Man will es noch gar nicht wahrhaben, aber die Prüfungsphase naht mit ganz großen Schritten. Wo zukünftig gelernt wird, ist aber noch nicht entschieden, denn momentan geistert ein Bibliothekskonzept durch die Hochschulpolitik, das die Gemüter erhitzt.

Die neue Bereichsbibliothek für Geistes- und Sozialwissenschaften am Campus Loefflerstraße wird im Oktober dieses Jahres eröffnet. Nur leider ist sie viel zu klein. „Das ist eine Katastrophe, ein Desaster erster Güte. Ein Ausmaß an Fehlplanung, das dem Berliner Flughafen oder der Elbphilharmonie gleicht”, so das Fazit vom ehemaligen Universitätsrektor Professor Jürgen Kohler zum neuen Bibliothekskonzept. Der Übeltäter der Aufregung ist also schon einmal gefunden. Auf der Senatssitzung am 15. April stellte Professor Claus Dieter Classen das Konzept für die zukünftige Aufstellung der Universitätsbibliothek vor. Im Vorfeld wurde es bereits auf der Dienstberatung der Rektorin besprochen und durch die Bibliothekskommission  beschlossen. Zunächst einmal scheint das relativ unspektakulär, doch wenn man die Inhalte der Konzeption genauer betrachtet, wird schnell klar, was falsch läuft. Das zur Debatte stehende Gesamtbibliothekskonzept sieht vor, dass alle neun Fachbibliotheken der Institute in der Innenstadt geschlossen werden und deren Bestände in die neue Bibliothek am Campus Loefflerstraße umziehen. Das klingt nicht so schlimm und ist auch schon, seit der Idee mit dem neuen Campus, in der Planung so vorgesehen. Blöd ist nur, dass laut dem vorgestellten Konzept nun auch die Bereichsbibliothek am Schießwall in eine Magazinbibliothek umgewandelt werden soll.

Das bedeutet, dass dort künftig kein Personenverkehr mehr vorgesehen ist. In ihr sollen alle Zeitschriftenjahrgänge, die älter als fünf Jahre sind, und weniger hoch frequentierte Monografien eingelagert werden. Diese wären dann nur noch über Bestellungen nutzbar. „Das behindert ein Stöbern, das oftmals ausschlaggebend für neue Forschungsansätze ist“, kritisiert Professor Thomas Stamm-Kuhlmann, Dekan der Philosophischen Fakultät, die Vorstellungen aus dem Konzept. Als Ursache für die Umstrukturierungsideen werden teure Instandhaltungs- und Sanierungsmaßnahmen für die Bereichsbibliothek am Schießwall angegeben. „Ich weiß ja nicht, ob die Mahagoni verlegen wollen, aber die rund 500 000 Euro, die für die Erneuerung des Bodenbelags in dem Konzept vorgesehen sind, sehen wir als zu hoch an“, erklärt die Vorsitzende des Fachschaftsrat (FSR) Wirtschaftswissenschaften, Charlotte Saebsch, auf der konstituierenden Sitzung des Studierendenparlaments. Der wahre Grund für die geplante Umwandlung und quasi Schließung seien ihrer Meinung nach die zu hohen Personalkosten. Dieser Eindruck wird in der Senatssitzung durch Doktor Peter Rief, Leiter des Dezernats für Planung und Technik, bestätigt: „Der Betrieb der Bereichsbibliothek am Schießwall könnte theoretisch weiterlaufen, aber es stehen zu wenig Personalmittel für die Aufrechterhaltung der Servicezeiten zur Verfügung.“

Laufen statt Lernen

Wenn nun aber die Bibliothek am Schießwall schließt, was wird dann aus den Büchern und den Studenten? Die Bücher werden aufgeteilt. Die Literatur der Juristen soll in die neue Bereichsbibliothek auf dem alten Klinikgelände umziehen und die der Wirtschaftswissenschaftler in die Bibliothek am Beitz-Platz. Keine gute Idee, findet das studentische Senatsmitglied Sven Bäring, denn gerade diese zwei Fachbereiche seien eng miteinander verknüpft. „Durch diese Trennung würden wir einen Wanderzirkus zum Beitz-Platz auslösen“, fasst Professor Kohler die Sachlage zusammen. Die lernenden Mediziner der Universitätsbibliothek, die ja quasi zum Inventar gehören, würden sich in den Hauptprüfungsphasen sicherlich auch nicht über die zusätzlichen Wirtschaftswissenschaftler freuen, so Sven. Da mag er Recht haben.

Durch die Streichung der Arbeitsplätze in der Bereichsbibliothek am Schießwall fallen nach Bibliothekskonzept 5,2 Prozent der bisherigen Arbeitsplätze weg. Nun muss die neue Bereichsbibliothek am Campus Loefflerstraße alles ausbaden und das klappt mehr schlecht als recht.  Die Fertigstellung der Bibliothek für Geistes- und Sozialwissenschaften ist für den 08. August 2015 geplant. Die Eröffnung wird dann am 26. Oktober gefeiert. Drum herum wird zu dem Zeitpunkt noch nichts fertig sein. Und auch die Planung der Bibliothek scheint nicht auf das fehlende Geld für Personal gefasst gewesen zu sein, denn bereits mit ihrer Eröffnung wird die Kapazität des neuen Gebäudes erschöpft sein. Die zusätzlichen Bücher aus dem Schießwall werden alle eingeplanten Reserveflächen füllen. Kein Platz für weitere Bücher und, ach ja, Platz für Studierende gibt es auch kaum. Ein neues Gebäude und dennoch verschlechtert sich die Situation an Arbeitsplätzen. Bisher konnten Tische und Stühle für 7,8 Prozent der Studierenden in den Bibliotheken zur Verfügung gestellt werden. Nach den Umstrukturierungsmaßnahmen sind es nur noch 7,2 Prozent. „Das ist eine völlig unbefriedigende Situation“, stellt unsere Rektorin Professorin Johanna Eleonore Weber auf der Senatssitzung fest.

