Die Zeit verändert nicht nur uns Menschen, sondern auch Bauwerke. Als stille Zeugen vergangener Ideen und Träume zeigen sie uns Vergänglichkeit und Zukunft. Die Photographie von Ruinen lässt uns Geschichte aus einer anderen Perspektive wahrnehmen.

Geplante Phantasien

mm116_28-31_put13An einem kalten Donnerstagabend treffen wir uns mit Felix (Name von der Redaktion geändert) zur Besprechung des Projekts. Felix ist Greifswalder Student mit einem Faible für verlassene Bauwerke jeder Art. Deren Verfall fängt er mit seiner Kamera ein und lässt sie dadurch als mysteriöse Schönheiten unsterblich werden. Nach zwei Stunden ist der Plan geschmiedet und wir gehen für dieses Mal unserer Wege. Ich bin gespannt, was mich erwarten wird. In meiner Phantasie bilden sich Bilder von alten Schlössern, umringt von knarrenden Bäumen, geflutet von Mondlicht sowie vergessenen ehemaligen Psychiatriegebäuden, durch die ein Hauch von kaltem Wind pfeift. Mir drängt sich der Gedanke auf, zu viele Filme gesehen zu haben. Schmunzelnd fahre ich nach Hause, weitere Bilder von historischen Bauten, deren Backsteine im Sonnenlicht des sterbenden Tages rot funkeln, im Kopf.

 

 

Schöne Leere

mm116_28-31_put12Dann endlich. Tag X. Sechs Uhr in der Früh meckert mich der Wecker aus dem Bett. Wessen Idee war das nochmal, bei Sonnenaufgang vor Ort zu sein um das phantastische Licht auszunutzen? Ach ja, meine…  Am Treffpunkt angekommen, stehen wir uns alle noch etwas müde gegenüber. Bewaffnet mit Kaffee und Frühstück steigen wir ins Auto und es geht los zum ersten Ziel für diesen Tag. Es regnet. Der Himmel ist mausgrau. Unsere Hoffnung auf Sonne löst sich von Minute zu Minute mehr in Wohlgefallen auf. Wirklich schade. Gegen acht Uhr erreichen wir das erste Ziel. Wie erwartet ein stark verfallenes Haus. Es ist zwar von Bauzäunen umringt, aber die sind ja schnell überwunden. Ich stelle mir die Kulisse im Frühling vor. Es wäre wunderschön, denn das Haus steht auf einer Anhöhe mit wilder Natur rings herum. Jetzt ein zarter Sonnenstrahl, leuchtend grüne Bäume und bunte Blüten an den Sträuchern. Das wäre ein märchenhafter Kontrast. Nichtsdestotrotz enttäuscht das Innenleben uns nicht. Teils eingebrochene Dachkonstruktionen, hängende Balken und abgeblätterte Farbe. Die verschiedenen Strukturen und Lichtverhältnisse sind eine wunderbare Inspiration für jeden begeisterten Photographen. Scheinbar war dieses Gebäude einst eine Art Pension. Von der großen Halle ausgehend lassen sich weitere Räume betreten, unter anderem ehemalige Toiletten.

Hinter der vermutlich einstigen Rezeption befindet sich eine Tür, durch welche man nach draußen gelangt. Wir erspähen eine Treppe, die in den Keller führt. Natürlich klettern wir sie herunter. Es ist kalt und dunkel. Staub und Feuchtigkeit liegen schwer auf den Regalen, die wir dort vorfinden. Eine Ansammlung von Geschirr steht noch immer fein sortiert in den Regalen. Photografieren lässt sich dort nicht, viel zu dunkel. Aber es macht Spaß, die Neugierde und Entdeckerlust zu befriedigen. Ein kleines Tellerchen wird als Andenken mitgenommen und wir schleichen wieder zurück ins Haus. Wir wurden gesehen. Ein älterer Herr hat uns bei unserem Ausflug in den Keller beobachtet. Was nun? Wird er etwas unternehmen? Ich habe noch nie verstanden, was genau das Problem ist, in verfallenden Gebäuden kleine Entdeckungsreisen zu machen. Nichts geht kaputt und mit unserem Projekt erschaffen wir schließlich auch Kunst. Mit diesen für mich völlig logischen und unumstößlichen Rechtfertigungsgedanken vergesse ich den alten Mann und sehe mich weiter um. Felix ist ebenso unbeeindruckt und ich höre den Auslöser durch die große Halle klicken. Nach etwa anderthalb Stunden beschließen wir, weiter zu ziehen. Ziel zwei, wir kommen.

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Eisige Befreiung

mm116_28-31_Put6Wieder im Auto. Erstmal aufwärmen. Ich glaube, im Sommer macht das ganz sicher noch viel mehr Spaß. Wir fahren und die Landschaft zieht an uns vorüber. In der Ferne blitzt hier und da eine Ruine hervor. Die Verlockung ist groß am liebsten alle zu erkunden. Nach einem Zwischenstopp beim Bäcker, der uns mit Tee, Kaffee und Kuchen versorgt, ist die Energieleiste wieder voll und nach einer 15-minütigen Fahrt sind wir beinah angekommen. Nach zehn Minuten Fußmarsch baut sich vor uns ein riesiger Gebäudeklotz auf. Ursprünglich einmal geplant als gigantisches Urlauberquartier, steht es nun trotzig in der Landschaft und wartet auf Wiederbelebung. Am anderen Ende des Riesen sind die Sanierungsarbeiten bereits in vollem Gange. Was wird sich wohl hinter den leeren Augen des Monstrums verbergen? Geheimnisse aus längst vergangenen Tagen wohl eher nicht, da es bereits vollständig entkernt ist. Eines der gefühlt tausend kaputten Fenster ermöglicht uns den Zutritt. Es ist kalt. Viel kälter als draußen. An manchen Stellen schleicht eisiger Wind um die Ecken. Das Innenleben ist wie erwartet. Lange Gänge, von denen sich in gleichen Abständen Zimmer abzweigen. Bis auf ein paar wenige interessante Graffitis und Überbleibsel einer Party findet sich nichts Besonderes. Überall Glasscherben, Schutt und ausgediente Fensterrahmen. Die Schönheit liegt hier in der Perspektive. Mir persönlich hat es in dem Gebäude vorher besser gefallen.

