Habt ihr euch nicht auch schon einmal gefragt, was sich wohl hinter der stets verschlossenen Tür vom Hörsaal 2 im Audimax befindet? moritz. ist der Sache auf den Grund gegangen und hat sich für Euch hinter Schloss und Riegel sperren lassen.

Hinter der Tür befindet sich der Treppengang zum Universitätsgefängnis, dem Karzer. Haftstrafen wegen eines Briefes, einer Theateraufführung oder dem Trinken von Tee? Das klingt für uns heute, im Hier und Jetzt, ungewöhnlich, aber solche Fälle hat es tatsächlich gegeben.

Zu Zeiten der Universitätsgründung 1456 war es an europäischen Hochschulen üblich, dass diese Regelordnungen und Gesetze, die das Leben ihrer Angehörigen betrafen, selbst erließen. Die Universität Greifswald bildete da keine Ausnahme. Mitarbeiter wie Studierende waren der Gerichtsbarkeit der Universität unterworfen, jedoch stellten sich mit der Zeit ein paar Veränderungen ein. Im 15. Jahrhundert unterstand das Bildungs- und Hochschulwesen noch der Kirche und damit direkt dem Papst, so wurden Ämter an Hochschulen zu dieser Zeit nur an Kirchenvertreter vergeben. Die Professoren waren Geistliche. Das Amt des Greifswalder Universitätskanzlers hatte seinerzeit der Bischof von Kammin inne. Er fungierte als Stellvertreter des Papstes und Herr über das Universitätsgericht. In seinem Auftrag übernahmen der Rektor und das Konzil die Rechtsprechung über die Mitglieder der Universität. Im Vergleich zum 19. Jahrhundert, in dem die Karzerhaft in der Regel auf einen Zeitraum von bis zu 14 Tagen festgelegt war, waren hier noch keine Begrenzungen der Dauer von Karzerstrafen vorgesehen. Der Karzer diente dennoch in den meisten Fällen der Untersuchungshaft oder dem Absitzen von Geldstrafen.

Das längerfristige Einsperren von Studenten im Universitätsgefängnis hätte ohnehin zusätzliche Streitfälle bedeuten können, da zu dieser Zeit meist nur junge Männer aus angesehen Familien von hohem Stand studierten. Frauen durften im Übrigen erst ab 1907 regulär die Universität besuchen, und so kam es, auch wenn der Karzerbetrieb erst 1914 eingestellt wurde, dass nicht eine einzige Frau jemals im Karzer inhaftiert war. An der Eigenständigkeit der universitären Rechtsprechung änderte sich auch nach der Reformation nichts. Akademische Ämter mussten allerdings nicht mehr mit Geistlichen besetzt werden. Erst im 19. Jahrhundert musste die Universität Einschnitte in der Eigenständigkeit ihrer Rechtsprechung hinnehmen, wenn es beispielsweise darum ging, Studenten wegen ihrer Aktivität in studentischen Verbindungen zu verurteilen. Diese waren aufgrund ihrer häufig revolutionären Bestrebungen untersagt. Schwerwiegende Fälle landeten beispielsweise vor dem Berliner Kammergericht, wie 1835/36. Damals wurden 15 Greifswalder Studenten im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit in Verbindungen zum Tode verurteilte. Diese Urteile wurden jedoch nie vollstreckt.

Im Karzer landeten dennoch auch weiterhin Studenten, jedoch eher wegen Trunkenheit und auffälligen Verhaltens als wegen politischer Verfehlungen. Die Universität sah Strafen zwischen einem und vierzehn Tagen Haft vor, unter anderem für Vergehen wie Verstöße gegen die Sitte, unanständige Bekleidung, das Durchführen von oder sonstigem Teilhaben an Duellen, lautes Singen, der Beleidigung von Akademikern oder Lehrpersonal, dem Besuch in unanständigen Häusern oder der Gesellschaft unanständiger Frauen und so setzt sich die Liste fort.

Bis 1888 dürfte die Karzerhaft ein eher tristes Vergnügen gewesen sein, Gesellschaft und mitgebrachte Gegenstände waren untersagt. Trotzdem scheint es so manchem Insassen gelungen zu sein, Gegenstände wie Nägel mit in den Karzer hineinzuschmuggeln, so dass sie Inschriften in die Türen der Karzer des alten Hauptgebäudes ritzen konnten. Auf einer Tür prangt so der Name, den die Studenten dem dazugehörigen Karzer gaben: „Zur schwangeren Filzlaus“. Im noch erhaltenen und 1886 errichteten Karzer mit seinen zwei Räumen im Audimax jedoch war das Hineinschmuggeln von Gegenständen nicht mehr nötig. Zwei Jahre nach dessen Errichtung war es erlaubt, eine Gesellschaft von bis zu zehn Mann und eigene Gegenstände mit in den Raum zu bringen. So konnte aus der Strafe vielmehr ein vergnügliches Ereignis werden und daher bekam dieser Karzer den Namen „Ein fideles Gefängnis“. Unter den Inhaftierten war es scheinbar Tradition, Zeichnungen und Fotos zu hinterlassen, die sie selbst oder die Wappen der Verbindungen, denen sie angehörten, zeigen. Diese Dekorationen sind auch noch heute in einem der beiden Karzerräume zu bestaunen. Die Malereien im zweiten Raum sind leider überstrichen worden während man in Greifswald in den 1950er Jahren aufgrund von großer Wohnungsnot drei Studenten im Karzer einquartierte. Und so haben sich 1952 und 1956 die letzten Studenten im Universitätsgefängnis verewigt.

