Die Stadthalle bebt, als Bodo Wartke die Bühne betritt. Bekannt geworden ist der Klavier-Kabarettist durch lustige Liebeslieder. Nun bespielt er das ganze Land mit einer Tragödie und die Leute lachen trotzdem. Ein Grund mehr nachzufragen.

Das Programm „König Ödipus“ spielen Sie seit 2009. Wird man nicht irgendwann müde, auf die Bühne zu gehen und immer das Gleiche zu machen?

Es ist ja nie das Gleiche. Ich spiele zurzeit drei verschiedene Programme. Das heißt, ich freue mich immer auf jedes einzelne. Außerdem machen mir die Programme, die ich da geschrieben habe, ja zum Glück Spaß. Das Publikum reagiert auch immer anders. Es mag der gleiche Text sein, aber dadurch ist es nicht unbedingt auch das gleiche Stück.

In dem Lied Claudia heißt es: „Ich möchte mit dir nicht nur meine Liebe zur Literatur teilen.“ Auch König Ödipus beruht auf einer literarischen Vorlage. Wie wichtig ist für Sie Literatur?

Bestimmte Stücke haben es mir sehr angetan. Gerade „König Ödipus“. Ich fand das damals als 16-Jähriger im Deutschunterricht nicht besonders spannend. Trotzdem habe ich erkannt, dass das Stück eigentlich gut ist. Nur die Art und Weise, wie es in Worte gefasst ist, war für mich als Teenie einfach schwierig. Damals habe ich mich also gefragt: Wie müsste es sein, damit mir das Spaß macht? Wie muss das sein, damit ich es geil finde? Und aus dieser Überlegung heraus kam ich auf die Idee es umzuschreiben.

In dem Stück spielen Sie 14 Rollen. Muss man dafür selbst ein bisschen schizophren sein?

Puh, ähm. Weiß ich nicht. Ich hab da halt einfach Bock drauf. Dass ich das Stück alleine spiele, war zu Beginn aus der Not heraus geboren. Als ich mit dem Schreiben des Stückes anfing, wollte ich eigentlich ein Ensemble-Stück daraus machen. Hätte ich damals 13 Freunde gehabt, die da Bock drauf gehabt hätten, dann wäre es das vielleicht auch geworden. Wer weiß. Jetzt macht es gerade den Reiz des Stückes aus, dass ich alleine auf der Bühne stehe.

Gibt es denn eine Lieblingsrolle?

Ich mag die eigentlich alle sehr gerne. Es gibt bestimmte Rollen, die beim Publikum sehr, sehr erfolgreich sind, vor allem die exzentrischen Rollen. Zum Beispiel die Sphinx in Form eines Handpuppen-Löwen, der Priester oder Polybos, der Stiefvater von Ödipus, der eigentlich nur stottert und einen ganz kurzen Auftritt hat. Der wird trotzdem immer total abgefeiert von den Leuten. Kreon hingegen hat eine ganz tragende und dramaturgisch wichtige Rolle, der hält echt den Laden zusammen und ist dabei sehr besonnen und vernünftig – eben ein unspektakulärer und sehr ruhiger Charakter. Der kriegt immer am wenigsten Applaus.

„Ich würde sagen, dass ich immer mehr an das Schicksal glaube.“

Bei König Ödipus geht es im Endeffekt darum, dass das Schicksal nicht beeinflusst beziehungsweise verändert werden kann. Glauben Sie an Schicksal?

Es geht vor allem um den Umgang mit dem Schicksal. Deswegen reizt mich auch der Stoff. Zuerst versuchen alle, ihr Schicksal partout zu vermeiden, und gerade dadurch erfüllt es sich. Das ist ja das perfide an dem Stück. Ich würde sagen, dass ich immer mehr an das Schicksal glaube. Viele Sachen, die mir so passiert sind und die ich in dem Moment nicht verstanden habe, ergeben, wenn ich rückblickend darauf schaue, plötzlich für mich Sinn. Also vielleicht ist das tatsächlich so, dass uns die Dinge und Prüfungen begegnen, die wir gerade brauchen für unser Weiterentwickeln. Also frag mich in ein paar Jahrzehnten nochmal und ich bin gespannt, was ich dann dazu sagen werde.

Ursprünglich kommen Sie aus Schleswig-Holstein. Was macht für Sie den Norden einzigartig?

