Willkommen! Bitte legen Sie Ihre Weste an und halten Sie Ihren Infrarotsignalgeber bereit. Sie befinden sich in einem Lasertag-Battle. Bewahren Sie Ruhe und formieren Sie Ihr Team. Betreten Sie die Arena in fünf, vier drei, zwei, eins …

Ich linse um die Ecke und meine schwitzigen Hände umklammern das kalte Plastik. Es ist düster, in meinen Augenwinkeln blitzen in unregelmäßigen Abständen Lichtpunkte auf. Blau, Grün, ein roter Strahl. Die laute Musik wummert schamlos von der Decke und übertönt mein Herzrasen problemlos. Ich presse mich an die schwarze Wand hinter mir und gehe in die Hocke. Kurz durchatmen. Noch ein Blick um die Ecke. Niemand zu sehen. Mein Körper streckt sich ruckartig nach oben, nach rechts, dreht sich um 180 Grad. Mit angewinkelten Armen versuche ich, zügig und lautlos die nächste Deckung zu erreichen. Mein Puls steigt. Der Kunststoffgriff in meiner Hand schwenkt automatisch nach links. Ich versuche, verräterische Bewegungen oder zumindest flüchtige Schatten in meiner Umgebung zu erspähen. Ist da jemand? Zwei Schritte, dann fünf. Wieder rotes Licht. Bevor ich den schutzversprechenden Winkel erreiche, verschluckt Dunkelheit die Lichtpunkte an meinem Körper und es wird finster um mich. Verdammt. Ich sehe mich kurz um, meine Lunge schmerzt und die Beine zittern. Ich hole tief Luft und sprinte weiter. Noch sechs Sekunden. „Don’t give up!“

Mein Licht ist aus, ich geh‘ nach Haus? Von wegen. Ich befinde mich in einem Spiel, das erst nach fünfzehn gnadenlosen Minuten zu Ende ist. Fünfzehn Minuten, in denen ich mit Werkzeug hantiere, dessen Namen ich noch nie gehört habe: Lasertag! Trotzdem haben die moritz.medien beschlossen, sich der Gefahr zu stellen und das Laserspiel zu testen. Und ich bin dabei. Das, was ich vor meinem Gesicht halte und mit dem ich den Raum sondiere, während ich mich rasch weiter bewege, ist ein sogenannter „Phaser“. Er ist aus Plastik und sieht aus wie eine futuristische Science-Fiction-Waffe. Ist aber natürlich keine. Statt tödlichen Laserstrahlen verschießt er nur völlig harmlose Infrarot-Strahlung, wie man sie aus jeder handelsüblichen Fernbedienung kennt. Klingt erstmal unspektakulär, erinnert aber auf faszinierende Weise an Star Wars. Mit dem Phaser markiere ich Sensoren an der Weste des Gegners. Die leuchtenden Punkte an Schultern, Oberkörper, Rücken und der Phaser selbst sind die Treffzonen. Der Kopf nicht, darauf wird beim Lasertag Wert gelegt.

Eckensitzertaktik

Das Spiel ist nervenzerreißend. Von der ersten Minute an. Es ist nicht so, als ob die Teams ihre Ausrüstung erhalten und einfach in einen Raum spazieren. Das wäre zu einfach. Bevor das Battle beginnt, werden die Spieler in einen Vorraum geführt. Links und rechts schweben jeweils fünf Westen akkurat in einer Reihe. Die Augen gewöhnen sich erst langsam an das Dunkel. Schon hier erschleicht mich eine gewisse Vorahnung. Aus einem Bildschirm ertönt eine tiefe, verheißungsvolle Stimme. „Welcome“. Auf Englisch erklärt sie die Anpassung der Westen, die Nutzung des Phasers und die Spielregeln. Deutsche Untertitel und Symbole werden zur besseren Verständlichkeit eingeblendet. Nicht rennen und sich nicht berühren – ganz wichtig! Die Stimme klingt, als ob die Welt untergeht und die einzige Möglichkeit sie zu retten, in unserer Hand und unserem Können liegt. Mission accepted. „Go, go, go! Ready to rumble!“, donnert sie und entlässt die Laserritter in die Arena.

