LARP ist im Grunde nichts anderes als Vater-Mutter-Kind spielen. Daher sind Kinder auch die besten Larper. „Die spielen einfach so echt“, weiß Constanze, Larperin aus Greifswald. Nicht umsonst gilt das Hobby auch als kreative Erziehungsmaßnahme.

„Es ist nicht wirklich geeky, es ist nerd“, gesteht Colin. Seit ihm die blauen Flecken von Holzschwertern als Teenager zu viel geworden sind, verbringt er seine Freizeit mit Live Action Roleplaying (LARP). Dieses Hobby hat in der Mitte der Gesellschaft einen eindeutigen Stempel: Verrückte, die mittelalterlich verkleidet mit Spielzeugwaffen durch den Wald rennen und sich gegenseitig anbrüllen. Hinzu kommt ab und an der Vorwurf des Satanismus, doch so leicht ein Urteil gefällt ist, so kompliziert ist das Begreifen dieser Leidenschaft.

Orks, Elfenohren, In-Time, Nicht-Spieler-Charakter, Wochenendkrieger, Zaubertränke, Latex-Waffen, Kupfer-Taler … ein Strudel aus schwer fassbaren Begriffen setzt ein, wenn man beginnt, sich tiefergehend mit LARP zu beschäftigen. „Als Larper muss man freundlich und offen sein“, fasst Richard die grundsätzlich notwenigen Charaktereigenschaften zusammen. Mehr ist nicht notwendig um Teil der LARP-Gemeinschaft zu sein. Ein gewisses Interesse für Fantasy ist natürlich auch hilfreich. Richard ist als Ferun von Birkenbach der Anführer der Greifswalder LARP-Gruppe „Kayrun“. Dazu gehört auch seine Freundin Constanze, beide studieren Biologie. „LARP ist eine Art Improvisationstheater“, so erklärt Constanze ihren Freunden und Verwandten das außergewöhnliche Hobby.

Deutschland, ein Larper-Land

Begonnen hat die Geschichte des LARPs mit dem Erfolg von zahlreichen Tischrollenspielen , den sogenannten Pen und Papers. Hier trifft man sich ähnlich wie bei einem Spieleabend, nur dass mehr Freiheiten bestehen. Ein Spielleiter liest eine Geschichte vor. Die Spieler beschreiben in dieser die Handlungen ihrer Charaktere. Meist entscheidet ein Würfel über Erfolg und Misserfolg. Dem daraus geborenen Hobby LARP wird nach Aussagen des nationalen Liverollenspiel-Verbands in Deutschland seit mehr als 20 Jahren nachgegangen. Im Endeffekt geht es darum, eine Geschichte nachzuspielen, sich zu verkleiden und gegenseitig zu inspirieren. Die Genres dabei sind umfangreich: Fantasy, Vampire, Star Trek, Star Wars, Western, Cyberpunk, Endzeit, Horror und noch vieles mehr. Am beliebtesten ist aber die Nachstellung von Herr-der-Ringe-ähnlichen Geschichten, die in einer mittelalterlichen Welt spielen. Überall im Land verteilt finden im Jahr rund 600 Conventions, kurz Cons, statt, die drei bis zehn Tage dauern.

Richard findet man in jedem Jahr auf dem Conquest of Mythodea, Europas größter LARP-Con, in der Nähe von Hannover, die chronologisch eine einzelne Geschichte um die gleichnamige Welt weiterentwickelt. Hier agiert er als Nicht-Spieler-Charakter, kurz NSC. Die Organisatoren einer Con suchen sich auch immer eine Gruppe aus Nicht-Spielern zusammen, die sie mit Kostümen bestücken und ab und an in das laufende Spiel schicken, um die Geschichte am Leben zu halten und voran zu treiben. „NSCs sind die Charaktere, die nicht die Helden sind. Es kann ja nicht jeder gewinnen“, erklärt Colin, Student der Biochemie. Auf jeder Con haben die Spieler die Möglichkeit ihre Charaktere weiterzuentwickeln. Natürlich müssen sie dafür Kämpfe gewinnen, bei anderen in die Lehre gehen und erfolgreich Erfahrungen sammeln. Das geht schwer, wenn man den Verlierer spielt. Daher die NSCs, eine spezielle Form von Statisten. Außerdem verfolgt jede Con ihren eigenen Plot, der sich nur in die richtige Richtung entwickeln kann, wenn ab und an in das Spiel durch die bewusste Gestaltung von Szenen durch NSCs eingegriffen wird.

