Plattdeutschsprecher werden immer seltener. Die Jugend von heute hat kein Interesse, den Dialekt ihrer Eltern und Großeltern zu übernehmen. Doch es gibt noch letzte Instanzen, die sich dem Aussterben des Plattdeutschen entgegenstellen.

Vorlesungsfreie Zeit. Greifswald menschenleer. Die Gassen sind wie ausgestorben. Die rauen Winde des Frühlings jagen über die tristen Gemäuer. Dunkelheit umgibt die Stadt. Doch wenn man genauer hinsieht, kann man einen schwachen Lichtschimmer erkennen. Er dringt aus dem Gebäude neben der Philosophischen Fakultät. Hier liegt das Pommersche Wörterbuch. Wer sich darunter ein aufgeschlagenes Buch am Straßenrand vorstellt, dem sei gesagt, es handelt sich um einen Ort der Forschung – Schwerpunkt ist das Pommernplatt.

Das Pommernplatt ist eine Unterart des Plattdeutschen und entstand Anfang des zwölften Jahrhunderts im Nordostdeutschen Raum, als holländische Siedler das heutige Vorpommern und Teile Ostpolens besiedelten. Im Laufe der Zeit entwickelte sich ein eigener Dialekt des Plattdeutschen. In der Sprachwissenschaft wird dieses Phänomen „Mundart” genannt.

Im Jahre 1925 wurde die Forschungsstelle Pommersches Wörterbuch von Wolfgang Stammler gegründet, mit dem Ziel, alle Wörter des Pommernplatts zu dokumentieren und in einem Wörterbuch festzuhalten. Doch der Zweite Weltkrieg und seine Nachkriegszeit forderten ihren Preis. Nur ein kleiner Teil des Archivbestands blieb unversehrt, er wurde jedoch bald darauf wegen Papierknappheit vom Dorfvolk geplündert. Erst 1947 wurde unter der Leitung von Hans Friedrich Rosenfeld mit der Wiederaufnahme des Projekts begonnen. Man schaltete Anzeigen und befragte Leute, die des Pommernplatts noch mächtig waren. 1962 wurde die stolze Summe von über einer Million Karteikarten erreicht, auf denen sämtliche Wörter und Sätze des Dialekts vermerkt waren. Leider konnte man nicht lange damit arbeiten, da die Arbeit in der DDR zunehmend schwieriger wurde. Dr. Matthias Vollmer, Leiter des Pommerschen Wörterbuchs, erklärt: „Das Preußische Reich und die Annexion Polens durch die Nationalsozialisten waren Themen, die in der DDR nicht gerne thematisiert wurden. Aus Solidarität zu Polen sorgte man dafür, dass Forschungen, die dieses Thema berühren, unterbunden wurden.” Es ist überaus unwahrscheinlich, dass das Projekt den Unmut der Ostzone auf sich gezogen hätte, doch wie so vieles in der DDR war auch dieses Verbot ein starker Beschnitt und stand dem Fortschritt im Wege. Erst nach der Wiedervereinigung konnte das Forschungsprojekt wieder aufgenommen werden. Man sortierte das gesamte Material und konzentrierte es auf 60 000 Schlagwörter. Heute ist man beim Buchstaben „S“ angelangt und zuversichtlich, bis 2020 bei „Z“ zu sein. Damit wäre das Projekt fast hundert Jahre alt.

Heute wird das Pommernplatt von etwa 200 000 Sprechern getragen, das Plattdeutsche in all seinen Varietäten kann sogar über zehn Millionen Sprecher vorweisen. Trotz dieser recht groß erscheinenden Sprecherzahl ist der tägliche Gebrauch deutlich zurückgegangen.

Die 1992 unterzeichnete „Europäische Charta der Regional- oder Minderheitssprachen“ hat das Plattdeutsche als einen vom Aussterben bedrohten Dialekt eingestuft. Was zunächst nach Tierschutz klingt, bewirkt im Prinzip, dass Plattdeutsch stärker an Schulen und in der Öffentlichkeit gefördert wird. Der Hamburger Radiosender NDR|90,3 betreibt seit Längerem die Nachrichtenspalte „Norichten op Platt – Ut Hamborg und de wiede Welt von moondaags bit sünnovends“. Jeden Morgen werden die tagesaktuellen Nachrichten auf Platt vorgetragen, was viel Witz und Kultstatus hat.

An der Universität Greifswald ist es möglich, im Zuge der Germanistik, die plattdeutsche Sprache zu erlernen. Pro Semester gibt es fünf Veranstaltungen, die von Dr. Birte Arendt und Dr. Matthias Vollmer geleitet werden. Für Lehramtsstudenten existiert sogar ein Zertifikat, was dazu befähigt, Platt an Schulen zu unterrichten. Es wird jedoch stark davon abgeraten, sich mit diesem Zertifikat an Schulen in Bayern zu bewerben. Zuverlässige Quellen belegen, dass das Zertifikat in Süddeutschland mit Füßen getreten wird. Im hohen Norden ist diese Befähigung allerdings sehr gerne gesehen, selbst wenn kein Platt an der jeweiligen Schule gelehrt wird. Für den Deutschunterricht können Plattkenntnisse nur von Vorteil sein.

Ick heff mol en Hamborger Veermaster sehn.
De Masten so scheev as den Schipper sien Been.
Dat Deck weer vun Isen, vull Schiet un vull Smeer.
Dat weer de Schietgäng ehr schönstes Pläseer.

von Johann Bookmeyer

Karikatur: Jan Krause