… splitterfasernackt auf einem Tisch stehend, umgeben von neugierigen Augen, die dich ausgiebig beschauen und denen kein Makel entgeht. Was zunächst wie ein Albtraum klingt, wird in den Zeichenwerkstätten des Caspar-David-Friedrich-Instituts zu Kunst.

Was bewegt ein Aktmodell nackte Tatsachen zu schaffen und was geht in dessen Kopf vor, während alle zeichnen? Zwei moritz.-Redakteure machten den Selbstversuch und standen den Studenten der Bildenden Künste Modell. Ein Erfahrungsbericht.

Ihre Sicht

Ich werde in weniger als fünf Minuten nackt vor fremden oder vielleicht auch bekannten Gesichtern stehen, die meinen Körper als Stellvertreter für die Gattung Mensch auf Papier bannen werden. Neben mir steht mein Freund. Er ist Teil dieses Projekts und ich sehe in seinen Augen, dass auch er eine Fülle von Gedanken und Gefühlen in sich trägt. Ich frage mich, ob es die gleichen sind wie die meinen. „Bist du nervös?“, fragt er mich und durchbohrt mich mit seinem Blick auf der Suche nach der Antwort. „Nein“, antworte ich, „ich will nur, dass es schnell vorbei geht, ich bin müde und kaputt von meiner lästigen Erkältung“.

Die Vorstellung beginnt

Jeder in ein Handtuch gehüllt, betreten wir den Zeichensaal. In der Mitte des Raumes stehen zwei mit Decken bedeckte Podeste, die zu einem T geformt sind. Sieht aus wie ein Minilaufsteg oder in unserem Fall wie ein Präsentierteller. Während der Kursleiter, Professor Schramm, mit meinem Freund spricht, stehe ich daneben wie Falschgeld und schaue mich etwas unsicher um. Ich kenne den Professor irgendwoher. Fühlt sich komisch an, aber schließlich sind wir in Greifswald. Es war zu erwarten, dass Leute dabei sind, die man selbst oder die einen schon einmal gesehen haben. Die Kursteilnehmer sitzen auf ihren mit Farben vorangegangener Malkurse bekleckerten Stühlen und sind startklar. Alles wirkt routiniert und ich fühle mich langsam wohler. Für den Kurs durfte eigene Musik mitgebracht werden. Wir entschieden uns kurzfristig für den Filmsoundtrack zu „The Big Lebowski“ und für ein Album von Lorde. Wir legen unsere Handtücher beiseite und der erste Song beginnt.

Der erste Akt

Professor Schramm gibt uns die erste Posing-Instruktion und erklärt, dass die Posen zu Beginn nur für zwei bis drei Minuten gestanden werden und zum „Warmzeichnen“ dienen. Wir bringen uns also in Stellung. Es ist beruhigend eine Aufgabe zu haben, wenn man so nackt in der Gegend steht. Ich überlege, wie ich mich bewege, damit man keinen freizügigen Einblick in die Schamgegend hat. Mein Freund hat es dahingehend leichter. Er muss nicht auf den Öffnungswinkel seiner Beine achten. Wir schauen uns an und lächeln. Kurzzeitig habe ich die anderen Menschen im Raum vergessen. Schön. Ich schaue dann aber weg und suche mir einen neutralen Punkt an der Wand, da ich nicht einen der Teilnehmer anstarren möchte. Ich sitze auf dem Podest, mein Freund steht neben mir und streckt die Hand nach mir aus. Die Szene soll darstellen, wie er mir aufhelfen möchte. Die Zeit läuft. Alle zeichnen. Es drängt sich mir die Frage auf, wie innerhalb von wenigen Minuten ein Abbild von uns beiden auf Papier entstehen kann, das einigermaßen brauchbar ist.

Gedankenwelt

Die Erkältung sorgt dafür, dass ich schwitze und gleichzeitig friere. Sehen die anderen die Schweißperlen? Nackt sein, das bedeutet auch, dass man nichts verbergen kann, während mehrere Augenpaare deinen Körper betrachten. Es ist mir unangenehm, aber ich versuche dieses Gefühl nicht allzu groß werden zu lassen, denn Stress sorgt für noch mehr Schwitzen. In den folgenden Posen richte ich mich immer weiter auf, um den Prozess des Aufstehens mit Hilfe der Hand meines Freundes darzustellen. Während der letzten Pose dieses Settings erhasche ich dann doch den einen oder anderen Blick auf die entstehenden Zeichnungen einiger Teilnehmer. Manche konzentrieren sich nur auf einen Ausschnitt. Ein Student zeichnet zum Beispiel lediglich unsere Hände, die sich beinahe berühren. Jetzt wird mir auch klar, wie sie in der kurzen Zeit etwas Ansehnliches auf das Papier bringen können. Ich phantasiere darüber, welchen Ausschnitt ich wählen würde.

Gefühl und Zeit

Im weiteren Verlauf dehnen sich die Posing-Zeiten auf fünf bis über zehn Minuten aus. Außerdem kommen zwei Requisiten in Gestalt einer Pumpe und eines aufblasbaren Gummiballs hinzu. Alle weiteren Szenen beinhalten diese beiden Gegenstände. Die Zeit vergeht unheimlich schnell. Das Verharren in einer Position ermöglicht eine Art Innehalten, das einem erlaubt entweder ganz da zu sein oder sich seinen Gedanken hinzugeben. Die Ruhe und Bewegungslosigkeit des Körpers gibt Raum für Bewegung im Kopf.

