Sonntag.

Am vergangenen Sonntag ging ich, wie so oft, zu meinen Großeltern, um mit ihnen, meiner kleinen Schwester und der gemeinsamen Parentalgewalt einen Teil des Tages zu verbringen. Gerahmt werden Ereignisse wie dieses von Essen. Mittags deftig und zum Nachmittag Kaffee und Kuchen – eine der wenigen und sehr willkommenen Konstanten meines Lebens. Die Zwischenzeit wird dann entweder mit ausgedehnten Spaziergängen, oder wenn das Wetter es nicht erlaubt, gemeinsamen Sitzen verbracht.
So auch an diesem Sonntag.

Um das gemeinsame Sitzen nicht allzu eintönig und fade werden zu lassen, schaltete meine Schwester das heimische Empfangsgerät ein und wir sondierten gemeinsam das sonntags verfügbare Sendematerial.
Gleich zu Beginn rollte sich ein riesiger Fleischberg bei dem Versuch der körperlichen Ertüchtigung der Kamera entgegen. Bei genauerem Hinsehen erkannte man humanoide Züge in dem, was man seinen Kindern im Zoo gemeinhin als gutmütigen Dickhäuter vorstellt.

Meiner Großmutter war das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben und wir erklärten ihr, es handele sich hier um ein Sendeformat namens „The Biggest Loser“ und man könne Menschen mit stark adipösen Zügen beim Abnehmversuch zugucken. Nach kurzer Zeit jedoch begann etwas, womit ich nie gerechnet hätte. Das heimische Publikum begann die flimmernden Ereignisse zu kommentieren. Wir fragten uns, wie man nur so fett sein könne, warum die sich das denn antun und ähnliche moralische Fragwürdigkeiten. Auf RTL konnten wir dann ein Mädchen dabei beobachten wie sie vier vor ihr platzierte Menschen anbrüllte. Nach einigen Sekunden erkannten wir – das Mädchen übte sich im Singen. Hier sollten wohl Menschen zum nächsten musikalischen Superstar geformt werden. Interessanterweise folgten wiederum schnell Kommentare. Es könne doch nicht sein das man sich so zum Löffel mache, man soll sich doch mal den arroganten Bohlen angucken und schämt die sich nicht?

Dieses Schauspiel wiederholte sich noch einige Male. Menschen, die sich beim Entrümpeln helfen lassen, Mütter, die wissen wollen wie andere Mütter so leben, Menschen bei der geplanten Flucht aus Deutschland, die gleichen Menschen bei der ungeplanten Wiederkehr nach Deutschland und alles unterlegt mit viel Häme und Missgunst gegenüber diesen Leuten seitens der Couch-Sitzer.

Auf dem Nachhauseweg wurde mir dann klar, dass alle sicherlich einen kleinen Obolus bekommen, dafür, dass sie sich vor der Kamera beim Ausüben der lapidarsten Alltäglichkeiten präsentierten und vor allem beobachten lassen. Das Schockierende war, das wir Spaß dabei hatten, wie diese Menschen versagten und vor Probleme gestellt wurden. Es gefiel uns, dass sich Max 08/15 Mustermann vor der Kamera sozial entblößte. Er/Sie/Es war unsere Bitch.

Es muss der kritischen Zielgruppe zwischen 14 und 49 wohl oder übel ein kuschliges Gefühl geben. Man fühlt sich normal, wenn sich ein anderer Max für uns Mustermänner zum Hampelmann macht. Es kann über die Verfehlungen anderer gemeinsam gelacht werden, ohne sich selbst zu reflektieren. Es darf sich kurz besser gefühlt werden, für Geld. Modernste Prostitution.

Bild_KolumneWarum eigene Worte finden, wenn es doch schon jemand wie Jean Baptiste Molière gesagt hat: „Der Grammatik müssen sich selbst Könige beugen, aber kein Internetnutzer mehr.“

von Philipp