Ist die Sonne schon untergegangen? Und wohin sind die zwei Typen verschwunden, die eben noch rechts von mir saßen? Fest steht: es ist 22:30 Uhr und ich habe gerade die gefühlt hundertste DVD-Rezension auf amazon.de gelesen. Als mich eine Freundin nach der Redaktionssitzung ungläubig fragte, ob ich wirklich bis 24 Uhr in der Bibliothek hocken werde, konnte ich noch darüber lachen, denn ich hatte ja keine Ahnung.

8:00 Uhr – Euphorische Konzentration

Es fing eigentlich gut an. Als ich mich an einem Donnerstag um halb acht auf den Weg mache, fragt mich meine Mitbewohnerin erstaunt, wohin ich denn so früh aufbreche. Dahin, wo keiner freiwillig am Morgen sein will, denke ich mir, als sie die Tür hinter mir schließt. Vor dem Eingang des größten Wissensspeichers der Universität erwarten mich eine Handvoll Leidensgenossen. Nein, sie warten natürlich nicht auf mich, sondern darauf, dass jemand endlich die Tore öffnet und sie von der unbarmherzigen winterlichen Kälte befreit. Drinnen ist es wie gewohnt still und angenehm warm. Ein kleiner Tannenbaum steht verloren in diesem hallenartigen Gebäude und erinnert daran, dass die besinnliche Zeit des Jahres angebrochen ist. So verloren wie dieses Bäumchen fühle ich mich gerade auch, wenn ich daran denke, hier die nächsten 16 Stunden dieses Tages zuzubringen. Tief durchatmen, so schlimm kann es nicht werden! Unten habe ich die freie Wahl, was die Schließfächer betrifft. Ich entscheide mich für ein großes. Was die Leute wohl dazu antreibt, so früh hier zu sein, frage ich mich, als ich mich mit meinem vollgepackten Körbchen die Treppe hinauf quäle. Ich hätte den Fahrstuhl nehmen sollen. An meinem Lieblingsplatz ganz oben bei den Kunstwissenschaften angekommen, muss ich mich erst mal ausruhen. Links und rechts von mir ist noch keiner zu sehen. Weiter unten sind aber auch schon einige Plätze besetzt, von Kommilitonen, die zumindest so aussehen, als hätten sie bereits die höchste Stufe ihrer Konzentrationsfähigkeit eingestellt. Ich baue meinen PC auf, und stecke meine Nase in ein Buch über Vermeer, in dem Wissen, dass es nicht lange dauern wird, bis ich das erste Päuschen einlege.

10:00 Uhr – Geflüstert wird nicht!

Bib2Und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er denn noch heute. Ich lege Vermeer zur Seite und schaue über die Brüstung hinab zu den Arbeitsplätzen unten. Es sind mittlerweile ein paar mehr besetzt worden. Mir scheint, als wäre der Vormittag die betriebsamste Zeit der Bibliothekare. In den letzten zwei Stunden waren sie nämlich erstaunlich aktiv. Und das vor allem in hörbarem Plaudermodus. Ein Typ kann sich nicht entscheiden, wo er sich niederlassen soll. Zuerst sehe ich ihn im dritten, dann im zweiten Obergeschoss unentschlossen durch die Reihen gehen. Es sei angemerkt, dass der Großteil der Tische frei ist. Also wo ist sein Problem? Es ist ruhig. Irgendwo in der Ferne höre ich ein akkuschrauberähnliches Geräusch – oder ich bilde es mir nur ein.

 

 

12:00 Uhr – I miss you Mensa

Dass es bereits Mittagszeit ist, merke ich nicht nur an meinem knurrenden Magen, sondern auch an den sich lichtenden Tischreihen. Richtig gearbeitet habe ich schon seit etwa einer Stunde nicht mehr. Facebook und Co. sind einfach zu verlockend. Neidisch sehe ich zu den Menschen rüber, die hungrig in die Mensa strömen. Was wartet auf mich in meinem Schließfach? Eine kalte Stulle und ein Apfel. Aber nein, ich halte noch zwei Stunden durch! Gegen dreizehn Uhr wird es wieder merklich voller und geschäftiger in der Eingangshalle. Zumindest fühle ich mich jetzt weniger wie der letzte Trottel, der in der Bib hockt, während sich alle anderen mit etwas Warmem die Bäuche füllen. Bis zu diesem Tag wusste ich nicht, dass man das Mensaessen vermissen kann.

