Rezension

Freetrack, Freetrack Collection, Free Download EP. So liest sich die bisherige Diskographie von Edgar Wasser. Kaum zu glauben also, dass der Münchner es tatsächlich geschafft haben soll, ein Album zu bringen, was nach eigener Aussage der letzte Scheiß sein soll. Tourette-Syndrom EP heißt das 18 Tracks umfassende Werk und ist mit das Beste, was ich in den letzten Jahren hören durfte. Aber von Anfang an. Das Intro will direkt alle Erwartungen bremsen. Ummalt von schweren Drum Samples versucht Edgar zu erklären, er sei jetzt viel weniger gesellschaftskritisch und gar kein echter Künstler mehr – guter Witz.

Denn zum Glück weiß Mr. Wasser mittlerweile ganz genau, was geht und was er lieber lassen sollte. So finden sich auf der EP keine unfassbar innovativen Flowwechsel und Reimketten bis zum Erbrechen. Auch die Beats sind eher nach dem Motto „der Zweck heiligt die Mittel“ ausgesucht. Zwar wurde mit Paulinger und Peet bei zwei der wohl angesagtesten Producern der hiesigen Szene gewildert, allerdings eher im „muss noch“ Ordner. Das bunte Potpourri aus Oldschool und Clap kommt hier und da etwas hölzern um die Ecke, gerade wenn ganze Passagen nur aus einer Hi-hat bestehen. Ist aber alles nicht schlimm, denn dafür funktioniert fast jeder Track textlich auf so vielen Metaebenen, dass man mit der Diskussion schnell ganze WG-Küchenabende füllen kann.

Beim Hören von „Weiße Flagge“ mit Weekend zum Beispiel kann jeder Hobby-Öko schnell in eine tiefere Sinnkrise verfallen und schonmal das Mülltrennen hinterfragen. Oft drehen sich die Lyrics, anders als im Intro angekündigt, doch um die Probleme der Gesellschaft, ohne dabei das Markenzeichen von Edgar – den Zynismus und schwarzen Humor – zu vernachlässigen. Das glorreichste Beispiel ist wohl aber „Faust“, in dem sich der Sänger intensiv mit dem Behindertsein beschäftigt – Hörpflicht. Schade ist, dass Herr Wasser genau das macht, was er macht. Nämlich in den Erwartungen bleiben. Das tut dem mehrmaligen Hörgenuss der Platte keinen Abbruch, könnte aber gerade langjährigen Hörern ein wenig aufstoßen.

von Philipp Schulz

Foto: ©Regenbogen (Soulfood)