Greifswald – ein Ort im Wandel. Die Universitäts- und Hansestadt zwischen den aufwühlenden 90er Jahren und einer selbstgeprägten Zukunft. Ein Gespräch mit Christoph, Gitarrist und Sänger der Band „Feine Sahne Fischfilet“.

Jung, modern, vielfältig, zukunftsorientiert – So kennen viele Greifswald und seine Außenwirkung. Die Stadt hat knapp 55 000 Einwohner, eine beträchtliche Anzahl davon sind Studierende, und eine ansehnliche Kulturlandschaft.

Allerdings tauchen in Greifswalds Vergangenheit auch die 90er Jahre auf, die von radikalen Neonazis, der Ungewissheit über die Zukunft der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und einem schwierigen gesellschaftlichen Klima geprägt sind. Was vielen als unbekanntes Kapitel oder allenfalls aus  dem Lied „Mädchen aus Greifswald“ der Band „TempEau“ bekannt ist, soll im Folgenden aufgeschlüsselt werden. Für diesen Zweck hat der moritz. sich Christoph, der hier in Greifswald aufgewachsen und Gitarrist sowie Sänger von „Feine Sahne Fischfilet“ ist, geschnappt. Die Punk-Rock-Band aus dieser Stadt hat sich 2007 gegründet und Christoph weiß viel zu erzählen. Außerdem wurden alte Zeitschriften durchwühlt, um die politische beziehungsweise subkulturelle Geschichte der Hansestadt Revue passieren zu lassen.

Aufwühlende Neunziger

Nach der Wende, als die Mauer fiel und die Wiedervereinigung begann, wussten viele Menschen nicht genau wie es weitergeht. Zu DDR-Zeiten zerfielen in vielen ostdeutschen Städten, wie auch hier in Greifswald, stadtprägende Häuser. Viele fragten sich, wie das Ganze weitergehen soll und vor allem, wem die Stadt gehört. Was in Großstädten wie Berlin schon zur Realität gehörte, gewann nun auch in der hiesigen Hansestadt an Bedeutung. Nicht erst in der  Brinkstraße 16/17 diesen Jahres, sondern bereits in den 90er Jahren kam es zur Besetzung von Häusern in Greifswald, unter anderem in der Pfarrer-Wachsmann-Straße 4 sowie 1991 im ehemalige Kinderheim „Hertha Geffke“ am Karl-Marx-Platz. Aus Letzterem entstand ein Alternatives Jugendzentrum (AJZ).

Später wurde dieses umbenannt in „Café Quarks“ und durch zahlreiche Veranstaltungen, wie beispielsweise Konzerte, Partys, Filmvorführungen oder Vorträge, zum wohl legendärsten Ort für die hiesige alternative Szene. Musikliebhaber der elektronischen Klänge kamen besonders hier zu ihren Gunsten, da es in der Umgebung keinerlei Alternativen für sie gab. Die Blütezeit des AJZ war in den Jahren 1996 bis 1999. In einer Zeit, in der viele militante Neonazis im Rahmen der Wiedervereinigung auffällig wurden und die Ungewissheit über die Zukunft den gesellschaftlichen Alltag Ostdeutschlands prägte, war es das Ziel, eine klare Alternative zu leben. Dazu gehörte, sich gegen den neonazistischen „Aufschwung“  zu Beginn der  neunziger Jahre zur Wehr zu setzen und damit vielen jungen Menschen sowohl politisch als auch kulturell eine Möglichkeit zur Entfaltung bieten zu können.

Zur Zeit der Jahrtausendwende kam es zu einer Art „Cut“ der Szene durch den Wegzug vieler alternativer Jugendlicher, den Abriss des AJZs am 04. Februar 2000 und die Morde an den Obdachlosen Klaus-Dieter Gericke und Eckard Rütz. Gleichzeitig war eine ansteigende Arbeit der Nationalistischen Partei Deutschland (NPD) in der Stadt wahrnehmbar. Eine aktive Ortsgruppe der NPD veranstaltete Kinderfeste, Anti-Drogen-Demos und war besonders in den Stadtgebieten Schönwalde sowie im Ostseeviertel aktiv. Doch viele Leute in der Stadt begannen, sich dagegen zu wehren. Sei es, wenn jemand rechte Musik auf dem Schulhof hörte, sich die in der rechten Szene beliebte Modemarke „Thor-Steinar“ zu etablieren versuchte oder wenn die NPD unter dem Deckmantel einer Bürgerinitiative Demonstrationen und Kinderfeste veranstaltete – es regte sich Widerstand. Es bildete sich zunehmend eine lebendige alternative Gesellschaft in der Stadt. „Auch eine gute Subkultur sowie Skater- und Punkerszene etablierte sich“, so Christophs Wahrnehmung. Eine Vielzahl von jungen bis alten Menschen wollte gemeinsam ein Zeichen gegen Neonazis setzen, wie es beispielsweise beim NPD-Aufmarsch am 01. Mai 2001 gelang, als dieser mit mehreren tausend Menschen gestoppt werden konnte. Als Antwort auf die zunehmende Festigung der örtlichen NPD-Strukturen, die beiden Obdachlosen-Morde sowie das generelle Desinteresse der breiten Öffentlichkeit und der Stadt an der aktiven Auseinandersetzung mit Neonazis, bildete sich eine von jungen Leuten organisierte Antifaschistischen Aktion Greifswald (AAG). Zu einer aktiven Gedenkkultur an die beiden ermordeten Obdachlosen kam es auch erst durch die Gründung des Bündnisses „Schon vergessen?“, das regelmäßige Gedenkveranstaltungen sowie einen Gedenkstein initiierte. Bündnisarbeit war also ein neues, effektives Mittel, um sich besser zu organisieren, strukturieren und einen stärkeren Zusammenhalt in der Öffentlichkeit zu erzeugen.

