Um Veränderungen zu erkennen, muss man Vergleiche ziehen. Aus diesem Grund hat moritz. nach dem überraschenden und kurzfristigen Wechsel des Präsidiums im StuPa die alten und die neuen Präsidenten sowie ihre Stellvertreter interviewt.

Philipp, Martin und Timo, die Gesichter des ersten Präsidiums dieser Legisaltur, waren sehr redewütig. Magnus und Hannes, ihre Nachfolger, kompakt und sachlich. Der neue Stellvertreter, Alexander, hat sich gegen das Interview entschlossen. Ein Urteil überlässt der moritz. euch.

Warum habt ihr euch ins Präsidium wählen lassen?
Martin: Von dem Posten war ich erst gar nicht so begeistert. Ich wusste, einer hat Spaß und darf die Sitzung leiten und die anderen haben Pech und müssen die Folien an die Wand werfen oder das Protokoll schreiben. Was mich dann trotzdem gereizt hat mitzumachen, war, dass ich das Thema Bildungsstreik vorantreiben wollte.

Warum seid ihr zurückgetreten?
Martin: Ich bin ja quasi durchs Ziel gelaufen und hätte Erster brüllen können. Ich glaube, meine Geschichte muss ich nicht weiter ausführen. Bei mir hat die Zusammenarbeit mit dem Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) anscheinend nicht geklappt.
Philipp: Ich habe zu allen gesagt: Uni geht immer vor. Das Engagement in der Hochschulpolitik (HoPo) ist freiwillig und wenn die Uni darunter leidet, ist das scheiße. Ich habe eben gemerkt, dass das zeitlich überhaupt nicht mehr geht.
Timo: Das war bei mir sehr ähnlich. Ich habe gemerkt, ich schaffe die Dinge nicht mehr so, dass ich halbwegs gute Arbeit leisten kann.

„Am Ende hat die HoPo den Kürzeren gezogen“

Warum habt ihr euch nach dem Rücktritt wählen lassen? Seid ihr nur die Lückenbüßer?
Magnus: Ich war ja zum Zeitpunkt des Rücktritts schon eine Woche im Präsidium. Hätte ich mich auch noch zurückgezogen, wäre es problematisch geworden. Das wollte ich nicht.
Hannes: Ich bin zu der letzten Wahl des Studierendenparlaments (StuPa) nicht angetreten. Trotzdem bin ich in der HoPo engagiert. Nach dem Rücktritt wurde ich angesprochen, ob ich Lust auf den Posten hätte. Da habe ich nach kurzem Überlegen gesagt: Ja, mach ich.

Wie ist die bisherige Zusammenarbeit untereinander?
Hannes: Für mich war am Anfang alles ganz neu. Aber Magnus hat mich ein Stück weit an die Hand genommen. Deshalb läuft das von meiner Seite aus ganz gut.
Magnus: Ja, das sehe ich genauso. Durch den plötzlichen Rücktritt bin ich auch nicht vollständig eingearbeitet gewesen.
Seid ihr auch untereinander befreundet?
Hannes: Also ich kannte vorher weder Magnus noch Alex, aber ich finde beide sympathisch. Wir haben uns ja gerade erst kennengelernt.
Im alten Präsidium war die Freundschaft offensichtlich. Ist eure Freundschaft an der StuPa-Arbeit gewachsen?
Martin: Wurde auf die Probe gestellt, würde ich sagen. Die
Freundschaft hat die Sache gut überlebt, am Ende hat die HoPo den Kürzeren gezogen.

Hat sich eure Präsidiums-Arbeit auch ins Privatleben hineingezogen?
Timo: Das Problem ist, dass der HoPo-Haufen relativ klein ist. Dadurch kennen sich viele, verstehen sich gut oder sind befreundet. Da zwischen privat und geschäftlich zu filtern, verlangt schon viel Konzentration. Man muss auch aufpassen, dass man das kritische Verhältnis zum AStA aufrechterhält.
Philipp: Wir haben irgendwann im Freundeskreis den HoPo-Hammer eingeführt. Wenn der fiel, dann durfte nicht mehr über HoPo gesprochen werden. Trotzdem haben die anderen beiden mir oft vorgehalten, dass ich es wohl nicht immer geschafft habe, dieses distanzierte Verhältnis zu wahren.

