Als „Häppchen-Messe“ ist die Grüne Woche seit Jahren bekannt. Was es neben den Appetitanregern in Berlin noch zu sehen gab und wie sich Mecklenburg-Vorpommern hier behaupten kann, wollte moritz. herausfinden und stieß auf viel Kontroverses.

Ein skeptischer Blick legt sich in mein Gesicht, als ich die Pressemitteilung lese: In Anwesenheit Ihrer Königlichen Hoheit Prinzessin Irgendwas aus Irgendwo wurde am 16. Januar 2015 die Länderhalle Mecklenburg-Vorpommern (MV) durch Dr. Till Backhaus eröffnet. Dass der Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz von MV da ist, wundert wenig, aber die thailändische Prinzessin? Na gut. Meine Neugier ist geweckt. Die Internationale Grüne Woche präsentiert zum 80. Mal kulinarische Besonderheiten und Neuheiten. MV ist zum 25. Mal dabei. Doppelgeburtstag! Da kann man sich schon mal eine Prinzessin einfliegen, auch wenn mir immer noch nicht ganz klar ist, was Maha Chakri Sirindhorn mit der Lebensmittelindustrie in MV zu tun hat – aber wenn sie schon mal da ist, kann sie ja mal winken kommen.
Stadtbus verpasst! Das überteuerte Taxi bringt mich in die Stadt, sodass ich den Fernbus nach Berlin gerade noch erreiche. Hoffentlich lohnt sich der Aufwand. Zehn Uhr – Menschenmassen bewegen sich in Richtung Eingang der weltgrößten Ausstellung für Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau. Ich ströme mit und versuche derweil anhand der Aussteller den Aufbau der Messehallen zu erfassen: Links internationale Ernährungswirtschaft, rechts die „Deutschland-Tour“ und fast am Ende des Geländes die MV-Halle 5.2B. Das Beste kommt zum Schluss, wie man so schön sagt. Ich muss schmunzeln und entscheide mich für die Deutschland-Tour. Ich falle in eine riesige Halle: Windmühle, Rostbratwurst, Klöße und Zwiebelzöpfe hätten auch ohne das große Länderschild keinen anderen Schluss zugelassen als Thüringen. Von der Mitte des Landes arbeite ich mich kreuz und quer durch die Republik. Thüringen kuschelt in dieser Halle mit Niedersachsen und Bremen, nebenan Berlin mit Sachsen, Schleswig-Holstein mit Hessen und irgendwo hinter der Nutztierhalle kann sich MV mit Baden-Württemberg verbrüdern. Die Anordnung wurde vermutlich aus reinen Platzgründen gewählt, aber ein wenig mehr geographische Orientierung hätte ich mir in der Hallenzuordnung schon gewünscht.

„Zeigen, was das Land bietet“

Ebenso wie die 16 Bundesländer ist auch das Angebot an Ausstellern bunt gewürfelt. So finden sich zwischendrin immer wieder Exoten wie diverse Reiseanbieter, ein Erlebniswald in Bayern für alle Sinne und ein vom Land Sachsen in Auftrag gegebener Abschnitt mit Museumsstücken. Marius Spärling betreut den Stand des Motorsportvereins in und aus Sachsen-Anhalt. Er findet es keineswegs seltsam, zwischen Lebensmittelproduzenten und -vertrieben zu stehen, schließlich ginge es darum zu „zeigen, was das Land zu bieten hat“.

Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen (NRW) präsentieren sich biologisch als Obstproduzenten. Diverse Bioökonomie-Aussteller verschärfen den Eindruck des grünen NRW durch die räumliche Nähe. Auch Bayern und Berlin geben sich stark alternativ, auch wenn gewisse Wasseranbieter mit veganem Fruchtwasser werben und nicht einmal wissen, wo der Saft für die Produkte herkommt. Dem Trend folgen scheint hier die Devise zu sein. Aber dass Menschen, die sich mit alternativen Ernährungsstilen auseinandersetzten, sich vielleicht nicht nur für ein fleischfreies Produkt interessieren, sondern auch gern wüssten, was sie stattdessen zu sich nehmen – Stichwort „Bio“ oder „Fair Trade“ – scheint hier noch nicht angekommen zu sein.

Zweierlei findet man aber in allen Ländern: Apfelchips und Bier. Dass Apfelchips voll im Trend zu liegen scheinen, wurde mir eigentlich erst hier wirklich bewusst. Bier hingegen ist bei der Biertrinkernation Deutschland nicht verwunderlich. Eklig wird es dann aber, als ich mich an die Weißbiermarmelade und den Biersenf heran wage. Für gestandene Bierliebhaber sicher eine Bereicherung, aber ich werde mein Brot wohl künftig mit alt bewährten Produkten belegen. Wie gut, dass ein Bio-Senfstand in der Nähe ist. Grob 30 Sorten Geschmacksexplosion als Auszug des Sortiments, serviert auf Hostien. Gegen diese Senfvielfalt wirkt das Angebot unseres Greifswalder Senfladens fast etwas mager.