Es kam zur Auflösung der örtlichen NPD-Gruppe. Allerdings wurde kurze Zeit später mit den „Nationalen Sozialisten Greifswald“ (NSG) eine Nachfolgeorganisation gegründet. Abseits von Wahlkampf und Kinderfesten versuchte man sich an der Formierung einer „modernen“ Kameradschaft. Öffentlichkeitswirksam konnte man sich durch Graffitis, Plakate sowie der aktiven Unterstützung von NPD-Veranstaltungen positionieren.

Im Rahmen der NPD-Demonstration am 01. Mai 2011 bildete sich in Greifswald das Bündnis „Greifswald nazifrei“, welches sich aktiv für die Blockierung des rechten Aufmarsches einsetzte. Der Rahmen und die Effektivität eines breiten Nazifrei-Bündnisses machten sich auch hier wieder bezahlt und man konnte ein klares Zeichen gegen den neonazistischen Aufmarsch und deren Politik setzen. Im folgenden Jahr kam es zur Gründung von „Defiant“, welche an die Stelle der AAG trat und seitdem Vorträge, Konzerte, Partys und ebenfalls antifaschistischen Protest organisiert.

Gemeinsam sind wir stark

In den letzten Jahren traten in ganz Mecklenburg-Vorpommern „nazifrei“ Bündnisse auf und die überregionale Vernetzung wurde zunehmend verstärkt. Dies ist nicht zuletzt auch auf eine wachsende Etablierung und Entwicklung der alternativen Szene und ihrer Strukturen hier in Greifswald zurückzuführen. Zusammen mit vielen Unterstützerinnen und Unterstützern aus verschiedenen Gruppierungen, Organisationen, Parteien, der Studierendenschaft sowie auch dem Allgemeinen Studierendenausschuss ist man mittlerweile in der Lage, sich von hier aus in allen Teilen des Bundeslandes für ein weltoffenes und tolerantes Miteinander zu engagieren.

Eine der wichtigsten gesellschaftlichen Grundlagen Greifswalds ist die Kultur, die stark durch die hiesige Universität und ihre Studierenden geprägt ist. Sie füllt Greifswald mit Leben und Inhalten und gibt der Stadt die Möglichkeit, Neonazis aus ihrem Bild zu verdrängen. Das Jugendzentrum „klex“  bereichert die Innenstadt. Der „Studentenclub Kiste e.V.“ belebt seit mehr als 30 Jahren den Stadtteil „Schönwalde II“ mit kultureller Vielfalt. Hier finden Konzerte, Lesungen und Partys statt.
Besonders von Vorteil ist die Größe der Stadt: Auch wenn man manchmal hört, es sei nichts los, so tut sich hier dennoch viel und es gibt eine Menge Möglichkeiten, etwas auf die Beine zu stellen. Gute Beispiele sind die Initiativen- und Bündnisarbeit, Hausprojekte sowie neue kulturelle Einrichtungen.

Die Frage der Zukunft

So stellt sich eine bedeutende Frage: Sollte man in Greifswald bleiben, um hier eben jene Möglichkeiten zu nutzen, oder sollte man besser gehen, um Neues zu erleben? „Das Wichtigste an der ganzen Sache ist, das zu tun, was einen selbst glücklich macht und nicht das, was andere Leute glücklich macht. Natürlich ist es auch sehr wichtig, neue Städte, neue Sichtweisen, neue Kulturen und neue Umgebungen in seinem Leben kennenzulernen. Dies gilt unter Umständen für viele, die hier aufgewachsen sind und neue Erfahrungen sammeln wollen. Es ist geil, wenn Leute bleiben, aber auch gut, wenn sie neue Wege beschreiten wollen“, so Christoph.

Wie man daraus erkennen kann, wurde und wird Greifswald sehr von studentischer und alternativer Kultur geprägt. Daher ist es für die Zukunft der Stadt wichtig, dass eben diese Kultur erhalten bleibt. Jugendzentren wie das klex, das internationale Kultur- und Wohnprojekt (ikuwo), studentische Vereine wie das Greifswalder International Students Festival (GrIStuF) sind nur drei Beispiele, bei denen Leute etwas auf die Beine stellen. Auch neue Wohnprojekte wie die Stralsunder Straße 10, bekannt als „STRAZE“ gehören zu dieser Stadt, die sich auch in Zukunft mit dem Problem von ansteigenden Mieten und einer Veränderung des Stadtbildes beschäftigen muss.

von Paul Zimansky und Ole Kracht

Fotos: Fleischervorstadt-Blog (Abriss AJZ, Brinke 2014, STRAZE 2008), Yvonne Görs (Pfarrer-Wachsmann-Str (Haus))