Ich bin konzentriert, ohne mich anstrengen zu müssen. Die anfänglichen Bedenken bezüglich der Offenlegung und Zurschaustellung meiner Problemzonen und das peinliche Gefühl, was entsteht, wenn diese in bester Ausleuchtung anderen präsentiert werden, verschwinden innerhalb der ersten 15 Minuten. Das merkwürdige und befremdliche Gefühl, vor anderen Menschen nackt und vor allem im Mittelpunkt der Betrachtung zu sein, verflüchtigt sich vollkommen, denn nackt sein heißt natürlich sein. Natürlich sein bedeutet schön sein. Teil von Kunst werden bedeutet ewig sein. Ein fantastischer Gedanke.

von Claudia Sicher

Seine Sicht

NackteMeine Mitbewohnerin studiert Kunst auf Lehramt und brachte mich auf die Idee, auch einmal Modell zu stehen. Das war 2011. Es brauchte drei Jahre und einen sanften Schubs von meiner Freundin, die vorschlug, das doch zusammen zu machen, bis ich mich dann doch traute. Als wir den Zeichensaal betreten, erscheint sie mir wortkarg und fast schon eingeschüchtert, wobei eigentlich sie diejenige mit der unverkrampften Einstellung zum eigenen Körper ist. Ich bin selbstverständlich aufgeregt, so als müsste ich gleich einen Vortrag halten – nackt. Vor Beginn stehen wir in Handtüchern gehüllt vor dem Podest und kriegen noch ein paar Instruktionen. Ich traue mich nicht ganz mich umzusehen, aus Angst ein bekanntes Gesicht zu erblicken. Vor völlig Fremden nackt zu sein macht mir weniger aus, als wenn beispielsweise meine Mitbewohnerin unter ihnen säße. Glücklicherweise ist diese am heutigen Abend nicht da.

Handtuch runter, Hände hoch

Der Kurs beginnt mit dem für mich größten Hindernis – dem Ablegen der letzten Schutzhülle vor den Blicken der Anderen. Ich klettere auf den erhöhten Tisch, um den die Studenten im Kreis sitzen, was sich allein aufgrund der Tatsache, dass wir nackt sind, viel ungelenkiger anfühlt, als es wahrscheinlich aussieht. Ich bin froh, dass wir zuerst im Sitzen posieren, im Schneidersitz fühle ich mich sicherer, als wenn ich stehe und der Schritt entblößt ist. Die Lampen strahlen eine verrückte Hitze aus und es fühlt sich so an, als hätte ich einen hochroten Kopf. Den Blick starr auf den WLAN-Router an der Wand gerichtet, sitze ich da ohne mich zu rühren oder eine Miene zu verziehen. Erst nach und nach wird mir klar, wie albern das ist. Beim Aktzeichnen geht es um die Körperposition. Um die bei einer Stellung sich auf der Haut abzeichnenden Muskeln und ausdrucksstarke Formen und nicht um einen grimmigen Blick an die Wand. Ich lockere meine Spannung im Gesicht und lasse den Blick nun doch im Raum schweifen. Keiner unter den Studenten kommt mir bekannt vor, was mich etwas erleichtert. Wir beginnen mit kurzen Stellungen, die allmählich länger werden und den Studenten eher die Möglichkeit geben alles einzufangen. Ich kann mir dennoch nicht vorstellen, dass man in zehn bis fünfzehn Minuten zwei Menschen zeichnen kann.

Keine Kunst ohne Aufopferung

Nichtsdestotrotz müssen wir lange in unbequemen Positionen ausharren. Die Studenten lernen die Anatomie des Menschen durch das Zeichnen kennen, während bei mir, durch das lange Stehen, Muskelgruppen schmerzen, die ich vorher nicht einmal kannte. Nach der dritten Position, bei der ich das Körpergewicht auf dem linken Bein halte, beginne ich zu zittern und muss unauffällig das Gleichgewicht ändern. Innerlich entschuldige ich mich bei den Studenten, da ich dabei vielleicht deren Bildkomposition zerstöre. Wir finden eine Position, in der meine Freundin und ich uns anschauen und haben die Möglichkeit miteinander zu flüstern. Ich vergesse die Menschen um uns herum und verliere meine Beklemmung völlig. Wir scherzen leise und sprechen über schöne Zeichnungen, die wir aus den Augenwinkeln bereits sehen können. Die Zeit vergeht sehr schnell – auch weil man sich durch das Innehalten des Körpers in seine Gedanken zurückziehen und Tagträumen nachhängen kann. Ich frage mich ebenfalls, was denn so in den Köpfen der Zeichnenden vorgeht. Wahrscheinlich sind ihnen meine subjektiven Problemzonen nicht aufgefallen und sie konzentrieren sich allein auf das Zeichnen. Einmal in der Woche Akte zu zeichnen, bedeutet ja auch, dass man aufgeklärt mit dem Nackten umgehen kann. Die anderthalb Stunden verfliegen und als es vorbei ist, laufe ich ungeniert zu meinem Handtuch. Was ist schon dabei, nackt zu sein?

von Iwan Parfentev

Fotos: Jan Krause (Aufmacher), Ulrike Hau (Zeichnung)

Wenn ihr auch mal Modell stehen wollt, dann meldet euch hier:
jan.krause@stud.uni-greifswald.de
marcus.schramm@uni-greifswald.de