Mit der Oberbürgermeisterwahl am 26. April 2015 werden die politischen Weichen für die nächsten sieben Jahre gestellt. Die studentischen Bürgerschaftsvertreter Luisa Heide (SPD), Milos Rodatos (Piraten) und Erik von Malottki (SPD) plaudern aus dem Wahlkästchen.

Wie ist euer Resümee zur letzten Legislaturperiode des Oberbürgermeisters?
Luisa Heide: Ich bin kommunalpolitisch erst seit diesem Jahr richtig aktiv. Vorher habe ich davon nicht so viel mitbekommen. Der jetzige Oberbürgermeister war immer offen für Gespräche. Aber oft war es schwierig, mit Problemlösungsvorschlägen durchzukommen. Das wünsche ich mir, dass sich das mit dem nächsten Oberbürgermeister ändert.
Milos Rodatos: Persönlich ist es auch bei mir immer ein gutes Verhältnis gewesen. Auch für mich als neues Bürgerschaftsmitglied gab es nie irgendwelche Kommunikations- oder sonstige Probleme.
Erik von Malottki: Auf der menschlichen Ebene bin ich gut mit ihm klargekommen. Natürlich hätte man sich gewünscht, dass ein paar Dinge angepackt werden, die einfach nicht angepackt wurden. Das ist eines der Probleme, was meiner Meinung nach einen Wechsel nötig macht.

„König hat eine schwierige Zeit überbrückt, aber es ist ganz klar, dass es viele Baustellen gibt, die ungelöst sind.“

Welche Dinge meinst du genau?
Erik: Es gibt mehrere Dinge. Das eine ist natürlich das Engagement für kulturelle Freiräume und für die Weiterentwicklung der Stadt. Jetzt steht das Pariser schon wieder auf dem Prüfstand, die Zukunft des Klex ist ungeklärt. Aber auch soziale Themen wie zum Beispiel die steigenden Mieten in der Stadt, das Fehlen von bezahlbarem Wohnraum, da kam kaum Engagement. Aber es gibt noch zig andere: Von Radwegen bis hin zu mehr sozialem Zusammenhalt und einer Willkommenskultur für Flüchtlinge.
Milos: Ich würde Erik da unterstützen, wobei man sagen muss, dass Arthur König jetzt lange Bürgermeister war. Das war er auch verdientermaßen. Er hat eine schwierige Zeit überbrückt, aber es ist ganz klar, dass es viele Baustellen gibt, die ungelöst sind. Was den Studierenden besonders unter den Nägeln brennt und sich auch weiter verschärfen wird, ist die Wohnraumsituation. Da gibt es bisher keine richtigen Lösungskonzepte seitens der Verwaltung. Obwohl es politische Maßnahmen gibt, die man ergreifen kann, auch gerade durch die neue Mietpreisbremse, die auf Bundesebene beschlossen wurde. Aber man muss sie auch umsetzen und die Mietpreisbremse allein wird das Problem nicht lösen.

Demnach seht ihr die Wohnraumsituation und das kulturelle Leben als besondere Herausforderungen für die nächste Legislaturperiode?
Milos: Der nächste Bürgermeister wird sich mit diesen Problemen auseinander setzen müssen, denn Greifswald wird immer stärker in Konkurrenz mit anderen Städten treten, wenn es darum geht, junge Leute hierher zu holen. Nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch deutschlandweit. Da sind eine lebendige Stadt sowie eine gute und vor allem günstige Wohnraumsituation entscheidende Faktoren.
Luisa: Ich glaube, dass vor allem das Flüchtlingsthema und deren Unterbringung problematisch wird, weil wir in Greifswald jetzt schon so knappen Wohnraum haben und es kein akzeptabler Zustand ist, wenn man diese Menschen in irgendwelchen heruntergekommenen Gebäuden unterbringt, die eigentlich abgerissen werden sollen. Das ist eines der größten Probleme, denen man sich als Stadt stellen muss. Das Problem ist auch, dass der Kreis zur Unterbringung an sich finanziell nicht fähig ist. Deswegen bleibt es halt an der Stadt hängen, da müssen wir Lösungen finden. Aber es ist nicht nur der Wohnraum, sondern auch, dass die Menschen in Kontakt zueinander kommen müssen. Die Begegnung, die ist wichtig.