Colin hingegen fährt schon seit Jahren auf das DrachenFest. Hier reisen nach Informationen des Veranstalters mittlerweile mehr als 4 500 teilweise auch internationale Spieler an. Doch es müssen nicht immer Spiele in dieser Größenkategorie sein. Manchmal veranstaltet die Gruppe „Kayrun“ auch ihre eigene ganz kleine und intime Con. Dann entwickelt sich ihre gesamte Gruppe weiter. Constanze ist hierin das Bauernmädchen Linea Roning, das als Bogenschützin in Greifswalds Wäldern unterwegs ist. Sie hat LARP erst vor zwei Jahren für sich entdeckt. „Für mich ist das Tolle an LARP, dass ich zum einen meine Kostüme nähen oder ganz generell basteln kann und zum anderen im LARP die Möglichkeit habe, mal jemand ganz anderes zu sein“, erzählt Constanze, während sie ganz begeistert ein paar selbstgemachte Stücke aus ihrem Kostüm-Fundus präsentiert. Hier findet man alles – von großen Umhängen, über spielerisch gestaltete Masken bis hin zu den Waffen. LARP sieht nur gefährlich aus, das ist der Trick an dem Ganzen. „Unsere Waffen sind aus Fieberglas, werden mit Schaumstoff umwickelt und am Ende mit Latexfarbe gestaltet“, erklärt Richard der Waffennarr. Er hat ein ganzes Waffenarsenal im Keller.

mm115_28_LARP_Balrik_privatDie Herausforderung im LARP ist es also, die Waffen echt erscheinen zu lassen. Ein Spieler, der gleich zu Beginn seinen Charakter mit einem schweren Schild, einer Axt und einem Schwert bestückt, wirkt demnach unrealistisch. In der Realität würde so eine Ausstattung um die 15 Kilogramm wiegen. Das kann kein ungeübter Bauer durchgehend tragen. Wichtig ist auch das Schauspiel von Verletzungen. Sobald der Arm von einem Gegner getroffen wurde, kann dieser nicht mehr uneingeschränkt geschwungen werden, das muss man dann auch ausspielen. Ganz schön anspruchsvoll. Auch für Constanze war von Anfang an klar, dass sie kämpfen möchte. Die Prinzessin ist nichts für sie: „Ich möchte irgendwann auf jeden Fall mal das Kämpfen mit dem Stab ausprobieren.“

Urlaub von sich selbst

Pro Con kann es zu Kosten von bis zu 400 Euro kommen, je nach Größe natürlich. „LARP ist für mich wie Urlaub. Andere fahren für das Geld eben nach Mallorca“, erklärt Colin. Die Grundausstattung bestehend aus einer schlichten Hose, Hemd, reißverschlussfreien Lederschuhen und einem kleinen Schwert ist die erste Investition von über hundert Euro. Je weiter sich der eigene, selbstgewählte Charakter entwickelt, desto mehr folgen natürlich. Am kostspieligsten sind die Waffen und die Rüstung. Selber machen ist immer die günstigste Variante. Diese unromantische Seite scheint aber schnell vergessen, wenn man Larper über ihre Leidenschaft sprechen hört.

