Jedes Semester beginnt mit einem Ende. Zumindest in der Kunst. In den Examensausstellungen zeigen die Absolventen Kreativität, Geschick und einen Hauch von Genialität. moritz. besuchte zwei Studentinnen zwei Monate vor Fertigstellung. Eine Impression.

Die Vernissage ist der Gipfel. Danach hat man alles geschafft, vieles gelernt und noch mehr ausprobiert. Freunde und Bekannte gratulieren, Weingläser füllen und leeren sich und Blicke streicheln die mit den eigenen Händen geschaffenen Kunstwerke. Manche bohren auch oder rätseln. Großartig muss das Gefühl sein, großartig und schaurig. Und jedes Semester stehen neue Kunstabsolventen in einem schummrigen Raum mit zittrigen Knien und sagen: „Schön, dass ihr alle gekommen seid.“ Jetzt sind es Katharina und Luzie, die dort stehen. Erleichtert, dass der Tag da und die Polly Faber voller Menschen ist.
Zwei Monate früher war das Ganze noch kaum vorstellbar. Das Thema der Abschlussarbeit? Hatte Luzie mal ganz am Anfang: „Ursprünglich war die Idee, das Thema ‚Nest‘ künstlerisch zu bearbeiten, aber das hat sich mittlerweile schon geändert.“ Die Bilder sind zu abstrakt. Für Katharina entwickelte sich nach dem Grundstudium der Akt zum zentralen Motiv.

Wie die Elbphilharmonie

mm116_41_Nackte sitzend_Jan KrauseKatharina und Luzie studieren Lehramt für Gymnasium in den Fächern Kunst und Deutsch, Luzie belegt zusätzlich Philosophie. Elf beziehungsweise zehn Semester haben sie viel gelernt, ebenso viele Pinsel geschwungen und sich durch verschiedene Stilrichtungen gewühlt. Im Grundstudium fängt alles ganz unbefangen an. Naturstudienkurse, in denen die Welt gezeichnet wird, wie wir sie sehen. Naturalistisch und fein. Dann lernt man abstraktere Techniken kennen, moderne Arbeiten und Gegenwartskunst. Man besucht Ausstellungen, lässt Inspiration zu und entdeckt Techniken oder Motive, in denen man sich selbst wiederfindet. Langsam entwickelt man seinen eigenen Stil. Das ist auch okay so, sagen die Dozenten.

Trotzdem sollen sich Lehramtsstudierende in verschiedenen Bereichen versuchen und das in ihren Abschlussarbeiten zum Ausdruck bringen. Den Schülern etwas beizubringen, was man selbst nie probiert hat, ist auch für Katharina und Luzie undenkbar. Entsprechend abwechslungsreich soll ihre Doppelausstellung werden. Katharina verleiht dem Akt in Zeichnungen, Malereien und Keramiken eine reale Gestalt. Die zarten Bleistiftlinien und klaren Schattierungen der Zeichnungen entblößen jeden schönen Makel. Die Menschen sind nicht perfekt, in der Ehrlichkeit ihrer Gestalt aber doch formvollendet. Noch sind es gesammelte Werke, aber auch etwas ganz Neues soll entstehen innerhalb der nächsten Wochen bis zur Ausstellung. Luzie widmet sich abstrakten Malereien,  Zeichnungen in der Mischtechnik, der Fotografie und konstruiert eine Videoinstallation. Die Mischtechnik wirkt bruchstückhaft, schemenhafte Formen und klare Linien greifen ineinander. Das, was jetzt schon fertig ist, ist nur ein Teil des Ganzen. In der Ausstellung werden alle Zeichnungen vereint sichtbar und ergeben zusammen eine ganz besondere Bildkomposition. Luzies Arbeiten sind vollständig im letzten Semester entstanden, in dem sie sich frei genommen und ganz auf die Examensausstellung konzentriert hat.

