Im März dieses Jahres hat der Senat unserer Universität zwei neue Prorektoren gewählt. Professor Wolfgang Joecks und Professor Micha Holm Werner unterstützen in den nächsten zwei Jahren die Rektorin in ihrem Amt. Ihre Meinung ist also wichtig.

Zwischen den Prorektoren herrscht eine klare Aufgabenteilung. Können Sie zu Beginn einmal Ihr genaues Tätigkeitsfeld umreißen?
Professor Werner: Ich werde mich mit der Forschung, Gleichstellung und Internationalisierung an unserer Universität beschäftigen. Das schließt alle Forschungsangelegenheiten, aber auch den Transfer von Forschungsergebnissen in Produkte und Unternehmensinitiativen, ein. Hinzu kommt die Gleichstellung und Gleichberechtigung der Männer und Frauen an der Universität, das betrifft Studierende genauso wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In puncto Internationalisierung geht es bezogen auf die Lehre um das Einwerben von Studierenden aus anderen Ländern. Im Bereich der Forschung stehen Kooperationen mit ausländischen Einrichtungen und der Austausch von Forschenden im Vordergrund. Auf der Rektoratsebene beschäftigt man sich mit diesen Dingen aber immer auf einer strategischen Ebene. Ich beschäftige mich also nicht mit jedem einzelnen Forschungsprojekt persönlich, sondern mit den allgemeinen Orientierungen der Universität.
Professor Joecks: Ich übernehme erneut den Aufgabenbereich Studium und Lehre sowie Satzungsangelegenheiten. In dieser Funktion bin ich Mitglied der Studienkommission und der Satzungskommission. Ich kümmere mich um die Abläufe und bin zuständig für das Studierendensekretariat und das Prüfungsamt. Kurz, es geht ein Haufen Papier über meinen Schreibtisch. Zusätzlich vertrete ich Frau Weber.

Was hat Sie dazu bewogen, Prorektor zu werden?
Professor Werner: Ich habe es mir nicht zum Ziel gemacht, diese Rolle zu übernehmen. Ich bin gefragt worden und habe ja gesagt. Ich finde es immer gut, wenn auch ein Vertreter der Philosophischen Fakultät Teil der Rektoratsleitung ist.

Und Sie Herr Joecks, Sie machen das ja jetzt schon zum dritten Mal?
Professor Joecks: Die Rektorin hat mich gefragt und ich hab gesagt, dann mach ich weiter. Bei mir ist das einfacher als bei Herrn Schumacher (Professor Eckhard Schumacher, der vor Werner Prodekan war, Anm. d. Red.), der Mitte vierzig ist und noch was werden kann und will. Er hatte das Gefühl, dass er in seinem Fach nochmal richtig Gas geben muss. Für jemanden wie mich, der 62 ist, ist das kein Problem. Ich habe meine Bücher geschrieben. Ich bin jetzt Prorektor im fünften Jahr. Ich glaube, dass ich das kann.

Welche Erfahrungen werden Ihnen bei der Ausübung Ihres Amtes zu Gute kommen?
Professor Werner: Durch meine Zeit in Utrecht und Österreich bringe ich ein bisschen Auslandserfahrung mit. Außerdem bin ich hochschulpolitisch schon ziemlich stark engagiert. Ich denke, dass man als Philosoph generell ein Gespür für die Unterschiede zwischen den verschiedenen Wissenschaften hat und das kommt einem sicherlich entgegen, wenn man mit vielen Forschungsinitiativen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen und teilweise auch mit Interdisziplinarität zu tun hat.
Professor Joecks: Bei mir ist das so ähnlich. Ich bin fast ein Vierteljahrhundert hier, davon zwanzig Jahre in der Hochschulpolitik. Ich kenne also den Laden ganz gut. Das erleichtert einiges.

Die Universität ist in vielen Rankings nicht gerade auf den Spitzenpositionen beziehungsweise zum Teil gar nicht anzutreffen. Woran liegt das?
Professor Joecks: Wenn sie gar nicht anzutreffen ist, dann liegt das daran, dass es zu wenige Studierende gibt, dann fragen die erst gar nicht. Und ansonsten sind wir doch nicht wirklich schlecht.

Und was ist mit der BWL, die in der letzten Zeit weniger gut abschnitt?
Professor Joecks: Die BWL war eine Momentaufnahme. Wir haben da schon etwas getan. Man muss aber auch sagen, die Aussagen in Rankings sind von begrenztem Wert. Wenn die Ergebnisse gut sind freuen wir uns, wenn sie schlecht sind, denken wir darüber nach. Das ist wirklich nur eine Momentaufnahme.

„Ich kenne den Laden ganz gut.“

Was bedeutet in diesem Zusammenhang „wir“? Inwieweit greifen Sie als Prorektor mit ein?
Professor Joecks:  Wenn das Rektorat merkt, dass es in einem Fach Handlungsbedarf gibt, dann unterhält man sich und fragt, ob man helfen kann.

Was wollen Sie tun, damit Greifswald als Universitätsstandort bekannter wird?
Professor Werner: Da gibt es eine ganze Reihe von Werbemaßnahmen, beispielsweise S-Bahn-Werbung in Hamburg. Hinzu kommt die Erneuerung unserer Webseite, die eine wichtige Rolle als Informationsmedium für Studieninteressierte spielt.
Professor Joecks: Das kann ich nur so bestätigen. Wir müssen sichtbarer werden.