Siebzehn Personen und ich messen sich beim Baltic Lasertag in Greifswald in einer Sportart, die seit kurzem immer populärer wird, vor allem bei den jungen Leuten. Die Trendsportart hat ihre Wurzeln in den USA und Großbritannien und existiert bereits seit den 80er Jahren. In Deutschland ist Lasertag noch relativ unbekannt, allerdings zeigen die immer mehr werdenden Lasertag-Center, dass es auch hierzulande eine wachsende Zahl an Anhängern findet. Gleichzeitig ist Lasertag für viele eine gefragte Alternative zu der bekannteren Sportart Paintball. Sie ist schmerzfrei, farblos und das Spielvergnügen für Anfänger ist nach dem ersten Treffer nicht vorbei.

Das erste Mal ist verwirrend. Ein quadratischer Raum mit verwinkelten Holz-Wänden in verschiedenen Höhen, Neon-Pfeilen darauf und Fenstern darin bietet unendlich viele Möglichkeiten, sich zu verstecken. Das zumindest war mein erster Gedanke: Bloß nicht ins Kreuzfeuer laufen, Position finden und von dort aus die Gegner markieren! Denkste. Vielleicht habe ich deshalb über die Warnung gelacht: „Leute, Lasertag ist Hochleistungssport!“ In der Ecke sitzen bringt mich doch nicht ins Schwitzen! Dafür aber leider auf den gegnerischen Präsentierteller, denn sobald ich meinen Laser betätige, wissen die, wo ich bin. Keine gute Taktik. Ich fühle mich wie ein Mädchen im Counterstrike-Battle. Ich muss mir was anderes überlegen.

Sechs Sekunden Unsterblichkeit

Baltic Lasertag ist einer von zwei Anbietern des Laserspiels in Greifswald. Im Gegensatz zum Paintballbunker, der damit sein Angebot nur erweitert, haben die zwei Gründer des baltischen Laservergnügens sich darauf spezialisiert. Seit dem 31. März lassen Benjamin und Michèl Laser-Begeisterte gegeneinander antreten. Die Inspiration zur Gründung lieferte das Lasergame in Rostock. Man könnte meinen, die beiden hätten sich dort ausgetobt und vor Begeisterung eine eigene Halle eröffnet. Falsch. Sie haben nie zuvor einen Phaser in der Hand gehabt: „Wir wollten uns unbedingt gemeinsam selbstständig machen. Wie, das war uns erstmal egal.“ Aber Lasertag wurde bald zum abgefahrenen Mittel, dieses Ziel zu erreichen.

Der Eingangsbereich des Laserladens wirkt minimalistisch, ein bisschen futuristisch und weckt den studentischen Kampfgeist. Das Farbkonzept – schwarz und neon-blau – erledigt den Rest: Spannung! Direkt vor der Tür ins Laserland stehen schwarze Ledercouches, für Wartende, Gegner oder Mitspieler. Auf einem Bildschirm lassen sich während eines Spiels die Rangfolge der Spieler und deren Team-Zugehörigkeit beobachten. Die erzielten Punkte sieht man leider erst zum Schluss. Allerdings planen Michèl und Benjamin einen weiteren Leckerbissen: „Über dem Spielfeld wollen wir bald eine Infrarot-Kamera anbringen. Die projiziert dann die Bewegungen der Spieler auf den Bildschirm im Vorraum und die restlichen Spieler können das Battle detailliert beobachten.“ Mitfiebern garantiert!