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Dieses Bildnis wurde von Bliedung angefertigt und zeigt ihn, Schönrock und die Dame aus dem Theater, um welche sie gestritten haben sollen.

Ich schluf nicht allein

Erzählt man vom Greifswalder Karzer, darf ein Name nicht unausgesprochen bleiben: Buby Bliedung. Der Medizinstudent, dessen richtiger Vorname Carl lautete – das Wort „Buby“ stellt eine Art Pendant zu dem heutzutage scheinbar in Mode gekommenem „Bro“ dar – war der Student, der die vier Wände des Karzers von allen am häufigsten zu Gesicht bekommen hatte. Er war sechs- bis neunmal im Karzer inhaftiert, und kaufte sich zwei- bis dreimal frei – die Zahlen hierzu schwanken. Buby Bliedung hinterließ zahlreiche Spuren in Form von Malereien an den Wänden, einem Foto an der Karzertür und seinem Namen, eingeritzt in den Tisch des Karzers. Eine seiner Inhaftierungen ist datiert auf die Zeit vom 22. bis zum 25. Februar 1911 und ist zurückzuführen auf Vorfälle während einer Theateraufführung oder „Grund: Theater“, wie Bliedung selbst an die Karzerwand schrieb.

Nach einer Feierlichkeit anlässlich des Geburtstags des Kaisers Wilhelms II. ging Bliedung zusammen mit seinem Kommilitonen Schönrock in ein Konzerthaus, das sich damals in der Kuhstraße befand. Während der Theateraufführung fielen die beiden Studenten durch lautes Lachen, Fußgetrampel und Zwischenrufen auf. Darüber hinaus haben sie während der Vorstellung im Konzerthaus geraucht. Sie wurden daher jeweils zu drei Tagen Karzerhaft verurteilt. Bliedung und Schönrock gaben bei Haftantritt beide vor, erkrankt zu sein, was ihnen die Strafe jedoch nicht ersparte und so zog Buby Bliedung als erster von beiden in den Karzer ein. Während der Aufführung sollen sich beide in eine Dame vom Theater verguckt und um sie gestritten haben. In dem Wissen darum, dass Schönrock nach ihm in den Karzer einziehen werde, malte Bliedung ein Bild an die Wand, welches Schönrock zur Linken und ihn selbst zur Rechten, hinter ihm liegend die Frau aus dem Theater, zeigt. Dazu ergänzte Buby Bliedung das Bild durch den an Schönrock gerichteten Text: „ Das hast du dir wohl nicht gedacht, du dösiger Hund. Ich schluf nicht allein“. Weiteren Schabernack schien der herangehende Mediziner mit seinem Kommilitonen zu treiben als er ihn ein weiteres Mal malte – das Bild zeigt Schönrock mit einer enorm vergrößerten Nase. Und auch die begehrte Frau verewigte er erneut auf der Wand des Universitätsgefängnisses.

Ein Foto von Buby Bliedung, das er während seiner  Inhaftierung an der Karzertür anbrachte.

Ein Foto von Buby Bliedung, das er während seiner
Inhaftierung an der Karzertür anbrachte.

Ein junger, liebeswarmer Student

Anfang des Jahres 1896 schrieb der Student der Theologie Karl Rohloff einen Brief an eine Frau, mit folgendem Wortlaut:

„Sehr geehrte gnädige Frau! Sie werden es einem jungen liebeswarmen Studenten nachfühlen können, wenn er sich an eine verständige, erfahrene Frau wendet, um sich in die Liebe einweihen zu lassen, denn, hochverehrte gnädige Frau, ich bin es noch nicht und fühle mit meinen 23 Jahren einen heißen Zug nach Herzensbefriedigung, und da ich niemanden habe, den jungen Mädchen aber durchaus nicht nachlaufen mag, weil ich auch keinen Geschmack an ihnen finde, mich aber zu Ihnen mit einer unsichtbaren Kraft hingezogen fühle, so bitte ich Sie, gnädige Frau, lassen Sie mich mit Ihnen an einem dritten Ort aussprechen und bestimmen Sie bitte Zeit und Ort respektive Straße, wann und wo ich Sie ungestört treffen darf; denn mich verlangt nach Ihnen, da Sie mir so reizend und doch so verständig und erfahren vorkommen. Ich meine es ehrlich und werde stets des Spruches eingedenk sein: ‚Genießt ein Jüngling ein Vergnügen, so sei er dankbar und verschwiegen!‘ – Am besten wäre wohl die Zeit vor dem Abendessen von fünf bis sieben. Bitte schreiben Sie Ihre gütige Antwort, ob ja, ob nein, unter V.W. postlagernd, und, wenn es geht, umgehend. Gebe Gott Amor, daß Sie Mitleid mit mir haben, gnädige Frau! Es harrt in Geduld Ihr Sie glühend verehrender V. W., stud. Jur. et cam.“

Da die gnädige Frau und ihr Ehemann auf den Brief wohl weniger wohlwollend als erhofft reagierten, führte er Rohloff nicht etwa für ein paar Stunden in das erhoffte fremde Bett, sondern für drei Tage in den Karzer.

