Rezension

Marina Keegan war lebenslustig, geistreich und idealistisch, aber auch gereizt, wütend und provokant. Sie studierte Englisch in Yale und schrieb etliche Texte in mehreren Schreibkursen, in der Studentenzeitschrift oder nur für sich selbst. Ihr Buch „Das Gegenteil von Einsamkeit“ hat sie nie gelesen. Fünf Tage nach ihrer Graduiertenfeier starb sie mit zweiundzwanzig Jahren bei einem Autounfall. Nach ihrem Tod sammelten Familie und Freunde von ihr verfasste Stories und Essays und veröffentlichten sie.

Der wohl bekannteste Text ist der gleichnamige Aufsatz „Das Gegenteil von Einsamkeit“. Marina Keegan erzählt von ihrer Zeit an der Yale University, vom Gefühl der Liebe, Sicherheit und Zugehörigkeit, von Gemeinschaften, Clubs, Sportteams und Parties. Sie beschreibt das Gegenteil von Einsamkeit, versucht, es zu fassen, und findet keine zufriedenstellende Definition. Sie dreht sich im Kreis, wie in einem Tagebuch, öffnet sich schamlos und zeigt jede tiefste Hoffnung und jeden Zweifel. Sie findet kein Wort, fühlt sich aber genau so in Yale. Verliebt, beeindruckt, demütig und ängstlich. Sie philosophiert über den Beginn neuer Lebensabschnitte und über deren Ende. Am Anfang steht uns alles offen, wir wollen so viel wie möglich gleichzeitig. Den Blick zurück prägt ein bitterer Beigeschmack, das Gefühl, nicht alles geschafft und viel zu viel verpasst zu haben. Und sie rebelliert gegen diese immerwährende Selbstzerstörung.

„Wir haben so unmöglich hohe Ansprüche und werden den perfekten Vorstellungen von unserem künftigen Ich wahrscheinlich nie gerecht. Aber ich glaube, das ist in Ordnung.“

Marina Keegan macht Mut. Vor allem jungen Menschen oder denen, die sich selbst Steine in den Weg legen, die nie zufrieden sind, schenkt sie eine Atempause. Man verliert sich  in ihrem jungen, so menschlichen und realen Schreibstil. Sie versucht nicht, älter oder weiser zu klingen, als sie ist.

Dieser Stil ist der rote Faden in den neun Stories und neun Essays. Obwohl die Kurzgeschichten reine Fiktion sind, wirken sie zum Greifen nah. In der Ich-Perspektive wirken die verschiedenen Hauptfiguren ehrlich, eröffnen nicht nur humorvolle, positive Gedanken, sondern geben auch Eifersucht und verbotene Sehnsüchte preis. Dunkle Fantasien besitzt jeder Mensch, und weil sie in unserer Gesellschaft nicht salontauglich sind, ist diese Aufrichtigkeit erschütternd und erleichternd zugleich. So angenehm anders Marina Keegans Stil auch ist, die Stories sind es nicht. Zunächst ist da Claire, die so etwas wie eine lockere Beziehung führt, nicht offen, aber voller Zweifel. Als ihr Freund stirbt, sind er und die Beziehung retrospektiv betrachtet  tadellos. Auch deshalb lernt sie, seine vorher verhasste Exfreundin zu verstehen. Claire macht eine emotionale Entwicklung durch und der Leser fiebert in dieser ersten Geschichte noch mit. Doch die Stories ähneln sich sehr. Es geht um Liebe, um jegliche Form von Betrug, Zweifel, Emotionen und letztendlich Versöhnung. In einer Story ist der Auslöser der Verzweiflung der Schwindel des Freunds beim Kniffelspiel.

„Ich schaute ihn entgeistert an, verletzt, ausgesperrt hinter Wänden. Es war mir unbegreiflich.“

Eine längere Geschichte handelt von William, der aus einer Friedenszone in Bagdad einer Freundin E-Mails schreibt. Irgendwann bombardiert er den Leser mit Worten, die nicht erklärt und kaum in verständlichem Zusammenhang gebraucht werden: Sunniten, Schiiten, grüne Zone, GI, CPA, Desegration, Mahdi-Schergen, Makim, Dischdascha. Leider verschwindet die Lust am Lesen allmählich, wenn man der Erzählung nicht mehr folgen kann.

Die Essays basieren auf wahren Begebenheiten. Ebenfalls in der Ich-Perspektive geschrieben erzählt Marina Keegan in einem dieser von ihrem Auto, in einem anderen von ihrer Krankheit Zöliakie, in einer weiteren über einen Kammerjäger, über Yale-Absolventen und deren Zukunft, über das Ende der Erde und über Generationen, die sich für etwas Besonderes halten. Die Überschriften machen Lust auf mehr, allerdings ist nach dem ersten Absatz klar, worum sich ihre Analyse dreht. Denn das sind die Essays: Analysen eines Status quo, geschrieben aus subjektiven Empfindungen heraus. Interessant sind sie aber nur dann, wenn das Thema den Leser persönlich fasziniert. Trotzdem bleibt Marina Keegan ihrem Stil treu und bringt ganz weltliche Probleme, die uns alle betreffen, auf den Punkt. Gerade nach dem ersten Aufsatz „Das Gegenteil von Einsamkeit“ möchte man alle Freunde zusammentrommeln und bei einem Glas Wein über das Leben philosophieren – und sich dabei ganz gemeinsam fühlen.

von Tine Burkert

Foto: ©S.Fischer Verlag