„Die Begegnung, die ist wichtig.“

Könnt ihr ganz kurz die wichtigsten Aufgaben eines Oberbürgermeisters erklären?
Milos: Der Oberbürgermeister ist der Kopf der Verwaltung. Er trägt die komplette Verantwortung für alle Verwaltungstätigkeiten innerhalb der Stadt und repräsentiert gleichzeitig die Stadt nach außen.
Erik: Man kann das Bundestag- und Bundeskanzler-Modell nicht ganz übertragen, aber stark vereinfacht könnte man sagen, der Oberbürgermeister ist der Bundeskanzler von Greifswald. Durch die Direktwahl hat der Oberbürgermeister allerdings eine separate Stellung, eine Legitimation von der Bevölkerung. Der Posten ist sehr wichtig, denn alles, was in Greifswald passiert, hängt irgendwie auch mit dem Oberbürgermeister zusammen oder auch alles, was nicht passiert.

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Die Kandidaten: Stefan Fassbinder (Bündnis 90/Grüne), Jörg Hochheim (CDU), Björn Wieland (Die PARTEI) (von links nach rechts)

Was muss ein Kandidat für den Posten des Oberbürgermeisters eurer Meinung nach für Kompetenzen mitbringen?
Erik: Greifswald ist eine sehr junge Stadt geworden. Daher muss der neue Oberbürgermeister ein Ohr für die Jugend habe. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Studierenden, aber auch die Mitarbeiter der Universität gar nicht so richtig zu dem Greifswald dazu gehören, in dem der Oberbürgermeister und die Elite der Stadt wohnt. Diese beiden Greifswalds zusammenzuführen ist eine Aufgabe für einen Oberbürgermeister, die jetzt ansteht.
Milos: Für mich muss ein Oberbürgermeister eine Vision oder eine Vorstellung von Greifswald in der Zukunft haben.
Luisa: Auf jeden Fall Sympathie. Außerdem soll er kommunikativ sein und Empathie für die Menschen mitbringen. Für mich sollte ein Oberbürgermeister außerdem für Integrität in einer Stadt stehen und nicht nur für eine bestimmte Gruppe oder Kernwählerschaft.

„Man merkt, dass Greifswald sich verändert.“

Wer, glaubt ihr, hat die größten Chancen auf einen Wahlsieg?
Milos: Hochheim ist natürlich der Favorit. Die CDU hat hier ein stabiles Wählerklientel. Bei den Bürgerschaftswahlen haben sie zwar abgebaut, aber ich denke, Hochheim ist der Bekannteste. Aber ich glaube auch, dass Stefan Fassbinder die Möglichkeit hat, diese Favoritenrolle zu attackieren, weil es ein rot-rot-grün-oranges Bündnis gibt. Und das im Wahlkreis von Angela Merkel. Das ist einmalig und hat auch bundespolitische Ausstrahlungen. Die entscheidende Frage ist, wer seine Wähler mobilisieren wird.Erik: Die CDU stellt hier seit der Wende den Oberbürgermeister. Also ist der CDU-Kandidat auch der Favorit bei der Wahl. Aber man merkt, dass Greifswald sich verändert. Das sieht man auch an der neuen Bürgerschaft, wo jetzt drei Studierende drin sind und die CDU das erste Mal keine Mehrheit mehr hat. Die Stadt ist in einem Umbruch. Die Frage ist, ob das bei der Oberbürgermeisterwahl schon zum Tragen kommt. Klar wird es darauf ankommen, dass möglichst viele, auch möglichst viele Studierende, wählen gehen und ihr Wahlrecht nutzen. Bei Stefan Fassbinder ist es auch so, dass er sich in studentischen Angelegenheiten engagiert hat.