Bücher-Tetris

Schon mit der Eröffnung sind die Regale voll. „Da auf dem Baugrundstück auch eine neue Mensa mit Cafeteria und ein Vorlesungsgebäude mit drei Hörsälen entstehen soll, sind unsere Möglichkeiten begrenzt. Wir haben den zur Verfügung stehenden Platz schon optimal genutzt. Ein Aufstocken verbieten baurechtliche Bestimmungen“, erklärt Rief. Man kann höchstens über alternative Umstrukturierungen nachdenken. Man könnte Jura und Wirtschaft gemeinsam in die neue Bereichsbibliothek einziehen lassen. Dafür müssten aber die Theologen weichen und zum Beitz-Platz pilgern. Also ist auch das keine wirkliche Lösung. „In der ehemaligen Inneren Medizin und Chirurgie auf dem Campus an der Loefflerstraße sind Büroräume für Drittmittelprojekte eingeplant. Diese könnte man in Arbeitsräume umwandeln“, liefert Rief eine mögliche Lösung. Ob dann auch Bücher dorthin mitgenommen werden könnten, steht noch nicht fest.

Für den konzeptvorstellenden Classen ist aber eines klar: „Mit den aktuellen Ressourcen werden wir keine Lösung finden, die alle zufriedenstellt und den Erhalt der Bereichsbibliothek am Schießwall sicherstellt.“ Das sieht auch Milos Rodatos, ebenfalls studentisches Mitglied des Senats, so. Er weiß, dass mehr Geld nötig ist, um die Problemlage zu bewältigen. Sein Mitstreiter Björn Wieland ist der gleichen Meinung und fragt die Universitätsleitung auf der Senatssitzung, ob man bei einem solchen Notfall nicht doch noch irgendwo zusätzliche finanzielle Mittel generieren könnte. Die Rektorin reagiert darauf nur mit einem Kopfschütteln. Der Kanzler, Doktor Wolfgang Flieger, antwortet: “Wir haben auch keine Schatztruhe oder Gelddruckmaschine im Keller stehen!“ Da ist es wieder, das Geldmonster, vor dem sich an der Universität scheinbar gerade niemand retten kann.

Nicht mit uns

„Wir können leider auch nicht aus Scheiße Gold machen“, bringt es Fabian Schmidt auf den Punkt, der als Vorsitzender des Allgemeinen Studierendenausschusses an der ominösen Dienstberatung teilnahm. Erik von Malottki, äußerst engagiert in der Hochschul- und Kommunalpolitik, ist der festen Ansicht, dass es Fabians Aufgabe gewesen wäre, in der Dienstberatung für die Studierenden einzutreten. Denn wie Fabian selbst richtig erkannt hat, „geht das Konzept zu Lasten der Studierendenfreundlichkeit.“ Aus privaten Gründen und durch den Stress der Ersti-Woche hat er das leider versäumt, was auch Classen überrascht hat. Studentischer Widerstand kam nur von den FSR Wirtschaftswissenschaften und Jura. „Leider wurden wir bei der Konzeptfindung komplett übergangen“, erzählt Charlotte vom FSR Wirtschaft. Die Vertreter der Fachschaft haben erst kurz vor Ostern davon erfahren. „Zum Glück konnten wir trotz der Feiertage schnell Handeln und unsere Stellungnahmen der Bibliothekskommission  weiterreichen“, so Charlotte.
Auch der FSR Jura hat sich zu einer Stellungnahme entschieden: „Insbesondere die weitere Reduzierung der Arbeitsplätze, von denen in der Bereichsbibliothek am Schießwall derzeit schon zu wenige vorhanden sind, ist für die Studierendenschaft der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät nicht hinnehmbar.“ Auch sie kritisieren die Trennung der eng miteinander verknüpften Fachbereiche.

Die Problemlage ist also deutlich – zu wenig Stellfläche für Bücher, zu wenig Arbeitsplätze, eine ungünstige Aufteilung der Fachbereiche, eine Umstrukturierung der Bibliothek mitten in der Prüfungsphase und noch keine Lösung in Sicht! Zunächst einmal konnte das vorgestellte Konzept aufgrund der Initiative aus den FSR und seitens der Senatoren gekippt werden. Doch jetzt ist Kreativität gefragt. Das sieht auch die Rektorin so und möchte ein Gutachten in Auftrag geben, das bis Juni basierend auf den gegebenen Ressourcen ein optimaleres Konzept erarbeiten soll. Auch das wird Geld kosten, sei nur mal am Rande erwähnt. Das letzte Kapitel in diesem Drama ist also noch nicht geschrieben. Aber Milos hat mit der Rektorin bereits einen Plan ausgetüftelt, wie es am Schießwall mit Unterstützung aller Fachschaftsräte weitergehen könnte. Fortsetzung folgt.

von Lisa Klauke-Kerstan

Foto: Lisa Klauke-Kerstan