Die Gustel, Mitglieder des Greifswalder Universitäts-Studentischer Autorenverein, treffen nun den moritz. Jetzt könnt ihr die Geschichten auch hier lesen. Dieses Mal: ein Mörder mit literarischen Vorlieben.

GUStAV2Warum hatte sie das getan? Annette von Droste-Hülshoff. Es ging ihm nicht aus dem Kopf. Und diese Kieselsteine unter den Knien erst. In der Kiepenhauer Ausgabe, deren Einband ein grauer Stoff umhüllte und die ihr Veröffentlichungsdatum verschwieg, stach ihm zuerst eine Radierung in die Augen. Die Steinchen ließen sich im Dunkeln schwer erkennen. Mit den Händen wischte er über den Boden, vergeblich, da ihm beim erneuten Positionieren etwas ins Schienbein piekte. Das Bild. Annettes Kopf war zu groß für ihren Körper.

Das Gebüsch zeigte eine zufriedenstellende Wirkung hinsichtlich des Verbergens seiner Sichtbarkeit. Eine Zeit lang beobachtete er die vorbei ziehenden Passanten. Der Weg fand, je später es wurde, immer weniger Benutzer. Erneut kam ihm die Dichterin in den Sinn. Außer einem von Augenbrauen befreiten Hundegesicht, ihren abstoßend geflochtenen Haaren und einem ausladenden Kleid erweckten lediglich noch ihre Hände seine Aufmerksamkeit. Er verspürte den Drang, von ihnen berührt zu werden, nur von ihnen, ganz losgelöst vom Rest ihres Körpers.

Vereinzelt, aber noch nicht außer Sichtweite von weiteren Fußgängern observierte er nun auch Paare und mehr und mehr Berauschte, die einander auslachten. Annette, wieso hatte sie das gemacht? Mit welchem Recht hatte sie sich so sehr quälen dürfen?

Da war seine Chance. Eine einzelne Gazelle, die sich fernab von ihrer Herde abseits des Weges auf den Gräsern herumtrieb und diese womöglich beim Flanieren abknickte. War es die Unterdrückung durch das männliche Geschlecht? Konnte Anette es nicht deutlicher mitteilen? Langsam bewegte er sich auf die Frau zu. Sie strich sich durchs Haar, zog sich die Hackenschuhe aus, verbreitete ihr Parfüm in der Luft. Es vermischte sich mit dem nachtesfeuchten Gras und verpasste ihm eine Gänsehaut.

Auf der Innenseite der Rückseite des Einbands hatte der Vorbesitzer – er erinnerte sich noch sehr gut an dessen An- und Verkaufsladen – mit einem fein angespitzten Bleistift eine an Eleganz erstickende sechs, ein Komma und einen seitlichen Strich geschrieben. Er fragte sich, mit welchem Geldschein er das Buch für diese sechs Mark gekauft haben mochte. Vielleicht war es ihm aufgefallen, als er den Schein aus der Kasse gezückt hatte, vielleicht hatte er beim Überreichen des Geldes einen Witz darüber gemacht, vielleicht hatte er mit der Verkäuferin später einen Plausch in einem Café abgehalten, ihre gefesselte Schönheit, ihr Leben bewundert, sie bis zum Abend an seine Wurmlippen gebunden, um sie dann nach Hause zu bringen. Auf dem Rückweg war jedenfalls keine Frau bei ihm gewesen, lediglich das Buch. Vielleicht war dies nicht geschehen, vielleicht hatte er den Tag nach dem Kauf allein verbracht und wollte abends nach dem Lesen einen Spaziergang unternehmen, über Annette nachdenken, über sie und was sie getan hatte.

Seine kleine Gazelle wurde unruhig. Sie konnte ihn nicht gesehen haben. Dennoch ging sie schneller, das Ende des Parks in Sichtweite. Da erkannte er ihren Verfolger, ein ungeschickter Tor, der ihm nicht unbekannt war. Im letzten Moment stoppte dieser die Frau. Beide schnappten nach Luft. Annette mochte es ebenso ergangen sein, als sie sich in diesem mächtigen Kleid hatte zeichnen lassen. Ganz anders funkelte das Abendkleid der zu Boden geworfenen Frau. Ihr Werfer übermannte sie. Er war ein Kämpfer für den Frieden und als ein solcher bekämpfte er den Lärm eines unterlegenen und unter ihm liegenden Opfers.
Bald erreichte er die beiden und näherte sich, auf dass er sich in ihren Augen spiegeln konnte. Er wich, geblendet vom Laternenlicht, zurück und wartete, bis er wieder etwas erkannte. Zum Glück blieb er unbemerkt. Es zog ihn fortwährend an, die Gefahr, der Geruch von Schweiß und Blut, von Dreck. Er musste es sich nicht länger vorstellen. Er stand so nah bei ihnen, dass er sie berühren konnte. Er tat es sogar, zuerst ihre Füße, an denen er die Druckstellen von den Hackenschuhen befühlte, dann flüchtig den haarigen Rücken des Mannes, und schließlich umfasste er eine ihrer Brüste für einen kurzen Augenblick. Der Tor schnaufte und schnaubte, grunzte und stöhnte, sie weinte wehrlos, leise, lieblich.

Eine Strähne fiel über ihre Stirn. Sie gehörte dort nicht hin. Wie Annette, unterdrückt, geächtet und nicht weniger belächelt als erniedrigt vom Mannesgeschlecht, tauchte er in seine Figuren ein. Annette, wieso? Das Messer war der Schlüssel. Mit ihm verschaffte er sich Zutritt zu seinem salznassen Hals. Zehn Mal schlug das Herz des Diebes, der nur an fleischlicher Lust interessiert war, noch, bis es still stand.
Zuletzt galt es, das Narrenblut mit dem der Gazelle zu vermischen. Ganz brav und stumm gestattete sie es ihm. Eine liebe Person. Die Strähne legte er ins Buch. Vom Tor nahm er sich ein Stück seines Schnürsenkels. Annette und ihn unterschied etwas völlig Wesentliches. Er brachte seine Sache zu Ende. Hätte sie die Ledwina abgeschlossen, ihr geflochtenes Gesicht schmückte mit Sicherheit einen wertvolleren Schein.

von Mathias Archut