Ihr seid alle in unterschiedlichen Hochschulgruppen, hat das einen Einfluss auf die Zusammenarbeit?
Timo: Vorher war klar, dass viele einen Präsidenten aus der PARTEI kritisch sehen würden. Ich habe aber schnell gemerkt, dass Philipp jemand ist, der weiß wie man Klamauk und ernste Probleme voneinander trennt.
Philipp: Ich habe auch relativ schnell gemerkt, dass das zusammen nicht funktioniert. Die PARTEI hat sich früher auf die Fahne geschrieben, immer die außerparlamentarische Opposition zu sein. Dann ein Parlament zu leiten, ist ein bisschen blöd.
Martin: Eigentlich sind die Hochschulgruppen egal, denn HoPo funktioniert ähnlich wie Kommunalpolitik in kleineren Gemeinden. Da rafft sich die Gesellschaft auch zusammen. Ähnlich ist das teilweise in der HoPo.

Was unterscheidet einen Piraten-Präsidenten von einem PARTEI-Präsidenten?
Magnus: Natürlich die Internetkompetenz.
Milos war auch von den Piraten und sehr präsent als Präsident. Möchtest du Milos 2.0 werden?
Magnus: 2.0 würde ich nicht sagen, ich würde eher 1.1 sagen.
Habt ihr rückblickend etwas aus der Präsidiumsarbeit gelernt?
Timo: Auf jeden Fall. Man lernt, professioneller mit den Leuten, die was wollen, umzugehen. Man wird besser im Verhandeln und Vermitteln.
Philipp: Ganz viele persönliche Softskills.
Martin: Textverarbeitung.
Philipp: Ey, PDF ist für mich zu einem komplett neuen Programm geworden. Das kann ja alles Mögliche, das ist großartig.

Haben euch bestimmte Eigenschaften gefehlt?
Martin: Man lernt viel zum Thema Kontrolle und Selbstkontrolle. Was ich noch aus der Sache mitgenommen habe: Meine kritische Haltung zu bürgerlich-parlamentarischen Systemen hat sich nach der Präsidiums-Arbeit gefestigt.
Timo: Was mir gefehlt hat, ist die Geduld mit den Leuten umzugehen, die alle denken, dass ihr Anliegen am wichtigsten ist.
Magnus: Ich glaube auch, dass man ziemlich geduldig sein muss für das Amt. Man wird von allen Seiten mit Fragen bombardiert.
Martin: Wie man mit wichtigen Menschen richtig redet. Ich glaube, da gab es so einigen Nachholbedarf bei uns. Ich erinnere mich an einige unpassende Mails.

„Präsent war der Zwist zwischen AStA und StuPa“

Gibt es etwas, das ihr besser machen wollt?
Hannes: Relativ präsent war bisher der Zwist zwischen AStA und StuPa. Ich finde, dass man da versuchen sollte, ein besseres Miteinander anzustreben.

Wie möchtet ihr das machen?
Hannes: So etwas läuft viel über die persönliche Ebene. Man sollte sich vor allem zuhören und sich in die Anderen hineinversetzen. Ich hatte das Gefühl, dass vorschnelle Urteile in einen Teil der Personaldebatten mit eingeflossen sind.
Magnus: Ein gewisser Zwist zwischen StuPa und AStA gehört ein Stück weit mit dazu, sonst wäre es keine verfasste Studierendenschaft. Aber das wurde manchmal sehr persönlich und das muss natürlich nicht sein.

