Die Gustel, Mitglieder des Greifswalder Universitäts-Studentischer Autorenverein, treffen nun den moritz. Jetzt könnt ihr die Geschichten auch hier lesen.
Dieses Mal: Von Hexen und Trollen

Och, mein Kind, jetzt hör mal auf zu weinen; es gibt halt so Leute, die sind einfach gemein zu dir. Es könnte schlimmer sein. Lass dir lieber eine Geschichte von mir erzählen!
Es war einmal, da lebte in einem abgelegenen Haus tief im Wald eine alte Frau. Es war eine große, uralte Villa, umgeben von schwarzen Mauern, und mit schrecklichen Wasserspeiern und Gargoylen auf den schiefen Türmen. Und obwohl die Frau ihr ganzes Leben lang in diesem Haus im Wald gelebt hatte, in diesem Haus, das so allgemein gruselig war, war sie, entgegen aller Annahmen, keine Hexe, kein Vampir und auch keine wahnsinnige Wissenschaftlerin.

Da diese alte Frau aber Anstand und Respekt vor einer guten Geschichte hatte, wusste sie, dass sie, zumal als alte Frau, in so einem Haus zumindest einfach böse sein musste. Darum beschloss die alte Frau in der gruseligen Villa im Wald böse zu sein. Dabei gab sie ihr Bestes. Sie legte sich ein finsteres Lachen zu, das sie täglich eine Stunde vor dem Spiegel übte, ließ sich einen Geheimkeller einrichten und versuchte sogar, sich einen fiesen Schnauzbart wachsen zu lassen. Aber die Frau behielt nichtsdestotrotz auch ihre eigenen Vorlieben bei. Nur, weil sie gezwungenermaßen böse war, musste sie ja nicht ihr Privatleben einschränken. So hörte sie immer noch in einer ohrenbetäubenden Lautstärke Rock ‚n‘ Roll-Musik und trug den ganzen Tag Jogginganzüge und trank abends auch gerne mal eine Viertelflasche Likör.
Hier erwartest du jetzt vielleicht, nachdem ich den Hauptcharakter beschrieben habe, dass die Handlung einsetzt, dass du diese alte Frau, die böse ist, im dunklen Haus in Aktion sehen wirst. Dass sie jetzt etwas irgendwie Böses macht. Das war nur leider nicht möglich, denn diese abgelegene Villa tief im Wald war genau das: Abgelegen und tief im Wald. So kam niemand zu ihr, zu dem sie böse sein konnte. Keine frechen Gören, die ihr das Dach über dem Kopf auffraßen, keine Jungfrauen, die vor einer arrangierten Heirat zu ihrer wahren Lieben flohen und auch keine Prinzen auf Abenteuer, die die Gunst ihrer Väter oder ihrer Verehrten oder der Väter ihrer Verehrten erringen mussten. Der einzige Besuch, den die alte Frau über all die Jahre bekam, war der Lieferbote, der ihr jeden ersten Mittwoch des Jahres vier Vierteljahreslieferungen Likör brachte. Dem gab sie zwar kein Trinkgeld, aber so richtig böse fühlte sie sich dabei nicht.

Selbst ihr markerschütternder Rock ‚n‘ Roll konnte niemanden stören, einfach, weil niemand da war. Die nächsten Nachbarn, die hinter sieben Bergen und sieben Seen und jenseits von sieben Wüsten lebten, waren taub. Die einzige Person, zu der sie immer enorm gemein war, war ihre Schwester, mit der sie zweimal wöchentlich telefonierte. Aber zu der böse zu sein zählte nicht, denn die konnte sie von Natur aus nicht ausstehen und war deshalb so fies zu ihr. Und das gilt ja nicht, wenn man nur aus Antipathie zu jemandem gemein ist, und nicht aus purer Bosheit.

Die böse, alte Frau konnte also nicht böse sein, obwohl sie das wohl wollte. Das ging schon viele Jahre lang so, um genau zu sein, seit sie angefangen hatte, alt zu ein. Doch irgendwann vergingen die Jahre und es kam das Informationszeitalter heran, und die Frau hörte vom Internet. Die Idee, über große Distanzen wirklich massenwirksam gemein zu sein, gefiel ihr sehr gut. Lange Rede, kurzer Sinn: sie kaufte sich so ein Internet und packte es in ihren Commodore. Den stellte sie dann in ihren Geheimkeller, der ihr bis dahin als Pfandlager gedient hatte. Allerdings hatte sie ihren Lebensvorrat Likörpfandflaschen ausgeräumt und zum Aldi um die sieben Ecken gebracht, denn die Internetrechnung konnte sie bei den hohen Mietpreisen für böse Villen nicht auch noch stemmen. Im Internet sah sie dann viele verschiedene Videos und Foren und Facebooks. Da konnte die alte Frau nach Herzenslust und -liebe böse Sachen drunter und dreinschreiben und zur ganzen Welt richtig fies sein. Und endlich konnte sie ihren Schnauzbart kräuseln, wenn sie böse war, ohne dabei vom Lieferboten ausgelacht zu werden.

Da sie das so gerne machte und das Internet ja so unglaublich groß war, hatte die alte Frau weder die Lust, noch die Zeit, ihren Keller mit dem Internet drin zu verlassen. Da mangelte es ihr bald an Sonnenlicht und gesundem Essen, und ihre Haut wurde gelb und grün, und sie wurde immer dicker und größer und pickliger. Aufgrund der Kosten für den Internetanschluss musste sie dann bald auch ihre Villa verkaufen; manchmal muss man eben Prioritäten setzen. Seitdem lebte sie unter einer Brücke. Und so mein Kind, sind Trolle entstanden. Und denk dran, immer, wenn jemand im Internet fies zu dir ist, ist es wahrscheinlich nur eine arme, dicke, alte Frau, die versucht ihr Schicksal zu erfüllen.

So und jetzt putz‘ dir die Nase und mach den Rechner aus. Und dann zündest du das Feuer an und schiebst deinen Bruder in den Ofen. Mir knurrt schon der Magen.
Hey, du weinst ja schon wieder!

von Hannes Thoms