Cyber-Sex trägt einen neuen Namen und wird dadurch gesellschaftsfähig: Tinder heißt der heiße Stoff, der sich in kürzester Zeit zur namhaften Spielwiese studentischer Singles gemausert hat. Eine Glosse.

Werner trifft Hilde und sie haben Sex. Wohlgemerkt handelt es sich um ihr erstes Treffen. Sex ab dem ersten Treffen gehört die Zukunft. Zu dieser Erkenntnis kommen ein paar findige Programmierer und handeln. Ihre Erfindung nennt sich Tinder, der Zunder, der die Menschheit in ihrer evolutionistischen Entwicklung in die Höhe katapultieren soll.

Im Appstore für 89 Cent zu kaufen wird Reproduktion für den Menschen zeitsparender und ressourcenschonender, kurz, so effizient wie bei keiner anderen Spezies. Das ist die Idee, die hinter all dem steckt.
In der Konsequenz verschafft Tinder der Menschheit also multiple Selektionsvorteile.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Lange Wanderungen zum Partner, die bei anderen Arten im dreistelligen Kilometerbereich liegen können, bleiben einem dank der App erspart – dem feinmaschigen Tindernetz entgeht kein paarungswilliges Weibchen oder Männlein innerhalb der nächsten hundert Meter. Das Plus an Kraftreserven, so die Theorie, führt zu einer gesteigerten Libido und trägt mitunter zur erfolgreichen Fortpflanzung bei.

Wer seinen Beitrag leisten möchte, registriert sich und erstellt ein eigenes Profil, wo ausgewählte Profilbilder von Facebook die potenzielle Gespielin, den zukünftigen Liebhaber oder vielleicht auch beides überzeugen sollen. Um für die passende Braut nicht bis ganz in die Walachei fahren zu müssen, kann unter der Einstellung „Umkreis“ bestimmt werden, ob man bereit ist, einen, zwei oder dreißig Kilometer auf sich zu nehmen.

Nun wird versucht den „Match“, also das passende Liebesobjekt, zu finden. Die Wischbewegung mit dem Finger nach links oder rechts entscheidet über das gemeinsame Schicksal der sich Suchenden. Wischen beide nach rechts, finden sie sich gut und das Spiel kann beginnen. Wischt der eine nach rechts, der andere aber nach links, sprich der eine sagt Ja und der andere Nein, bleibt einem wenigstens die Peinlichkeit einer persönlichen Ablehnung erspart. Eine elegante und diskrete Konfliktlösung seitens der Programmierer, an dieser Stelle vielen Dank dafür.

Treffen bei Subway

Wie klappt das nun im Real Life? Nehmen wir als Beispiel die beiden Probanden Hilde und Werner. Sowohl Hilde als auch Werner haben beide einen Facebook-Account. Hilde lässt drei Profilbilder für Tinder freischalten, die bei Werner auf dem Display nacheinander aufleuchten. Werner gefällt, was er sieht und er wischt mit dem Finger nach rechts. Hilde wird also bei den Guten einsortiert. Andersherum passiert das Gleiche. Nur ist Hilde sich anfangs nicht sicher, ob der grinsende Werner neben seinem Auto, der zwinkernde Werner beim Tanzen und der sexy Werner am Strand wirklich ihr Fall ist. Für so einen Anflug von Unsicherheit haben die Programmierer vorgesorgt, wenn schon das Aussehen allein nicht als Totschlagargument ausreicht, dann doch gleiche Hobbys.

Um die inneren Werte also nicht zu kurz kommen zu lassen, werden die Interessenprofile von Facebook miteinander abgeglichen. Beim Herunterscrollen sieht Hilde nämlich, dass „Joko Winterscheidt“ und „Subway Deutschland“ schon einmal eine Gemeinsamkeit sind und für das erste Treffen als solide Gesprächsbasis herhalten könnten.

Werner wird also gespeichert und die beiden ergeben zusammen einen Match. Nun können sie virtuell über Tinder miteinander kommunizieren und Werner erzählt Hilde, dass er müde sei und gleich ins Bett gehe, es wäre nämlich schon neun Uhr abends. Hilde meint, dass ihr Tag an der Uni lang und hart gewesen wäre und Werner sagt, „meiner auch“, damit meint er seinen Arbeitstag.

Zwei Tage später wird das Treffen angesetzt, im Subway-Deutschland-Restaurant wollen sich die beiden Auserwählten das erste Mal persönlich sehen. Mit Glitzerlidschatten im Gesicht und drei Kondomen im Gepäck macht Hilde sich auf den Weg.

Werner wartet ungeduldig auf der Plastikbank und rattert im Geiste die Liste der zehn unglaublichen Geheimnisse über Zirkus Halligalli herunter, ein heißer Insidertipp, den Google ihm ausgespuckt hat.
Hilde kommt durch die Tür spaziert und die beiden geben sich zur Begrüßung die Hand.

Jetzt ist der Moment gekommen, wo Hilde feststellen muss, dass der Filter, der so galant mit der eigenen Akne im Gesicht umgegangen ist,  nicht minder wohlwollend den Pottschnitt von Werner retuschiert hat. Im weiteren Verlauf kann selbst Joko die Situation nicht mehr retten.

So tritt der, von den Programmierern prognostizierte, Idealfall doch nicht ein und nach einem Honey-Wheat-seven-Foot-Sandwich gehen die Probanden wieder getrennte Wege.
„In diesem Fall vielleicht auch gut so“ heißt es in der Stellungnahme der Computerexperten, „allein schon, um eine Erweiterung der genetischen Vielfalt um Akne und Pottschnitt in Kombi zu verhindern.“
Ein paar Griffe ins Klo sind bei so einer Sache also vertretbar, das findet auch Hilde und zu Hause kann guten Gewissens weiter gesucht werden. Der nächste Traumprinz ist sicher nur einen Fingerwisch entfernt.

von Anonym

Bild: Anonym