Was ist euer persönliches Synonym für das StuPa?
Martin: Der innere Schweinehund, Spiel mir das Lied vom Tod, den Letzten beißen die Hunde, one year a slave, das dreckige Dutzend. Wir dürfen jetzt auch nicht zu negativ sein, weil im StuPa ja auch Sachen beschlossen werden, die wichtig und richtig sind.
Timo: Da muss ich echt überlegen.
Philipp: One year a slave finde ich gut. Das Generalisieren ist schwer. Wenn ich an bestimmte Zeiten denke hätte ich sofort gesagt: „Kindergarten für Schwererziehbare“. Es gab aber auch Zeiten, da mochte ich den ganzen Haufen echt.
Timo: Da fällt mir nichts ein.
Magnus: Ich glaub das StuPa steht für sich selbst. Mit allen positiven und negativen Sachen.
Hannes: Debattierklub.

Sollen wir weiter für die Bildung streiken?
Martin: Wir sollten nicht aufhören zu streiken. Denn wenn das Ergebnis des Landesrechnungshofes auf dem Tisch liegt, hat uns Brotkorb den Krieg erklärt und wir müssen uns verteidigen.
Timo: Mir hat mal ein Professor gesagt: Früher sind die Studenten für weniger auf die Straße gegangen. Ich finde, das stimmt. Ich habe so ein bisschen die Hoffnung, dass viele Studenten, wenn die ersten krassen Einsparungen spürbar sind, aufwachen und merken, dass hier was schief läuft.

Habt ihr denn schon für den Erotikkalender gespendet?
Philipp: Klar. Meine ganze Familie hat schon gespendet. Die wollen alle einen haben.
Martin: Neeein.
Timo: Nee, habe ich nicht.
Philipp: Die beiden kriegen vielleicht einen zu Weihnachten.
Martin: Zu Weihnachten will ich aber ein neues Megafon für den Bildungsstreik haben.
Hannes: Nein, aber ich habe es vor. Mein Papa wünscht sich einen Kalender.
Magnus: Bei mir dieselbe Antwort. Nur ohne das mit dem Vater.

Es wurde sich in dieser Legislatur sehr viel solidarisiert. Wie steht ihr dazu?
Philipp: Ich muss sagen, das ist ein zweischneidiges Schwert, vor allem im StuPa. Ich habe auch eine Weile gebraucht, um es wirklich vollends zu verstehen. Einerseits ist Solidarisieren eine Form der Selbstbeweihräucherung. Andererseits geht es aber auch darum, durch die politische Linie des StuPa die Studierendenschaft auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen. Für mich überwiegt diese Seite. Solidarisieren ist wichtig. Trotzdem schafft man es zeitlich nicht immer, sich außerhalb vom StuPa zu engagieren.

Braucht das momentan männliche Präsidium mehr Frauenpower?
Hannes: Ich denke, das StuPa insgesamt bräuchte mehr Frauenpower.
Philipp: Ich bin der Meinung, wenn es jemand besser machen kann, dann soll es der andere machen – egal ob Mann oder Frau.
Martin: Auch wenn ich Philipps Ehrlichkeit mag, was er sagt ist so ein bisschen naiv. Ich glaube, mehr weibliche Beteiligung würde dem Studierendenparlament ganz gut tun.
Magnus: Frauen sind immer gut. Vielleicht gibt es auch mal ein komplett weibliches Präsidium, aber das sieht wahrscheinlich für die nächste Legislatur auch eher schlecht aus.
Timo: Es ist auf jeden Fall wünschenswert, wenn tatsächlich in allen Gremien auch viele Frauen vertreten sind. Das Problem ist eben, dass die Frauen das auch wollen müssen.

Was gebt ihr den neuen Präsidenten mit auf den Weg?
Timo: Wichtig ist, dass die drei Personen sich vertrauen. Weil zu dir ganz viele Menschen mit einem Eigeninteresse kommen. Da muss man vorsichtig sein, dass man sich von keinem vor den Karren spannen lässt. Ich wünsche denen ausreichend Geduld und Durchhaltevermögen. Aber wenn man die ersten zwei Sitzungen mit Magnus als Präsident betrachtet, hab ich da ein ziemlich gutes Gefühl.

von Lisa Klauke-Kerstan und Vincent Roth

Illustration: Lisa Sprenger