Warum, meint ihr, ist es wichtig, als Studierender zur Wahl zu gehen?
Luisa: Weil ein politischer Wechsel nur von allen Menschen in der Stadt gemeinsam vollzogen werden kann. Und dazu gehören nun mal auch die Studierenden. Wenn man einen Wandel will, sollte man zur Wahl gehen.
Erik: Es ist total einfach und die fünf Minuten sollte sich jeder nehmen. Sei es, weil er will, dass sich Greifswald verändert. Sei es, dass er weniger Miete zahlen möchte. Sei es, dass der Radweg endlich saniert wird.

Wie hoch seht ihr die Chancen des studentischen Kandidaten Björn Wieland?
Luisa: Ich glaube, Stimmen wird er auf jeden Fall bekommen, zumindest aus dem studentischen Lager.
(die nachfolgenden Antworten zu dieser Frage können möglicherweise leichte Spuren von Ironie enthalten, Anm. d. Red.)
Erik: Ich glaube, dass er große Chancen hat. Er ist für mich einer der Top-Kandidaten auf den Oberbürgermeister. Es wäre eine super Sache, wenn ein Student auch Oberbürgermeister werden würde. Er hat die Chance.
Milos: Meine Prognose ist, dass Björn es schafft, dass es zumindest eine Stichwahl gibt. Und dann entscheidet er sich als guter Verlierer, dass seine 11 000 studentischen Wähler rüberwandern zu Stefan Fassbinder und damit die Wahl entscheiden.

Wie können sich politisch Interessierte über die Hintergründe (Wahlprogramme, Kandidaten usw.) informieren?
Erik: Viele Studierende werden gar nicht um die Wahl herumkommen. Das wird in der Stadt eine ganz wichtige Geschichte werden.
Luisa: Jede Partei bringt unterschiedliche Vorstellungen mit. Es läuft aber viel über das Internet, über die Internetseiten der Parteien, besonders aber über Facebook.

Wenn ihr einen persönlichen Wunsch an den Oberbürgermeister äußern könntet, welcher wäre das?
Milos: Dass er es schafft, eine junge, aufstrebende Stadt mit einer traditionsbewussten, bodenständigen Stadt zu kombinieren. Das bedeutet für mich, dass es kulturelle Freiräume gibt, in denen Jung und Alt aufeinander treffen, und dass jeder, unabhängig vom Budget, dort wohnen kann, wo es am einfachsten ist, sich in die Zivilgesellschaft zu integrieren.
Erik: Ich wünsche mir, dass er soziale Fragen stärker in den Vordergrund rückt. Einerseits bezahlbarer Wohnraum, aber auch so Sachen wie Kinderarmut, Odachlosenfragen und Flüchtlinge. Da muss ein Oberbürgermeister auch mehr Integrationsfähigkeit beweisen. Egal, wer es wird, das muss angepackt werden.
Luisa: Dass er das, was er sich jetzt im Wahlkampf vornimmt, auch umsetzen wird, das würde mich schon vollkommen zufrieden stellen.

Am 26. April 2015 findet die Wahl des nächsten Greifswalder Oberbürgermeisters statt. Dieser wird direkt von den Greifswalder Bürgern gewählt. Das bedeutet, dass alle, die einen deutschen oder EU-Pass besitzen und länger als sechs Wochen in Greifswald mit ihrem Hauptwohnsitz gemeldet sind, ihre Stimme abgeben können.
Dieses Jahr treten drei Kandidaten an. Diese sind Jörg Hochheim (CDU), Stefan Fassbinder (Bündnis  90/Grüne) und Björn Wieland (Die PARTEI).

von Juliane Stöver

Grafik: Lisa Klauke-Kerstan