Neue Runde, neue Taktik: Ich verwende die Holzwände als Deckung und Sichtschutz, während ich mich konstant in der Arena bewege. Ich betätige so oft wie möglich den Abzug, denn wer mehr feuert, trifft auch öfter. Und: Wir spielen im Team, vier gegen vier. Durch die Farben unserer Sensoren erkennen wir auch im Halbdunkeln, wer zu uns gehört. Gelb zum Beispiel ist böse. Das muss ich nutzen, denn mit Rückendeckung überlebt es sich leichter. Also los! Die Musik hämmert erbarmungslos weiter, vielleicht funktioniert die Verständigung im Team deshalb eher so semi-optimal. Aber wir finden eine Konstellation, in der wir wenigstens zwei Minuten nicht markiert werden. Über den kurzzeitigen Sieg freue ich mich so sehr, dass ich nicht bemerke, wie ein einsamer Phaser um die Ecke schielt. Piu piu. Die Gegner sind wirklich scharfsinnig. Ich fluche und gebe meine Deckung auf. Sechs Sekunden habe ich jetzt Zeit, um mir eine neue Position zu suchen, bevor meine Sensoren wieder aufleuchten und ich von der kurzen Auszeit erneut ins Battle einsteige. Jetzt erst recht! Etwa drei Meter von mir entfernt schleicht ein Gegner aus seinem Versteck. Ich ziele auf seinen Rücken, brauche drei Versuche, und treffe ihn an der Schulter. Endlich. „Well done!“, sagt meine Weste.

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Das Spielfeld bei Baltic Lasertag ist 300 Quadratmeter groß, wie ein quadratischer Tennisplatz. Nur dunkler. In der Mitte steht ein Segelschiff. Ich hätte es gern von Nahem gesehen, aber sobald ich ins Zentrum laufe, habe ich keine Deckung mehr. Trotzdem eine schicke Idee, die ins baltische Konzept passt. Das Licht ist gedämpft, Schwarzlicht lässt Neon-Farben und weiße Kleidung leuchten. Letztere ist deshalb denkbar ungünstig, wenn man nicht die größte Zielscheibe auf dem Feld sein möchte. Auf den Westen befinden sich Displays, die die restlichen „Leben“ und die verbleibende Munition anzeigen. Wird man von einem Gegner markiert, erscheint sein Name. Ein kleiner Knopf verrät außerdem, welche Position man gerade in der Spielstatistik inne hat. Damit man die Zeit nicht vergisst, erinnert die ominöse Stimme an fünf beziehungsweise eine Minute Restzeit. Das Ende trifft einen dann aber doch ziemlich unvorbereitet.

Gespielt werden kann im Teammodus mit zwei oder mehreren Gruppen, die versuchen, die jeweils andere Mannschaft zu besiegen. Aus den Einzelscores wird dann die Teampunktzahl errechnet. Oder: jeder gegen jeden. Keine Teams, individuelle Taktik und so viele Gegner markieren wie möglich. Generell gilt: hundert Punkte bei einem Treffer, minus fünfzig Punkte, wenn man selbst getaggt wird. Baltic Lasertag bietet außerdem ein gruseliges Special an, den Darkmode. Kein gedämpftes Licht, kein Schwarzlicht, kein Sensoren-Licht, dafür Nebel und die Taschenlampe des Phasers als einzige Lichtquelle. Theoretisch kann das Spiel durch verschiedene Varianten viel abwechslungsreicher gestaltet werden. Etwa, indem bestimmte Gebiete erobert und anschließend gegenüber dem Gegner gehalten werden müssen, oder ein bestimmter Spieler vor dem Gegner geschützt werden muss. So Fortgeschritten sind wir aber dann doch nicht und spielen lieber klassisch im Team.

Während des Spiels bin ich voll konzentriert. Gucken, zielen, markieren, laufen – markiert werden, laufen, verstecken, durchatmen – gucken, zielen, markieren, laufen. Immer in Bewegung, sowohl körperlich als auch geistig. Ob das einfach ist? Nein. Sobald ich wieder in den Vorraum mit den Ledersofas trete zittert mein ganzer Körper. Adrenalinkick! Man spielt normalerweise drei Durchgänge. Nach dem zweiten läuft der Schweiß und nach dem dritten liege ich komatös auf der Couch. Zwei meiner Mitspielerinnen sehen aus, als ob sie einen Marathon gelaufen wären. Sie haben blaue Flecken an den Innenseiten der Oberarme: Die Westen sind störrisch!

Lasertag ist nichts für Couchpotatoes. Es verlangt Schnelligkeit, gute Reflexe, Ausdauer und Teamgeist. Es ist ein wahnsinniges Spiel. Wahnsinnig anspruchsvoll für Körper und Geist.
Ich will nochmal!

von Tine Burkert

Fotos: Jan Krause