15:00 Uhr – Sport frei!

Gerade bin ich nach einem ausgedehnten Abstecher zuerst zum Schließfach, danach in den Pausenraum und zuletzt an der Tafel für Aushänge vorbei an meinen Platz zurückgekehrt. Nach nun bereits sechs Stunden, die ich in beinahe vollkommener Stille verbracht habe, kam mir der Pausenraum fast schon wie eine lärmende Vollversammlung vor. So muss es sich wohl anfühlen, wenn ein Museumsaufseher nach Feierabend aus seinem Arbeitsumfeld auf die Straße tritt. In jedem Fall wird man wieder munter. Vielleicht hat aber auch der Kaffee seinen Teil dazu beigetragen. Die Leute, die ich da unten angetroffen habe, waren unterschiedlich. Eine Studentin umringt von männlichen Freunden, die beteuerte, sie hätte bereits drei weitere Kapitel durchgearbeitet. Der eine Typ neben ihr nickte und zog gemächlich an seiner E-Zigarette. Eine andere Gruppe unterhielt sich ganz eifrig über den Sinn von Amazon Prime für Studenten. Den weiteren Verlauf ihrer Diskussion habe ich nicht mehr mitbekommen. Als ich meine Stulle mit Käse verspeist hatte – und dabei habe ich mir besonders viel Zeit gelassen – habe ich mich überredet, aufzustehen und mir die Beine zu vertreten. Die Aushänge waren langweilig. Zwei Drittel Wohnungsanzeigen oder Angebote von Möbeln oder Büchern. Der Rest Nachhilfegesuche oder Partyinfos. Da ich nicht rauche, macht es wenig Sinn, nach Draußen zu gehen. Ich tat es trotzdem, nur um ein Hauch frischer Luft einzuatmen. Auf meinem Rückweg begegnete ich einem Pärchen. Der Art von Pärchen, die aneinander festgenäht zu sein scheinen und wirklich immer Händchen halten. Auch auf der Treppe, was sich dann natürlich als umständlich herausstellt. Neben solchen Pärchen fallen mir auch jedes Mal die Sportfanatiker auf, die gleich zwei Stufen auf einmal nehmen. Woher kommt diese Energie? Wenn ich ganz oben ankomme, muss ich immer erst mal Luft holen, was mich jedes Mal daran erinnert, dass ich vielleicht doch mehr Sport machen sollte.

18:00 Uhr – Lebendig wie ein Lebkuchen

Bequemlichkeit ist eingekehrt. Die eine neben mir benutzt ihr Körbchen praktischerweise als Fußstütze und eine andere hat ihre Schuhe ganz und gar ausgezogen – zugegeben, ich ebenfalls. Immerhin habe ich einen weiteren Artikel über die lautliche Substanz der Sprache als Gegenstand der Phonetik durchgearbeitet. Ich bin stolz auf mich. Aber langsam wird es schwer, den letzten Rest an Konzentration aufzubringen.
Zwei Kommilitoninnen schlendern plaudernd über eine der Brücken. Sie wissen, wie man sich richtig in Szene setzt. Auf der gegenüberliegenden Seite sehe ich gerade einen Typ zwischen den Regalen verschwinden. Er guckt sich verdächtig um und führt sein Telefon an sein Ohr. Dabei müsste er sich gar nicht so viel Mühe geben. Die meisten haben Kopfhörer auf und kriegen sowieso nichts mit. Mir reicht es jetzt. Ich muss die Umgebung wechseln.