Wir stiefeln die Treppen hinauf. Jede Etage wird unter die Lupe und vor die Linse genommen. Unsere Tour endet wieder nach etwa anderthalb Stunden. Zu diesem Zeitpunkt habe ich noch keines der entstandenen Bilder gesehen und ärgere mich wieder einmal darüber, dass ich selbst keine schicke Kamera habe. Mir hat es Spaß gemacht und vor allem ist es erstaunlich, wie viele leere Gebäude wir auf unserem Weg entdeckt haben. Welche Geschichten sich wohl hinter diesen verbergen?

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„Die Gebäude sind nicht vollkommen tot“ – im Interview mit Felix

Wann etwa hast du deine Leidenschaft für Ruinen entdeckt?
Fasziniert haben mich verfallene Gebäude eigentlich schon immer. Aber angefangen, sie zu fotografieren, habe ich erst zu Beginn meines Studiums. Denn ab da hatte ich meine eigene Spiegelreflexkamera. Die Ausrüstung ist sehr wichtig. Man kann natürlich auch mit dem Handy Ruinen fotografieren, aber die künstlerischen Möglichkeiten sind damit doch ziemlich begrenzt.

Hast du schon einmal Bilder veröffentlicht?
Bilder veröffentlicht habe ich im Grunde nur auf Facebook, falls man das überhaupt veröffentlichen nennen kann. Die Seite bietet eine gute Plattform, um meine Fotos zu präsentieren und um direkte Rückmeldung zu bekommen, ob den Leuten gefällt, was ich mache. Ansonsten ist es mit der Veröffentlichung immer schwierig, da man sich rechtlich meist im Bereich des Hausfriedensbruchs bewegt, wenn man in verlassene Gebäude einsteigt. Aber natürlich hat man den Anspruch, dass die Fotos, die man macht, auch andere erreichen als nur die Mitbewohner und Freunde.

Was fasziniert dich an den Ruinen?
Faszinierend ist es, hauptsächlich den Prozess des Verfalls beobachten zu können und wie sich die Natur ihren Lebensraum zurückerobert. Besonders spannend sind hierbei Gebäude, in denen man Relikte aus vergangenen Zeiten findet, die den Räumen Leben geben. Sei es liegengelassenes Werkzeug in Fabrikhallen, alte Lieferanträge für Ersatzteile oder persönliche Überbleibsel in verlassenen Einfamilienhäusern – alles eben, was zeigt, dass hier mal etwas stattfand, Erinnerungen an eine „bessere Zeit“, wenn man so will. Außerdem kann man jedes Mal Veränderungen sehen, wenn man bestimmte Orte erneut aufsucht. Hier ein neues Graffiti, dort eine fehlende Tür. Die Gebäude sind also nicht vollkommen tot, auch wenn sie auf den ersten Blick so erscheinen. Das Illegale begeistert mich dabei eigentlich weniger. Ich empfinde es eher als lästig, weil man sich dadurch oft nicht frei im Gelände bewegen kann.

Hast du ein Lieblingsobjekt?
Ein wirkliches Lieblingsobjekt habe ich eigentlich nicht, aber in Frankreich habe ich mit Freunden mehrmals Bunkertouren an der Atlantikküste gemacht, die wir vorher über Google Maps geplant haben. Das war schon ziemlich beeindruckend, denn die Dinger stehen oft mitten in einem Acker oder am Strand und man kommt meistens noch hinein. Drinnen standen häufig noch die Durchhalteparolen der Nazipropaganda an den Wänden oder ganze Räume waren übersät mit Einschusslöchern. Da war man dem Schrecken der damaligen Zeit doch beängstigend nah, weil diese Objekte irgendwie die 70 Jahre, die zwischen uns und dem Krieg liegen, überbrückt haben. Die Distanz, die man sonst durch die Geschichtsbücher zu diesem Thema hat, war aufgehoben. Man fühlt sich dann auf einmal ganz schlecht, wenn man als Tourist mal eben durch solch geschichtsträchtige Orte spaziert, auf der Suche nach geeigneten Fotomotiven.

Wie suchst du dir deine Objekte heraus?
Die Suche nach den Objekten ist oft schwieriger, als man denkt. Internetseiten wie „Lost Places“ geben bewusst keine genauen Koordinaten zu den verlassenen Gebäuden an, um einen Ruinentourismus zu verhindern. Oft funktioniert es dann über Mund-zu-Mund-Propaganda, viel Umherfahren und ein bisschen Zufall. Häufig fährt man dann bis zu hundert Kilometer zu einem vermeintlichen Glücksfund, nur um vor Ort zu merken, dass man nicht hineinkommt, das Gebäude keine schönen Motive bietet oder schon abgerissen wurde. Davon lässt man sich aber natürlich nicht entmutigen und sucht weiter, bis man fündig wird.