Die Gustel, Mitglieder des Greifswalder Universitäts-Studentischer Autorenverein, treffen nun den moritz. Jetzt könnt ihr die Geschichten auch hier lesen. Dieses Mal: Eine tierische Geschäftsidee.

Mrs. Biggy Broves

Reich. Das bin ich. Dafür bin ich bekannt. Unermesslich reich sogar. Aber das wissen Sie ja schon.
Sie sind sicher mehr daran interessiert, wie ich früher war. Wie ist es dazu gekommen, dass ich heute vor Ihnen sitze und mich für dieses Interview bezahlen lasse? Wer bin ich gewesen, bevor ich Mrs. Biggy Broves wurde?

Also, das Ganze begann vor vier Jahren. Bis dahin hatte ich kein besonders schönes Leben hinter mir. Ich wurde in eine Großfamilie geboren, mit viel zu vielen Kindern. Ich meine, sie waren ja ganz nett, schön und gut, aber auch unglaublich nervtötend. Ich hatte keine ruhige Minute. Sie wissen sicher, wie das ist. Wenn man die Kleinste ist, wird man nun mal ständig auf den Arm genommen. Es besserte sich ein wenig, als wir älter wurden, aber auch nicht viel. Am Ende bin ich einfach abgehauen. Ich hielt es einfach nicht mehr aus.

Damit beginnt das am wenigsten angenehme Kapitel meines Aufstiegs. So würden es zumindest die Biografen sehen, aber für mich war es damals dennoch eine enorme Verbesserung im Vergleich zu dem Elend, das ich zuvor mein Leben nannte. Wenigstens hin und wieder ein bisschen Stille genießen. Ich habe dann viel Zeit auf der Straße verbracht, von Ungeziefer gelebt und habe sogar die Reste aus den Mülltonnen gekratzt. Manchmal habe ich auch nur eine tote Ratte gefunden, aber selbst dafür musste ich dankbar sein. Schauen Sie nicht so, man tut was eben nötig ist, um zu überleben. Aber wissen Sie was? Genau das ist es, was mich hierher gebracht hat. Das hat mich stark gemacht, mich zu der Frau werden lassen, die ich heute bin.

Glauben Sie’s oder nicht, aber ich stelle niemanden ein, der nicht mindestens ein Jahr in der Gosse gelebt hat. Das gibt einem die richtige Ausstrahlung. Die Ausstrahlung ist das Wichtigste in meinem Job. Wenn ich will, kann ich mich in Nullkommanichts in das abgerissenste Biest verwandeln, das je einer gesehen hat. Sowas verlernt man nicht.

Aber Sie sind sicher nicht hier, um sich meine Geschäftsstrategien anzuhören, was? Nicht, dass ich so was nicht schon erlebt hätte. Die Konkurrenz ist immer hinter unseren Geheimnissen her, aber bisher konnten wir sie schön unter Verschluss halten.

Jetzt aber zurück zur Geschichte: Die Wunde hier, das ist mir bei den Straßenkämpfen passiert. Sie sollten sich da keine falschen Vorstellungen machen, die Zeiten ändern sich nicht. Das Leben am Rande der Gesellschaft ist noch genauso hart wie früher. Nur weil die Leute in ihren schicken Häusern nichts mehr davon mitbekommen, heißt es nicht, dass es nicht passiert. Da draußen ist Gewalt an der Tagesordnung. Nur die Stärksten kommen durch, so ist das nun mal. Und wenn man sich dabei die eine oder andere Narbe einfängt – was soll’s? Man ist immer noch besser dran als die, die es gar nicht schaffen, das müssen Sie sich immer vor Augen halten. Klar, heute hätte ich genug Asche um mich wieder hübsch machen zu lassen, aber wozu? Es ist ein Markenzeichen. Je fieser man aussieht, desto eher wird man angeheuert.
Verzeihen Sie, ich schweife schon wieder ab.

Nun, die Idee kam eher schleichend. Es war nicht so, dass plötzlich eine Glühbirne über meinem Scheitel erschien und – Zack! So kann man reich werden! Nein, der Plan brauchte Zeit, sich zu entwickeln. Ich weiß gar nicht mehr genau, wann es mir zum ersten Mal auffiel. Sicher, die Leute waren immer schockiert, wenn sie mir über den Weg liefen, aber bei manchen Gelegenheiten eben mehr als sonst. Es dauerte wie gesagt eine Weile, aber irgendwann kam ich hinter das Muster. Ab da war dann alles geritzt. Ich hab die Marktlücke gefunden und mich hineingedrängt. Zuerst arbeitete ich allein und ich kann Ihnen sagen, leicht war das nicht. Verstehen Sie, ich hatte ja kaum Mittel zur Verfügung und was ist man heutzutage ohne richtiges Marketing? Wieder: Die Zeit war der Schlüssel.

Man darf eben nicht aufgeben, einfach hart durchziehen, irgendwann werden die Leute auf einen aufmerksam. Und so wurde mein Geschäft schließlich bekannt. Nachdem ich erst mal ein bisschen Profit eingestrichen hatte, konnte ich Mitarbeiter einstellen, das Unternehmen ausweiten und so ging es eben immer weiter, bis heute. Expansion. Zu diesem frühen Zeitpunkt natürlich ein Risiko, aber ich sagte mir: Die größten Gefahren bergen auch die größten Gelegenheiten. Und wie Sie sehen: Ich behielt Recht.

Und jetzt bin ich der größte Anbieter von Unglücksbringern der Welt. Wer jemandem eins auswischen will, der kommt zu mir. Und das Beste: Es ist vollkommen legal. Keiner kann mir verbieten, links an dir vorbeizugehen. Manche bezeichnen mich als Rassistin, weil ich nur Schwarze einstelle, aber was soll ich sagen? Ich hab das Sprichwort nicht erfunden. Alle anderen bringen einfach nicht die Qualifikationen mit, da können sie noch so schön getigert sein. Also, wenn Sie mal Hilfe brauchen, dann wissen Sie ja an wen Sie sich wenden sollten. Aber freitags kostet extra.

von Julian Mill