Irrwege

Auf meinem Weg komme ich nicht umhin, die Nutztierhalle zu betreten, von welcher aus auch das messeintegrierte Restaurant erreichbar ist, was ich als „Teilzeit-Vegetarier“ und mikrobiologisch versierter Mensch sowohl makaber als auch hygienisch bedenklich finde. Wenn der Anblick der Mini-Ferkel, Riesen-Büffel und Pferde mit geflochtenem Haar Appetit anregen soll, hat das bei mir jedenfalls nicht funktioniert. Mit dem Gedanken an den vergangenen „Pferdefleisch-Skandal“ suche ich ein wenig desorientiert zwischen den Gitterstäben der temporären Tierbehausungen nach den Übergängen zu den benachbarten Hallen. Trotz beeindruckender Lüftungsanlage ist der Geruch für meine stadtgeprägte Nase nicht gerade eine Wohltat. An einem der Ausgänge muss ich dann aber doch noch einen Moment verharren, als mir ein Stand für den Schutz gefährdeter Arten auffällt. Zwischen Jahresberichten und Neuerungen der Deutschen Nutztierhalter versucht man den Besucher hier über Artenvielfalt in der Nutztierhaltung, Probleme der Massentierhaltung und die Chancen industriell außergewöhnlicher Tierarten zu informieren. Ich glaube, von diesem Aussteller könnte ich Fan werden.

Zwar habe ich das Ziel verfehlt, aber immerhin ist die olfaktorische Reizüberflutung erst mal vorüber. Ich finde mich nicht in der MV-Halle wieder, sondern in einem breiten Angebot von Nutztierzubehör. Felle, Anglerbedarf, ein einsamer Elch, dessen Existenz in dieser Halle nicht ganz schlüssig erscheint, Imkereibedarf und summende Bienchen in einer Art Terrarium, Reptilien- und Rassekaninchenzüchter und mittendrin ein Grillstand mit Bänken neben einem Areal für Kinderbildung. Sollen die Kleinen jetzt lernen, wie sie ihrem Haustier das Fell über die Ohren ziehen?

Nach wie vor orientierungslos frage ich mich immer wieder, wer sich solch einen Aufbau ausdenkt. Welche Intention auch immer dahinter stehen möge, ich fühle mich eher fehl am Platz. Während ich mich durch ein paar Honigsorten teste, tröste ich mich mit dem Gedanken, dass ich wohl nicht zu den Zielgruppen gehören kann, bevor ich mich wieder auf die Suche nach dem Grund meines „Hier-seins“ mache.

Unverhofft kommt oft

Endlich betrete ich die Halle 5.2B. Von der Hauptbühne werde ich von eingängigen Schlagern, schwungvoller Volksmusik und unvergesslichen Evergreens begrüßt und ich frage mich, ob das die Mentalität und das durchschnittliche Alter in MV wiederspiegeln soll.

Es ist eng. Voll war es auch in anderen Hallen, aber 60 Aussteller scheinen mir auf so kleinem Raum dann doch zu viel. Ich versuche erst einmal alles auf mich wirken zu lassen. Bei dem Versuch, mich mit meinem Kaffeebecher auf den soliden Bierbänken niederzulassen, werde ich von einer garstigen Stimme „Hier ist besetzt!“ harsch in meinem Bewegungsablauf unterbrochen.
Ich versuche mein Glück fünf Bänke weiter und treffe deutlich freundlichere Menschen an. Ich komme mir vor wie im Großtiergehe, als ich mich Arsch an Arsch mit ihnen an den Tisch zwänge, während der Lübzer-Angestellte dem Sänger ein Bier auf die Bühne bringt. Mit mir am Tisch sitzen sechs Herrschaften im Rentenalter. Anstelle mutiger Spekulationen, ob das Durchschnittsalter nun eher bei 55 oder doch bei 65 liegt, will ich wissen, ob meine Eingangsthese zu halten ist oder ob das gehobene Alter der Besucher eher am Wochentag zur Mittagsstunde liegt: „Seit fünf Jahren kommen wir zusammen hierher. Wir sind mit MV verbunden!“, erzählt der freundliche gediegene Herr neben mir, welcher Teilnehmer einer Seniorenreisegruppe aus MV ist.

Unsere Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Manuela Schwesig, sprach zur Messeeröffnung von der Lebensqualität in MV, wie wichtig gesunde regionale Ernährung und der Kinderbetreuungsaspekt sei. Von Lebensqualität verspüre ich gerade absolut nichts, Kinderbetreuung kann ich hier nirgends entdecken und ob regional auch gesund ist, sei an der Stelle auch mal dahin gestellt. Tatsache ist, dass sich MV wegen angeblich zu hoher Kosten von der Produktion von Biolebensmitteln abgewandt hat und hier entsprechend ausschließlich regionale Produkte präsentiert werden. Abgesehen natürlich von der Eierindustrie, die sich nach jüngsten Geflügelgrippeausbrüchen vielleicht nicht getraut hat. Backhaus jedenfalls zeigte sich mit den Ergebnissen der Grünen Woche zufrieden und ich bin nach acht Stunden Messeerlebnis trotz viel Widersprüchlichem angetan.
Jetzt muss ich nur noch den Ausgang finden.

von Diana Rümmler

Foto: Diana Rümmler