Die Wahl der Stile und Methoden ist aber auch vom Raum abhängig, in dem die beiden ihre Arbeiten ausstellen. Große Gemälde in einem kleinen Raum wirken nicht. Ein steriler Raum suggeriert andere Emotionen als ein Garagen-Etablissement wie die Polly Faber. Das kann einschränken, bei bewusster Nutzung aber auch unerwartete und eindrucksvolle Effekte erzielen. Luzies Videoinstallation ist vollkommen abhängig vom Raum.

mm116_41_Nackte mit Reifen_Jan KrauseJeder, den irgendwann die Lust an der Kunst packt, wird zwangsweise vor eine Frage gestellt: Woher bekomme ich die Materialien? Man könnte meinen, Studierende hätten dieses Problem nicht. Denn die Uni stellt doch alles zur Verfügung, oder? Nein. Die Materialien müssen selbst aus der studentischen Privatkasse gezahlt werden – Pinsel, Farben, Stifte, Holz und so weiter. Gerade die Leinwände sind enorm kostenintensiv. Nur in der Druckwerkstatt gibt es ein paar Materialien, beispielsweise Siebdruckpasten, die ausgeliehen werden dürfen. Katharina hatte davon keine Ahnung, bevor sie anfing zu studieren. „Man will natürlich auch nicht die schlechteste Farbe benutzen, je nachdem, was man selbst für Ansprüche hat. Das geht auf jeden Fall ins Geld.“ Lange arbeitete sie auf Papier, weil das relativ günstig ist. Andere gönnen sich einen guten Wein zum Abschluss des Studiums, Katharina gönnt sich eine Leinwand. Je näher die Ausstellung rückt, desto mehr Geld fließt. Einen Überblick hat da kaum noch jemand. Luzie geht es  genauso. „Ich nehme an, das ist ähnlich wie bei der Elbphilharmonie. Am Ende schießt es in die Höhe, und dann muss man nach dem Motto ‚Augen zu und durch‘ arbeiten.“

Das hängende Examen

Wir erinnern uns an den Raum. Darum kümmern sich die Studierenden auf eigene Faust. Katharina und Luzie veranstalten die einzige Doppelausstellung in ihrem Abschlusssemester, die Räume dafür sind beschränkt. Deshalb haben sie sich schon vor einem Jahr für die Polly Faber entschieden und sich mit dem Vermieter in Verbindung gesetzt. Andere stellen in der Medienwerkstatt, der Druckwerkstatt, dem Malsaal, der Alten Bäckerei oder – wenn man das nötige Kleingeld hat – in der Dompassage aus. Bezahlt bekommen sie die Miete nicht. Natürlich nicht. Hinzu kommen Flyer, die gedruckt werden müssen. Eine Band oder ein DJ und ein Buffet gehören zum guten Ton. Manche besorgen Catering, Katharina und Luzie setzen auf Familie und Freunde, die für den Abend Gemüse schnippeln und Schnittchen schmieren.
Bei aller Vorfreude darauf stehen der Abschluss des Studiums und die bestmögliche Qualität der Arbeiten im Mittelpunkt. Und das für alle sieben Absolventen und Absolventinnen. Deshalb heißt es: für jeden ausgestellten Bereich einen Prüfer finden. Weil viele Lehrstühle nach und nach abgebaut werden, ist das gar nicht so einfach. Hat man jemanden gefunden, wendet man sich bei Fragen während der Bearbeitungszeit an ihn. Die Prüfer geben Ratschläge, Motivation, Urteile und Ideen. Und am 7. und 8. April 2015 bewerten sie das Ergebnis in den jeweiligen Ausstellungsräumen. Geschafft haben es die Studierenden dann aber immer noch nicht. Ein bis zwei Monate später findet die Verteidigung der Ausstellung statt. Dann dürfen die gesamte Konzeption, der Aufbau und das Thema stimmig begründet werden. Zwar wird keine konkrete Ausstellungspraxis gelehrt, trotzdem muss auch die Hängung gerechtfertigt werden. Warum ist das Bild dort befestigt, neben dem, und wieso so hoch?

Luzie (25) und Katharina (25): Zwei der sieben Kunstabsolventinnen.

Luzie (25) und Katharina (25): Zwei der sieben Kunstabsolventinnen.

Katharina und Luzie haben den Gipfel erreicht. Endlich. Knapp über der Regelstudienzeit, aber froh um jeden Pinselstrich. Am Ende ihres künstlerischen Wachstums sind sie trotzdem noch nicht angekommen. „Wir sind noch in der Entwicklungsphase. Ich würde mich nicht als fertigen Künstler bezeichnen oder sagen, dass ich einen festen Stil habe, den ich konsequent durchziehe“, gesteht Luzie. Und gerade das macht die Abschlussausstellungen so einzigartig: viele Stile, viel Charakter und die Geschichten, die dahinter stehen. Das Ende dieser kurzen Geschichte kann am 9. April 2015 um 19 Uhr entdeckt werden. In der Polly Faber, mit Freunden, Bekannten, Unbekannten und vollen Weingläsern.

von Tine Burkert

Fotos: Jan Krause