Ich packe mein Zeug zusammen und schlendere einfach los. Ich weiß, dass viele es äußerst ätzend finden, wenn Leute in der Bibliothek hin und her wandern. Aber heute bin ich eben mal unsozial. Die Medizineretage ist, bis auf ein paar ziemlich alt aussehende Bände, uninteressant. Also gehe ich runter zu den Geisteswissenschaften. Während ich so durch die Regalreihen gehe, sehe ich dutzende interessanter Bücher, und nehme mir vor, sie irgendwann zu lesen. Aber genauso ungewiss wie das Wort „irgendwann“, ist es auch, dass ich das wirklich tun werde. Drüben, in den Gruppencarrels geht es geschäftig zu.
Die Tafeln werden eifrig bekritzelt und die Gruppenmitglieder scheinen produktiv zu sein. Eine Gruppe hat sogar Lebkuchen auf dem Tisch liegen. Die lassen es sich aber gut gehen. Dabei fällt mir ein, dass ich im Schließfach auch noch Spekulatius haben sollte. Also, nichts wie runter!

20:00 Uhr – So lonely

Bib3Ok. Ich weiß nicht, was ich noch mit mir anfangen soll. Sogar meine Freunde antworten mir nicht mehr. Alle sagen, ich wäre doch verrückt! Ich beschließe, nach einem Schlüssel für ein Einzelcarrel zu fragen. Und tatsächlich ist eines frei. Super. Dann kann ich endlich unbemerkt ein Nickerchen halten. Da mich hier keiner stören kann, wache ich nach einer halben Stunde Powernapping auf und muss enttäuscht feststellen, dass ich mich zumindest physisch immer noch in einer kleinen Kabine in einer Bibliothek in Greifswald befinde! Wie deprimierend.

Theoretisch liegen noch dreieinhalb Stunden vor mir. Doch ich sehe es kommen, mein Wille wird nicht stark genug sein. Aber noch halte ich durch. Solange mich meine Kopfhörer und You Tube nicht im Stich lassen, versuche ich, das Experiment zu Ende zu bringen. Langsam ertappe ich mich dabei, wie ich alle zwei Minuten die Uhrzeit kontrolliere. So eine Verräterin. Wenn man will, dass sie schnell vergeht, lässt sie ihre Zeiger absichtlich in die falsche Richtung laufen!

22:30 Uhr – Überdosis

Es reicht. Wenn du merkst, dass du anfängst, dir auf YouTube lustige Tiervideos anzusehen, muss du dir eingestehen, dass du den höchsten Grad an Langeweile und Sinnlosigkeit erreicht hast. Es hilft nichts – 16 Stunden, das ist eindeutig zu viel! Es gibt ihn sicherlich, den Studenten, der am liebsten in der Bib wohnen würde. Wenn ich ihn jemals treffen sollte, werde ich ihm sagen, dass er spinnt.
Als ich nach draußen an die frisc­he Luft trete, sage ich mir, dass ich mindestens die nächste Woche keinen Fuß in dieses Gebäude setzen werde. War es das wert? Zumindest weiß ich jetzt, dass es eine bestimmte Überdosis an Bibliothek gibt.
Ich war nahe dran.

von Jenia Barnert

Fotos: Tine Burkert

 

Was Studenten nicht wissen – Bibliothekarin erzählt

Lange Öffnungszeiten waren ursprünglich dazu gedacht, einen Ansturm zu vermeiden. Das kann aber nicht funktionieren, weil die meisten ihre Arbeit schon vor 21 Uhr schaffen wollen.

Gewitzte Studenten stehen schon vor acht auf der Matte, um sich Schlüssel für die begehrten Einzelcarrells zu sichern, um dann erstmal ganz entspannt frühstücken zu gehen.

Es gibt eigentlich zu wenig Schließfächer: es kommen 400 Fächer auf 500 Plätze

Auch die Toilettensituation ist nur auf 500 Studierende zugeschnitten.

Es gibt Gesichter, die das Bibliothekspersonal schon beim Namen kennt, weil sie praktisch jeden Tag da sind (vor allem BWL-, Jura- und Medizinstudenten)

Manche kommen nach ihrem Abschluss noch einmal in die Bibliothek und bedanken sich beim Personal für die gute Organisation und die Freundlichkeit.

Bibliothekare können es sich natürlich nicht vorstellen, 16 Stunden in der Bibliothek zu verbringen.

Es soll einmal einen Flashmob gegeben haben, bei dem Studenten auf den Tischen getanzt haben. Dieser wurde gefilmt und später mit Musik zu einem Video zusammengeschnitten.