Der Krieg ist hier. Europa versinkt im Chaos und du musst mit deiner Familie fliehen um zu überleben. Überall wird geschossen, Freunde und Verwandte sterben. Du musst hier weg. moritz. erlebte mit dem Theater Vorpommern einen Vormittag Krieg.

Janne Teller gilt als eine der streitbarsten Schriftstellerinnen für Jugendliteratur. Mit dem Buch „Nichts – was im Leben wichtig ist“ hat sie gerade in ihrer Heimat Dänemark für viel
aaaAufsehen gesorgt. In ihrem 2011 erschienen Buch „Krieg – stell dir vor er wäre hier“ setzt sich die Autorin mit Flucht und Vertreibung auseinander. Das Werk wurde vom Theater Vorpommern aufgenommen und in dem gleichnamigen Ein-Personen-Stück für Kinder ab 14 Jahren verarbeitet. Seit Ende Februar dieses Jahres besucht der Schauspieler Fabian Prokein gemeinsam mit einem Theaterpädagogen Schulklassen in Greifswald und der Umgebung, um ihnen das Stück zu zeigen und mit den Jugendlichen über das Thema zu diskutieren. moritz. war bei der Aufführung im Humblodt-Gymnasium dabei und konnte auch mit den Akteuren sprechen. Für den Schauspieler Fabian Prokein ist das Klassenzimmerstück eine ganz besondere Situation, die man überhaupt nicht vergleichen kann mit einer normalen Aufführung im Theater. Er sagt, dass der direkte Kontakt und die Möglichkeit mit dem Publikum zu interagieren die Situation viel persönlicher mache.

Aufgeführt wird das Stück heute vor der 8r, einer reformpädagogischen Klasse, die im nächsten Jahr selbst ein Schauspiel zeigen wird. Die Schüler wurden mit einer Begleitmappe, die das Theater bereitstellt, schon im Vorfeld an das Thema herangeführt.

Das Stück beginnt mit einem Knall: Der namenlose Protagonist stürmt in die Klasse und schmeißt sich schreiend auf den Boden. Er fordert die Kinder auf, es ihm gleich zu tun, sonst würden sie von Scharfschützen oder Bomben getroffen. Alles hat begonnen, als Deutschland aus dem Euro aussteigen wollte. Die folgende Finanzkrise war gravierend – die Europäische Union hätte sie nicht auffangen können. Seit mehreren Jahren befindet sich die alte Welt nun schon im Krieg. Rostock ist schon überrannt worden und die Franzosen stehen kurz vor Greifswald. Die Panzer beschießen bereits die Innenstadt. Der Protagonist hört erst auf hektisch durch den Raum zu laufen, als die Letzten schockiert unter ihren Tischen hocken. Dann robbt er durch den Raum und erklärt dabei wie schwer es ist, Trinkwasser zu besorgen. Mit seinen Freunden Alex und Sören versucht er an die überlebenswichtige Quelle zu kommen. Die Brunnen werden jedoch von Scharfschützen überwacht – Sören wird es dieses Mal nicht schaffen.

mm117_39_Kultur_Stell_dir_vor_Theatersück2Die ersten zehn Minuten werden die Schüler stimmungsvoll an die Handlung herangeführt und das macht Fabian Prokein sehr gekonnt. Jeder ist direkt und ohne die Situation zu beschönigen mit einbezogen. Als Alex fragt, ob seine Familie in der Wohnung des Protagonisten wohnen kann, lügt dieser ihn an und behauptet, das würde nicht gehen. Darauf dreht er sich zu der Klasse und fragt direkt, was sie denn gemacht hätten und versucht, sich zu rechtfertigen. Natürlich hatte er keine Wahl, es werden schließlich alle überwacht und Alex‘ Eltern waren früher politisch aktiv. Das wird nicht mehr geduldet. Die Handys werden abgehört und niemand, der verhaftet wurde, ist wiedergekommen. Im weiteren Verlauf wird klar, dass die Familie nicht mehr in Greifswald bleiben kann, sie müssen fliehen. Dafür brauchen sie jedoch teure Papiere, wofür sie alles verkaufen und mehrere schreckliche Verhöre der ägyptischen Behörden überstehen müssen. Außerdem ist der Weg über Griechenland und das Mittelmeer bis nach Ägypten lang und schwer. Die Schüler sind die ganze Zeit voll dabei und als die Katze der kleinen Schwester sterben muss, weil auf dem Boot kein Platz ist, lassen sich sogar Tränen bei dem einen oder anderen vermuten. Nach unfassbaren Strapazen und einer Überfahrt, die fast im Tode aller geendet wäre, ist die Familie in Ägypten und muss sich neuen Herausforderungen stellen. Keiner kann die Sprache, sie leben eingeschlossen in einem Flüchtlingscamp, mit Menschen, die sie in Europa noch bekämpft haben. Er muss mit Franzosen und Engländern Fußball spielen – mit dem Feind. Aber hier sind alle gleich und das Heil der Flucht stellt sich schnell als eine endlose Schleife an Quälereien heraus. Die Sprache ist eine scheinbar unüberwindbare Barriere und als der Protagonist eine hübsche Ägypterin kennenlernt und ansprechen will, wird er von den Einheimischen verjagt – keiner will ihn haben.

