Schon als Kind bekommen wir einen Plastik-Nuckel in den Mund gesteckt. Von da an geht es bergab: Vom Messergriff, über die Nudelpackung bis zum Auto, alles ist aus Plastik. Kann man überhaupt eine Woche lang darauf verzichten? Ein Selbstversuch.

Die meisten Freunde, denen ich von meinem heroischen Versuch berichtete, die Welt zumindest temporär zu retten, reagierten mit einem müden „Na dann, viel Spaß“ oder „Also aus Glasflaschen trinken reicht nicht mehr? Ist ja aber auch gerade im Trend“. Aber wieso sollte man auch versuchen, eine Woche komplett plastikfrei zu leben? Natürlich ging es dabei nicht um irgendwelche Trends oder den Veganern unter uns noch etwas Krasseres entgegen zu setzten, sondern einzig um die Frage: Geht das überhaupt und wie weit kann man als 08/15 Student im Alltag und vor allem finanziell sein Leben ohne Plastik verbringen?
Bedenkt man, dass der Plastik-Verbrauch pro Kopf in Mitteleuropa jährlich zwischen 1980 und 2015 um 300 Prozent gestiegen ist und dass es fünf Müllstrudel, knapp zehn Meter unter der Meeresoberfläche in den Ozeanen dieser Erde gibt, von denen jeder aus rund 100 Millionen Tonnen Plastik und Kunststoffabfällen besteht, könnte man sich bei Zeiten schon mit dem Gedanken anfreunden, auf lange Sicht dieses Konsumverhalten zu reduzieren. Von den ungesunden Weichmachern und anderen Stoffen, die täglich unser Essen kontaminieren, will ich gar nicht erst anfangen. Es sei aber soviel gesagt, dass in Europa im Jahr 2010 rund 251 Milliarden Plastiktüten benutzt wurden. Grund genug zu versuchen, wie es ohne gehen kann.

Die erste Ironie dieses Unterfangens wurde mir bewusst, als ich am Montag, also Tag 1 meiner neuen Zeitrechnung, aufstand und die ersten fünf Minuten des neuen Tages damit verbrachte, erschüttert und den Tränen nahe auf meine Kaffeemaschine zu starren, die sich über Nacht scheinbar wie von selbst in einen Haufen Umweltschmutz verwandelt hatte. Auch der fertig pulverisierte Kaffee selbst war plötzlich nicht mehr praktisch vakuumdicht verpackt, sondern ein absolutes Tabu. Nachdem es mir gelungen war, diesen ersten Schock zu verdauen und mir einen Smoothie in dem hauseigenen Mixer machen wollte, stellte ich fest, das auch dieser – Überraschung – aus Plastik war. Mit knurrendem Magen und ohne die tägliche Dosis Koffein fasste ich mir ein Herz und ging einkaufen, was auch einiger Vorbereitung bedurfte.

Nein danke, können Sie mir das hier rein füllen?

In Internetblogs, von denen es gar nicht so wenige gibt, konnte ich lesen, wie man sich bestens gerüstet auf die Jagd nach plastikfreier Nahrung begibt. Bewaffnet mit einem Rucksack und mehreren Jutebeuteln begab ich mich auf mein doch recht plastikfreies Fahrrad zum Vollversorger meines Vertrauens, nur, um dort angekommen, festzustellen, dass das moralisch einwandfreiere und gesündere Leben durchaus seinen Tribut fordert. 1,69 Euro für den Liter 3,8-prozentige Milch aus Glasflaschen zum Beispiel oder 2,70 Euro für die Schafskäsewürfel im Glas.

Sieht man von einigen preislichen Steigerungen ab, die ich eine Woche lang vehement auf die Inflation zurückführte, ist einkaufen ohne Plastik relativ einfach, denn es gibt nicht mehr wirklich viel, das man kaufen könnte. Obst und Gemüse besorgt man nur noch einzeln statt in praktischen Netzen, welche zwar aus Stoff aber immer mit Etikett versehen sind, und es landet jetzt direkt im Jutesack und nicht mehr in den bereitliegenden Plastiktüten. Statt Reis im Fertigkochtütchen gab es jetzt Bulgur, arabischer Hartweizen, den ich in dieser Woche lieben lernte, denn man kann wirklich alles, von der Gemüsepfanne bis zum Salat oder Müsli aus ihm machen. Natürlich gehen auch Kartoffeln, die müssen aber erst geschält werden.

Sachen des täglichen Bedarfs, wie Toilettenpapier oder Zahnbürste mussten aber als unverzichtbar und gottgegeben, seit jeher aus Plastik bestehend oder in Plastik verpackt, hingenommen werden.
Auch mein Kaffeegate konnte ich glücklicherweise lösen, da ich kurzentschlossen eine Metalldose an mich nahm und die netten Damen bei Tchibo fragte, ob sie den Kaffee nicht einfach da rein machen könnten, was sie unter einigen argwöhnischen Blicken zum Glück auch taten.

Die restlichen Tage liefen, zumindest was das Einkaufen betraf, relativ stressfrei. Ich lernte sehr schnell, was ich wo einkaufen kann und wie sehr mein Konto zusätzlich belastet wird. Bioläden locken zwar durch Frische und den wohligen Geruch des „ich tue was Richtiges“, kosten aber dementsprechend mehr.