Ost- und Nordsee halt. Das ist schon ganz schön cool. Und das Lebensgefühl, was damit einhergeht. Leider gibt es in Schleswig-Holstein wenig Kultur, also nur punktuell. Das Schleswig-Holstein Musik Festival, das ist zum Beispiel total klasse. Die bringen Kultur an Orte, wo die normalerweise nicht stattfindet, im Pferdestall oder in Werfthallen. Das ist natürlich super. Aber ansonsten ist mein Metier in Schleswig-Holstein schwer zu finden. Das ist auch der Grund, weshalb ich da nicht mehr wohne. Ich hab das Gefühl, was ich gerne mache, das geht woanders besser als im Norden. Ich habe mich mal gefragt, woran das liegt. Da hat jemand zu mir gesagt: „Wir haben das Meer, das reicht.“ Und das stimmt ja auch. Ich finde, dass das Meer einfach irrsinnig beruhigend ist. Ich bin da total gern. Und zwar an beiden, so unterschiedlich sie auch sind.

Und am Ende trotzdem Berlin?

Ja.

Gibt es für Sie Ähnlichkeiten zwischen Greifswald und Berlin?

Ich war leider zu selten und zu kurz hier. Aber was die Stadt meiner Meinung nach auszeichnet, ist, dass sehr viele junge Menschen aus allen Teilen Deutschlands hier sind. Junge Menschen mit Ideen, die Bock haben Sachen zu verändern. Und das prägt eine Stadt. Das ist ein Lebensgefühl, was in Berlin aufgrund der Größe auch zu finden ist. Und da fühle ich mich sehr wohl. Ich hatte in Norddeutschland immer Schwierigkeiten Dinge anders zu machen, als sie bisher gemacht wurden und erst als ich nach Berlin kam, habe ich aufgeatmet und gedacht: „Hier bin ich kein Freak nur weil ich Ideen habe.“

In vorausgegangenen Interviews kann man nachlesen, dass Ihnen Reimen auf Knopfdruck nicht liegt. Reimen Sie in Ihrem Alltag denn viel?

Eher zufällig. Es ist eben so, dass mir Reime und Wortspiele meistens zufällig begegnen, weil ich ein besonderes Gespür für Sprache habe. Es geht vor allem darum Dinge zu bemerken, also die Pflanzen die am Wegesrand blühen. Die Reime denke ich mir ja nicht aus, die sind im deutschen Wortschatz ja vorhanden. Ich bin nur derjenige, dem sie auffallen.

Ein Teil Ihrer Lieder ist autobiographisch inspiriert. Kostet es Mut, Lieder mit einem persönlichen Hintergrund auf die Bühne zu bringen?

Das kommt auf die Beschaffenheit des jeweiligen Liedes an. Bei manchen Themen würde ich sagen, das ist zu privat, oder das ist einfach ein zu großer Seelenstriptease. Ich finde private und berührende Themen dann gut, wenn das Publikum damit auch was anfangen kann. Bei dem Lied über meine verstorbene Schwester „Christine“ habe ich mir weniger Sorgen um mich gemacht. Da habe ich mir eher Sorgen um mein Publikum gemacht und mir die Frage gestellt, ob das Publikum mit so einem Thema, dem Tod eines Familienmitgliedes, klarkommt.

Ich empfinde das nicht als besonders mutig.

Aber ein Funken Mut gehört doch dazu, oder?

Ich empfinde das nicht als besonders mutig. Ich bin so gestrickt, dass ich es gern drauf ankommen lasse. Ich hab keine Angst vorm Scheitern. Es kann ja auch immer sein, dass es klappt. Daran denken viele Menschen gar nicht und verschenken aus Angst vorm Scheitern Chancen.

Bei dem Programm „Swingende Notwendigkeit“ haben Sie sich dafür entschlossen auf Plastikflaschen zu verzichten und besonders nachhaltig zu touren. Wie wichtig ist Ihnen Nachhaltigkeit im Privatleben?

Das Motiv meines Handelns ist immer: Mag ich das, was ich tue? Wenn ja, sehr gut. Das stiftet sehr viel Zufriedenheit. Deswegen finde ich es toll auf der Bühne fortsetzen zu können, was ich im Privaten auch schon wichtig finde. Oft ist die Prämisse in unserem Land und bei vielen Menschen: Bringt es Geld oder ist es billig? Und ich bin halt der Meinung, billig ist nicht besser. Im Gegenteil. Ich finde wichtig zu zeigen, dass es auch anders geht.

Ganz Greifswald ist im Känguru-Fieber und Marc-Uwe Kling ein befreundeter Künstler von Ihnen. Gibt es ein Lieblings-Zitat?

Viele: „Mein und dein, das sind doch bürgerliche Kategorien“, „Ein Idiot in Uniform ist immer noch ein Idiot“, „‘Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten‘ – Bob der Baumeister“ oder als sie feststellen, dass uniformiert und uninformiert fast gleich geschrieben werden.

von Lisa Klauke-Kerstan

Foto: Nele Martensen