Innerhalb kürzester Zeit wurde das Selfie zum Massenphänomen. Das eigene Konterfei wird in jeder erdenklichen Position der Linse dargeboten und abgelichtet, um sich dann auf sozialen Netzwerken ohne Hemmungen und Scheu mitzuteilen.

Zwei vermummte Männer stürmen mit gezückter Waffe in die Bank und brüllen unverständliche Befehle. Menschen lassen sich auf den Boden fallen, drücken sich gegen die Wand, wollen am liebsten unsichtbar sein. Die Bankräuber verlassen die Filiale mit mehreren Plastiktüten voller Geld, erfolgreich und unerkannt.

Einige Tage später hört William ein Klingeln an der Haustür. Nichts Böses ahnend geht er hin und öffnet. Vor ihm stehen zwei Beamte, der eine hält einen Zettel hoch, sagt irgendetwas von Hausdurchsuchungsbefehl. William sieht, wie die Polizisten das Zimmer seines Bruders Bill stürmen und ihn in Handschellen abführen.

In diesem Fall ist rasante Aufklärungsarbeit geleistet worden, möglich gemacht durch die Eitelkeit der beiden Gangster, die nach dem Überfall stolz sich selbst mit Beute und den Hashtags #mothafuka #wedemboyz #moneymoneymoney präsentierten. Anzeige gegen die eigene Person quasi, denn mittels Gesichtserkennung konnte die Identität der Schurken ohne Probleme festgestellt werden. Ein Spaziergang, Sherlock Holmes würde sich bedanken.

Der Show-off-Materialismus, der Bill und William zum Verhängnis wurde, ist ein viel kritisierter Effekt der Bilder, die mit dem Smartphone aufgenommen und online gestellt werden und gemeinhin unter dem volkstümlichen Begriff „Selfie“ bekannt sind – bis vor kurzem für viele noch eine unbekannte Vokabel. Das änderte sich schlagartig, als es von den Oxfordern zum Wort des Jahres gekrönt wurde und damit den Adelstitel unter den Wörtern absahnte.

Sich der Welt mitzuteilen heißt, die Stasi – heute synonym bekannt unter der Bezeichnung NSA – mit offenen Armen im eigenen Wohnzimmer, Badezimmer, Schlafzimmer willkommen zu heißen. Durch die Gesichtserkennung wird Anonymität zu einem Relikt der Vergangenheit, der Staat weiß diesen Vorteil für sich zu nutzen.

Ausgerechnet Lady Gagas Hinterteil schlägt mit dem von ihr eingeführten Belfie den Gesetzeshütern ein Schnippchen und setzt so ein Zeichen im Kampf für mehr Privatsphäre. Nicht mehr das Gesicht, sondern das Gesäß wird in die Kamera gehalten und gekonnt in Szene gesetzt. Um üble Verwechslungen vorzubeugen, können die Operatoren der Gesichtserkennung nicht mehr angewandt werden und Angie muss vor der Gaga klein beigeben.

Das Belfie findet großen Anklang unter den Selfiejüngern, besonders dankbar wird es von Stars wie Kim Kardashian aufgegriffen, die vorhat, mit ihrem bombastischen Hinterteil das Twitternetzwerk zu zermmen. In der Euphorie des Knipsens kann es schon einmal zu einem Anflug von Größenwahnsinn kommen, denn der Aufruf der Twitterqueen, ihr Belfie bis zum Twitterkollaps zu retweeten, scheitert kläglich. Dass dieser Zusammenbruch möglich ist, bewies einige Wochen zuvor Ellen Degeneres bei der Oscarverleihung. Sie nahm ein Selfie mit der Crème de la Crème Hollywoods auf und erreichte innerhalb kürzester Zeit über eine Million Retweets. Zu den abgebildeten Stars zählten Berühmtheiten wie Jared Leto, Jennifer Lawrence, Angelina Jolie oder Meryl Streep. Wer fehlte, das war Leonardo DiCaprio, der auch an diesem Abend zum wiederholten Male auf den Triumph einer Trophäe verzichten musste.

Was sehr schade ist, wie ein junger Engländer findet, denn DiCaprios Antlitz wäre dem Bild durchaus zuträglich gewesen. Sein Name ist Danny Bowman, ein Bursche im Teeniealter mit ungewöhnlichem Hobby. Tag für Tag schießt er schätzungsweise zweihundert Selfies, morgens, mittags, abends, rund um die Uhr. Sein Ziel ist das perfekte Selfie, wobei er sich an Vorbild Leonardo DiCaprio orientiert. Keine harmlose Geschichte, denn sobald er die Vision vom makellosen Selfie als Hirngespinst entlarvt, entscheidet sich Bowman für eine drastische Problemlösung: eine Überdosis an Pillen sollen ihm ewige Ruhe schenken. Der Selbstmordversuch missglückt, Danny lässt sich einweisen und frönt bis heute der Selfieabstinenz.

Dieser Vorfall liest sich wie eine Neuauflage von Narziss, ein Jüngling aus der griechischen Mythologie, der sich in sich selbst verliebte. Während er sich am Fluss an seinem eigenen Spiegelbild erfreute, wurde ihm die Hoffnungslosigkeit der eigenen Selbstliebe bewusst und er ertränkte sich in den Fluten. An dieser Stelle wäre es durchaus diskussionswürdig, ob Narziss den Urvater für eine neue Porno-Kultur darstellt, die heute mehr denn je insbesondere von dem jungen Teil der Gesellschaft Besitz ergriffen hat. Das auf Armeslänge aufgenommene Selbstporträt wird zum Akt der fotografischen Selbstbefriedigung, die Belohnung misst sich in Likes, Retweets, Herzen. Das alles muss nicht unbedingt schädlich sein. Aber wenn eine Gruppe Teenager grinsend vor dem gusseisernen Tor des Konzentrationslagers Auschwitz mit der Parole „Arbeit macht frei“ posiert; dann verschwimmt die feine Linie zwischen harmloser Selbstinszenierung und zum Himmel schreiender Geschmacklosigkeit doch zusehends.

von Anna Gusewski

Zeichnung: Anna Gusewski