kennen und verliebt sich sofort in sie. Trotz der Warnungen seines Onkels, der ihm sagt, er habe schon genug Probleme. Recht hat er, denn durch die Probleme Sambas verliert auch er seinen Job und damit seine Lebensfreude. Fortan  muss Samba nachts die Mülltonnen der Supermärkte nach Essbarem durchsuchen. Manchmal sitzen er und sein Onkel auch nur zusammen auf der Couch und träumen von ihrer Zukunft.

Sehr viel passiert in diesem  Buch, das gerade mal 268 Seiten hat. Manchmal muss man lachen, manchmal muss man weinen und manchmal wird man wütend. Ich lege diesen Roman jedem ans Herz. Besonders denjenigen, die allen Asylbewerbern gerne das Aufenthaltsrecht verweigern würden. Denn wir alle haben doch gelernt: Behandele andere so, wie auch du behandelt werden möchtest!

von Katharina Hößler

Foto: ©Aufbau Verlag