Gibt es etwas, das unsere Universität einzigartig gegenüber anderen Universitäten macht?
Professor Joecks: Wir sind die Uni Greifswald. Gucken Sie sich doch um.
Professor Werner: Es gibt in allen Bereichen Dinge, die eben nur hier passieren. Wir sind meines Wissens der einzige Standort mit einer Ukrainistik. Es gibt bestimmte Forschungsinitiativen, die hier organisiert werden und für die Greifswald auch bekannt ist. Ansonsten ist es eine Universität, die als kleine Volluniversität den Vorteil hat, dass manche Prozesse der Zusammenarbeit besser organisiert werden können. Dass es intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit gibt zwischen beispielsweise Medizin und Naturwissenschaft, wovon die Universität sehr profitiert.
Professor Joecks: Das ist in der Tat das, womit wir gut locken können. Das ist der Charme unserer Universität, dass man die Dozenten anderer Fakultäten gut kennt. Man hat die Möglichkeit, die Leute auf dem Markt zu treffen und ins Gespräch zu kommen.

Überall werden momentan Strategien für 2020 aufgestellt und auch die Zielvereinbarung der Universität läuft im nächsten Jahr aus. Inwiefern gestaltet sich denn die neue Zielvereinbarung und wie wird die Universität in den kommenden Jahren aufgestellt sein?
Professor Joecks: Den Hochschulentwicklungsplan haben wir vor längerer Zeit aufgestellt und abgeschickt. Die Eckwerte für den Landtag sind noch nicht fertig. Die Zielvereinbarungen entwerfen aber nicht wir alleine, die werden in Interaktion mit dem Land entwickelt. Was die Uni betrifft, haben wir das Ziel, die Studierendenzahl annähernd zu halten. Außerdem wollen wir die Drittmitteleinwerbung verbessern.

„Streiken ist so, als wenn meine Oma ihre Rente nicht abholt.“

Sollten Studierende weiterhin für die Bildung streiken?
Professor Joecks: Streiken ist so, als wenn meine Oma ihre Rente nicht abholt, um gegen die Sozialpolitik zu protestieren. Wenn sich Studierende in jeder Hinsicht für Bildungspolitik einsetzen, finanzielle Rahmen- und Studienbedingungen verbessern möchten, dann finde ich das ganz in Ordnung. Ob man jetzt streiken muss im Sinne von „wir boykottieren die Bildung“, ist eine andere Frage.
Studierende streiken ja vor allem gegen den Stellenabbau. Inwieweit hat das Erfolgschancen?
Fest steht, dass der Stellenplan von 2004/05 in Stein gemeißelt ist. Da führt kein Weg dran vorbei. Man kann über Mittel reden, man kann über befristete Projekte reden, aber es wird aus politischen Gründen keiner den Stellenplan anfassen.

Haben Sie eigentlich einen Erotikkalender im Büro hängen?
Professor Joecks: Nein.

Warum nicht?
Professor Joecks: Weil ich keinen gekauft habe. Ich habe im Gegensatz zur Rektorin und dem Kanzler keinen geschenkt bekommen.

Wie finden Sie so einer Idee als Protestform?
Professor Joecks: Witzig. Es ist schön, wenn sich Leute auf vielfältige Art und Weise engagieren. Ich hab mal das Vergnügen gehabt, zum 550jährigen Bestehen der Universität ein Kochbuch mit herauszugeben. „Essen lockt. Was Professoren anrichten“ heißt das Ding. Und der Kalender ist auch so eine witzige Nummer. Der zeigt: Wir sind kreativ.

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Wie werden Nachwuchswissenschaftler an unserer Universität gefördert?
Professor Werner: Die Förderung von Nachwuchswissenschaftlern wird vor allem in den Instituten organisiert und in den Graduiertenkollegs – das heißt beschränkt zentral. Mit der Gründung der  zentralen Graduiertenakademie sind wir aber auf einem guten Weg, was die Werbung von Nachwuchswissenschaftlern und deren Betreuung betrifft. Generell ist es natürlich so, dass wir in einigen Studiengängen Probleme haben hinreichend Masterstudierende hierher zu locken. Das hängt zu großen Teilen mit den strukturellen Rahmenbedingungen zusammen. Wenn man schon weiß, in welchem Bereich man sich spezialisieren will, dann geht man eher an große Institute, wo man viele Lehrende zur Auswahl hat, oder eben Einrichtungen, die genau in dem Bereich spezialisiert sind, der einen interessiert. Wir sind aber auch nicht die Einzigen, die in dem Bereich Schwierigkeiten haben.

Wir befinden uns mitten in der zweiten Begehung im Rahmen der Systemakkreditierung. Was ist der Vorteil, wenn diese positiv für die Universität ausfällt?
Professor Joecks: Früher musste man Studiengänge, Studienordnungen und Prüfungsordnungen immer durch das Ministerium prüfen lassen. Das heißt ich habe einen Studiengang und dann hole ich mir externe Sachverständige einer Akkreditierungsagentur, die alles checkt und akkreditiert. Wenn wir es schaffen, die Systemakkreditierung hinzubekommen – wir sind da verhalten optimistisch – dann machen wir das selbst. Wir akkreditieren unsere eigenen Studiengänge. Das heißt, wir stellen die Qualität intern sicher. Alle sieben Jahre wird dann geguckt, ob wir es auch richtig gemacht haben. Das ist die Konsequenz.

Und das hat dann welche konkreten Vorteile?
Professor Joecks: Es kostet weniger Geld.
Professor Werner: Wir bauen außerdem Expertise im eigenen Haus auf. Diejenigen, die sich mit den Fachevaluationen beschäftigen, sammeln eine Fülle an Erfahrungen über Probleme in Studiengängen und können dann auch gezielt Verbesserungsvorschläge machen.

von Katrin Haubold & Lisa Klauke-Kerstan

Fotos: Charleen Dehn