Wie das in Deutschland immer so ist, kommt LARP natürlich auch nicht ohne Regeln aus. „Wir haben in Deutschland fast die strengsten Sicherheitsbestimmungen. Nur in Holland sind sie noch genauer“, meint Colin. In Mecklenburg-Vorpommern wird gerne nach dem Prinzip „Du kannst, was du darstellen kannst“ gespielt. In Bayern findet sich hauptsächlich das Regelwerk „Silbermond“. Unter den Orgas beliebt ist auch „DragonSys“. Doch egal nach welchen Regeln man spielt, der wichtigste Grundsatz ist immer, dass man niemandem Schaden zufügt. Ganz selten steigt einem Larper auch mal das Adrenalin über die Elfenohren und dann kann es auf einer Groß-Con mit mehreren tausend Teilnehmern auch zu Hubschrauber-Einsätzen kommen – im Extremfall. Platzwunden und Verstauchungen sind die häufigeren Ausnahmen.
Auf schwerwiegende Zwischenfälle folgt in der Regel das lebenslange Con-Verbot. Ansonsten reicht die Einsicht des Fehlers und das Helfen beim Genesen, wenn das nicht irgendein Heiler übernehmen kann. „Bei meiner ersten Con mit Bogen habe ich dem besten Bogenschützen gleich einen Pfeil an den Kopf geschossen. Das war mir unglaublich peinlich“, gibt Constanze offen zu. Die Pfeile haben an der Spitze eine große Schaumstoffkugel und trotzdem hat sie sich lang und breit entschuldigt. Larper sind sehr friedliebend und rücksichtsvoll, egal wie furchterregend der Schminktopf sie erscheinen lässt.

Die Bewohner Kayruns üben am Wochenende regelmäßig Kampfsituationen auf einer großen Wiese im Ostseeviertel, damit genau solche Fehler nicht passieren. Dafür läuft Colin in seiner vollständigen Rüstung von der Innenstadt aus durch ganz Greifswald. Negative Kommentare hat er auf seinem Marsch noch nicht gehört. Dafür sammelt er in seiner Rolle als Balrik Falkenberg neugierige Blicke. In Greifswald und generell in Mecklenburg-Vorpommern ist dieses Hobby noch nicht wirklich etabliert. Ballungszentren für Cons sind Hamburg, Bayern und das Rheingebiet. Gerade hier eignen sich die Gelände und zahlreichen Burgen für die wagemutigen Spiele.

Der Osten ist nichts für Larper

mm115_28_LARP_Linea_Ferun_privatIm Osten des Landes ist LARP noch nicht angekommen. „Es gab mal eine Greifswalder Orga-Gruppe, die die Greifen-Con organisiert hat“, erinnert sich Richard. Die hat sich aber nicht gehalten. Nun müssen Greifswalds Larper nach Frankfurt Oder, Berlin oder eben noch weiter weg fahren, um kostümiert ihre Charaktere auszuleben. In der Hansestadt selbst gibt es zwei LARP-Gruppen. „Ich würde meinen, dass es hier so um die zwanzig Larper gibt. Die Dunkelziffer könnte aber höher sein“, überschlägt Colin.

Wem LARP als Hobby zu suspekt ist, kann es ja mal als Erziehungsmaßnahme probieren. Der Waldritter e.V. hilft Kindern mittels LARP „spannende Abenteuer zu erleben, heimische Natur zu erkunden und soziale Fähigkeiten zu erlernwen“. Zumindest verspricht das die Homepage des Vereins. Gerade im englischsprachigen Raum hat sich dieses Konzept unter dem Titel Educational LARP mittlerweile durchgesetzt. An dem Projekt teilnehmende Kinder treffen sich einmal in der Woche in ihren Heimatwäldern und erleben als Ritter verkleidet spannende Abenteuer fernab von Playstation und Fernseher. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es aber erneut keine Angebote in diese Richtung. Scheinbar ist das Verkleiden von Kindern und Erwachsenen noch nicht sozial anerkannt.

Schade, denn auch hier schlummern fantasievolle Ideen. So hat Richard mit der Gruppe „Kayrun“ ein eigenes Land erschaffen, den Hirsch als Gottheit auserkoren und zahlreiche Details dieser Geschichte ausgearbeitet. Seit einiger Zeit hat die Gruppe sogar ein eigenes Logo, dass in Form eines Wappens ihre Kleidung ziert. Und die Gruppe entwickelt sich. Gerade entsteht eine eigene Webseite und die Treffen werden zur Routine. Auch auf Cons treten sie gemeinsam auf. Das gespielte Abenteuer in Greifswalds Wäldern geht also weiter.

von Lisa Klauke-Kerstan

Fotos: Privat