Eine Darstellung Schönrocks mit überdimensionierter Nase, an die Kerkerwand gemalt von Buby Bliedung.

Eine Darstellung Schönrocks mit überdimensionierter Nase, an die Kerkerwand gemalt von Buby Bliedung.

Ich bin tot

Im Jahr 1902 musste sich der Greifswalder Student Carl Dobratz wegen unanständigen Verhalten verantworten und eine fünftägige Karzerhaftstrafe antreten. Dobratz und sein Kommilitone Bütow sind an einem Februarmorgen in das Wasserbecken des Kriegerdenkmals gestiegen, das sich bis 1936 auf dem Greifswalder Marktplatz befand. Dort legten sie sich in das Becken und schrien wie wild umher als seien sie geisteskrank. Als die Polizei erschien, erklärte Dobratz, dass es sich nur um Albernheiten handelte, die dem Alkohol entsprangen. Es half nichts, denn ihnen wurde ein Platzverweis erteilt. Nun aber warf sich Carl Dobratz auf den Boden und schrie laut die Worte: „Ich bin tot, ich bin tot!“ und begab sich im Anschluss zusammen mit Bütow vor das Geschäft eines Konditors, wo sie sich in den Rinnstein legten und sich eine Ansammlung von Schaulustigen um sie bildete. Zur Strafe für dieses Verhalten musste Dobratz fünf Tage im Karzer verbringen.

Ein Blick aus dem Inneren des Karzers auf die Tür mit den Fotos von  inhaftierten Studenten, die sie dort selbst befestigten.

Ein Blick aus dem Inneren des Karzers auf die Tür mit den Fotos von
inhaftierten Studenten, die sie dort selbst befestigten.

Unsittlicher Tee

Im Jahr 1849, noch bevor der Karzer im heutigen Auditorium Maximum eröffnet wurde, schien besonders streng auf das moralische Verhalten der Studierendenschaft geachtet worden zu sein. Besonders wenn es um den Umgang von Studenten mit dem weiblichen Geschlecht ging. So mussten sich die drei Kommilitonen Grundies, Richter und Iffland einer rechtlichen Untersuchung wegen des Verdachts des „Verkehrs mit liederlichen Frauenzimmern“ unterziehen. Der damals zuständige Pedell, ein Beamter der Universität, der unter anderem die Funktion eines Wachmannes und Ordnungshüters übernahm, hatte erfahren, dass sich in der Wohnung des Studenten Grundies nicht nur die besagten zwei Kommilitonen mit ihm aufhielten. Es sollen darüber hinaus auch vier Mädchen von angeblich schlechtem Ruf bei ihnen gewesen sein.

Daraufhin machte sich der Pedell also auf zum Ort des Geschehens und ließ sich die Annahme von der Frau des Hauswirtes bestätigen. Als er hinauf zur Wohnung ging, erblickte er die offenstehende Tür zur Unterkunft von Grundies. Die Studenten verweigertem ihm jedoch den Eintritt und es kam zum Handgemenge, in dem Iffland den Pedell angriff und hin und her schüttelte, sodass er von der Tür zurückgestoßen wurde. Erst als der Hauswirt hinzukam und eingriff, wurde der weibliche Besuch der Wohnung verwiesen. Was in dem Zimmer geschah, beschränkte sich auf gemeinschaftliches Teetrinken – der Universitätsrichter befand jedoch, dass die Damen „liederlich“ waren, „denn sie folgten dem Studenten Iffland, obwohl er angetrunken war.“ So kam es, dass alle drei für acht Tage in den Karzer gesperrt wurden. Darüber hinaus wurde ihnen das consilium abeundi angedroht. Sollten sie also derartiges Verhalten erneut an den Tag legen, würden sie von der Hochschule ausgeschlossen und ihnen wurde nahegelegt, die Stadt zu verlassen. Dies ereilte 1858 einen Studenten mit dem Namen Hertig, der sich nicht darüber im Klaren war, dass der Umgang mit freizügigen Frauen der Studierendenschaft untersagt war. Er gab zu, bei einer solchen gelegen zu haben und wurde mit dem consilium abeundi und dem Tragen der Prozesskosten bestraft.

von Michael Bauer & Isabel Kockro

Fotos: Isabel Kockro