Der positivste Nebeneffekt war wohl, dass man zwangsläufig gesünder lebt, gerade im Sommer. So konnte ich den Großteil meines Gemüses und Obstes, sofern reif, aus Omas Garten beziehen – saisonale Küche ist ja eh im Trend und ich bin schon immer so aufgewachsen, dass es Spargel halt nur zur Saison gibt. Tiefgekühlt, Schokolade, „ach dann eben fix einen Döner“ wurden Fremdwörter und überhaupt ist eigentlich alles, was man ohne Plastik noch kaufen kann, gesund. Außerdem konnte ich in den gesamten sieben Tagen keinen Weg ersinnen, frisches Fleisch ohne das Zutun von Hilfsmitteln aus Plastik in die Küche zu schaffen, man lebt also relativ vegetarisch. Klar hätte ich auch eine verschließbare Glasschüssel nehmen können, aber das war es mir dann doch nicht wert.

Nein danke, das darf ich nicht 

Wesentlich schwieriger als die Nahrungsaufnahme und Versorgung ist allerdings das tägliche Drumherum. Als Raucher ohne Plastikabfälle Befriedigung zu erlangen ist an sich nicht möglich, wurde von mir dementsprechend auch als gottgegeben hingenommen und von dem Selbstversuch ausgeklammert, ich wollte ja die Umwelt retten und nicht mich selbst. Auch andere Dinge, die man täglich so macht, mussten von mir hinterfragt und auf Herz und Nieren geprüft werden. So kam es mir nach knapp drei Tagen nur noch ein wenig ironisch vor, den ohne Frage nachhaltigen und gesunden Einkauf mit meiner EC-Karte zu bezahlen und mich zu überwinden, keinen Weichspüler in die Waschmaschine zu kippen. Auch das „nein, danke“, wenn ein Kumpel einen Kaugummi oder ein Bonbon anbot, wurde immer wichtiger im Wortschatz und rückte im Ranking nach Nutzung stetig nach oben.

Mit jedem weiteren Tag, den ich im Selbstversuch verbrachte, wurde mir bewusster, wie sehr wir uns abhängig gemacht haben von einem Rohstoff, der zum einen die Umwelt mehr zerstört als es sich Michael Bay in seinen wildesten Filmen ausmalen könnte und zum anderen endlich ist. Am deutlichsten wurde mir die Abhängigkeit einer modernen und scheinbar aufgeklärten Gesellschaft am Freitagabend, beim Besuch der Vierzig-Jahrfeier vom Geografenkeller bewusst. Wie zum Teufel soll jemand, der keine Plastikprodukte benutzen will, auf einer Party Bier aus Bechern trinken und eine Bratwurst mit einer Plastikgabel essen? Genau, gar nicht.

Nein danke, ich will das nicht

In Gesprächen und beim Lesen von Blogs wurde mir dann immer bewusster, wie einschneidend Plastik unseren Alltag bestimmt. Am schockierendsten war die Erkenntnis, dass selbst einige Papiertüten für Brot oder Brötchen mit vollkommen überflüssigen Sichtfenstern aus Plastik oder einer dünnen Innenschicht aus selbigem versehen sind – welch eine Verschwendung.

Als nach sieben langen Tagen die Woche vorbei war, konnte ich nicht wirklich erleichtert sein. Am Anfang hatte ich noch gescherzt, ich würde bestimmt erstmal genüsslich an einer Verpackung knabbern, um Versäumtes wieder aufzuholen, aber so war es natürlich nicht. Ich hatte fast mein gesamtes Monatsbudget für Essen in einer Woche ausgegeben und soviel gekocht wie schon lange nicht mehr. Irgendwie muss man sich ja satt halten. Wo der gelbe Sack stand, wusste ich schon gar nicht mehr und ich konnte nur von Glück reden, dass Club Mate in Glasflaschen abgefüllt wird.

Am Ende liegt die Entscheidung ohne Plastik zu leben, wie bei allem eigentlich, im Willen. Jeder weiß, wie es um die Umwelt bestellt ist, und dass die Stoffe, aus denen wir unsere praktischen Verpackungen herstellen, endlich sind. Sicher, statistisch werden 90 Prozent aller Kunststoffabfälle in Deutschland wieder eingesammelt, davon allerdings nur 43 Prozent auch wirklich recycelt, da Verbrennen deutlich billiger ist. Kein wirklich guter Schnitt und doch sind wir auch hier im Vergleich mit anderen Ländern noch gut aufgestellt, was die Sache nicht wirklich besser macht. Besonders schade ist die Manifestierung der Meisten, ein Gutmensch – ja im negativen Sinne – oder Öko zu sein, beschäftigt man sich eingehender mit dieser Problematik und will ihr etwas entgegen stellen. Die Bequemlichkeit herrscht vor und zu sagen „ja, aber“ ist noch zu einfach.

Was ist eigentlich Plastik?

Plastik, oder Polypropylen, ist ein vollständig synthetisch oder durch Umwandlung von Naturprodukten hergestellter Werkstoff, der in vielen verschiedenen Arten und für die verschiedensten Zwecke gebraucht wird. Aus der Produktion von Kunststoffen ergibt sich zwangsläufig das Problem der Entsorgung, der aus ihnen erzeugten Produkte: Die Bestandteile der Kunststoffe sind in der Regel nicht wasserlöslich. Von den weltweit jährlich produzierten mehr als 200 Millionen Tonnen Kunststoffen gelangen nach unterschiedlichen Schätzungen sechs bis 26 Millionen Tonnen in die Meere, 70 Prozent davon sinken auf den Meeresboden oder treiben in riesigen Müllstrudeln im Ozean.

von Philipp Schulz

Foto: Jan Krause