Den Raum nutzen

Fabian Prokein schafft es, über die kompletten 60 Minuten des Klassenzimmerspiels eine Stimmung zu erzeugen, die den Zuschauer glauben lässt, er sei gemeinsam mit dem Protagonisten auf der Flucht. Nennenswert sind auch die Inszenierung und Dramaturgie von Roland Mernitz und Sascha Löschner, gerade wenn es zu den Dialogen kommt, die nur durch die Antworten und Reaktionen von Prokein funktionieren. Auch die stimmungsvolle Nutzung des Raumes ist packend. Gerade wenn der Protagonist über das Mittelmeer fährt und das Publikum mit einer Wasserflasche nass spritzt, mit einem Trommelstock auf den Boden schlägt und brüllend die nächste Welle ankündigt. Die Schüler danken es ihm bis zuletzt mit ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit. Gerade bei einer 8. Klasse könnte man von einigen Unaufmerksamen – das Thema ist ja langweilig – ausgehen, was aber überhaupt nicht der Fall ist. Auch für den Schauspieler hat sich die Sicht auf die Flüchtlingsproblematik verändert. Die Thematik ist für ihn nicht neu, gerade da in den Medien viel berichtet wird. Die Situation immer und immer wieder zu durchleben ist für ihn jedoch eine vollkommen neue Dimension, die ihn näher an die Flüchtlinge heran gebracht hat. Der Theaterpädagoge ergänzt: „Unser Ziel ist es, genau diesen Denkprozess bei den Schülern in Gang zu bringen, sodass sie am Ende das hinterfragen, was auf sie in den Nachrichten einprasselt. Gerade durch diese Perspektivverschiebung, dass sie immer wieder angesprochen und in die Klassenzimmersituation integriert werden und auch durch die Diskussion entsteht dieser Effekt.“

Politisches Interesse wecken

In der Diskussion, die gemeinsam mit Schauspielern und Pädagogen direkt nach dem Stück beginnt, werden die Kinder mit dem Erlebten konfrontiert. Ganz bewusst wird am Anfang auf eine politische Ebene verzichtet und hinterfragt, was die Schüler gefühlt und gedacht haben, als sie gemeinsam mit dem 14jährigen Jungen und seiner Familie auf der Flucht nach Ägypten waren. Die am Anfang noch zögerliche Debatte kommt aber spätestens ins Rollen, als die erste Schülerin anmerkt, dass auch sie eine kleine Schwester mit Katze hat und sie schlucken musste, als die Katze im Stück umgebracht wurde – ein Unmensch, wer nicht geschluckt hat. Viele pflichten ihr bei, sie scheinen verstanden zu haben, wie nahe diese Geschichte an ihnen dran ist, dass die Flüchtlinge auch Kinder mit Geschwistern, Freunden und Hobbys sind.
Das Gespräch driftet dann doch sehr schnell ins Politische ab und die Schüler zeigen, dass sie sehr gut informiert sind. Sie reden mit Pädagogen und Schauspieler über Pegida, Flüchtlingsheime, das Mittelmeer und wie wichtig es ist, zu helfen. Die Klasse hat auch schon gemeinsam gespendet. Prokein merkt zum Ende an: „Die Situation ist ja im Moment so, dass es so viele Flüchtlinge gibt, wie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Und wenn man sich Nachrichten anguckt, merkt man, dass Fremdenhass wieder ein aufkeimendes Thema ist.“ Und genau deswegen ist es auch so wichtig ein Theaterstück zu machen, was die Kinder einerseits gut unterhält und im Gedächtnis bleibt, andererseits aber auch politische Aufklärungsarbeit leistet. Auf beide Punkte wird hervorragend eingegangen. Sowohl vom Theaterpersonal, als auch der Lehrerin, die das Thema umfassend vor- und nachbereitet. Überraschend und erfreulich ist, dass die Kinder bereits ein ausgeprägtes politisches Verständnis haben.

Praktikant Mathias und Schauspieler Fabian Prokein (v.r.n.l.)

Praktikant Mathias und Schauspieler Fabian Prokein (v.r.n.l.)

Zwischen dem Besuch des Stückes und dem Schreiben dieses Artikels gab es bereits wieder unzählige Meldungen über verunglückte Boote auf dem Mittelmeer, von Geisterfahrten ohne Kapitän und persönlichen Schicksalen.  Bis zur Veröffentlichung werden es hunderte mehr sein und bis dieser Artikel fertig gelesen ist noch viele weitere. Sich das vor Augen zu führen und etwas leider Alltägliches zu rehumanisieren, darum geht es. Die einzige nennenswerte Schwäche ist leider die Zeit und die selbstgesteckte Zielgruppe. Ja, es heißt Klassenzimmerstück und Janne Teller schreibt sehr direkt und wenig subtil, was die Bücher stark vereinfacht. Die Probleme werden ohne viel Kitsch auf den Punkt gebracht, oft sogar gehauen. Genau dieser Finger in der Wunde würde auch an Universitäten oder in öffentlichen, kleinen Runden von 30 oder 40 Zuschauern aus jeder gesellschaftlichen Situation funktionieren. Aufklärung fängt in der Schule an, dort kann und darf sie aber nicht aufhören!

von Philipp Schulz

Fotos: Greifswald TV (Beitragsbild, Trompete am Boden), Philipp Schulz (Gesprächspartner)