„Iss deinen Teller leer, dann gibt es morgen schönes Wetter!“, ist ein altbekanntes Ammenmärchen. Unser Essverhalten bestimmt zwar nicht den Wetterbericht, aber durchaus das Klima. Die Aktion „Greifswald isst auf!“ am 11. Juli soll Augen öffnen.

Was tun mit den drei Tomaten, die da noch im Schrank liegen? Die Semesterferien stehen vor der Tür und es geht nach Hause, in den Urlaub oder ins Praktikum. Der Viertelliter Milch oder der Käse würden bis zur Rückkehr wohl ein Eigenleben entwickeln. Für viele Lebensmittelreste heißt es in solchen Situationen nach einem Schulterzucken des Eigentümers oft: Ab damit in den Müll. Was soll’s? Das ist nicht nur überflüssig, sondern auch teuer.

„Eigentlich schmeißen wir unser eigenes Geld weg“, sagt Annekatrin Ritze, Masterstudentin der Nachhaltigkeitsgeographie. „Und das sogar doppelt, denn wir müssen die Lebensmittel ja letztendlich später noch einmal neu kaufen“, erklärt sie. Bei dieser Verschwendung handelt es sich keineswegs nur um ein paar läppische Cent, sondern um gut 25 Milliarden Euro, die allein Privathaushalte in Deutschland jährlich wegwerfen. Zum Vergleich: Der Anteil der Bundesrepublik am Rettungsplan der Europäischen Union (EU) für Griechenland betrug 23 Milliarden Euro. Darüber regen sich viele Bürger heute noch auf.
Für Anne und ihre Kommilitoninnen Jana Otten, Sabine Lüdecke und Saskia Rösch ist die Wegwerfkultur mindestens genauso empörend. Allein schon aus sozio-ethischen Gründen sei die  Lebensmittelverschwendung in unserer westlichen Welt nicht tragbar, finden sie. Angesichts von Armut und Unterernährung in vielen Teilen der Erde ist die Frage wohl auch mehr als berechtigt, wie wir es moralisch verantworten können, unsere übrigen Tomaten wegzuschmeißen und die Milch in den Abguss zu schütten. Zugegeben, wir können die Unterernährung in Afrika nicht besiegen, indem wir unsere Reste dorthin verschiffen, obwohl auch das durchaus vorkommt – aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte. Aber auch jenseits von moralischen Ansätzen ist der sorglose Umgang mit Lebensmitteln in unserer Gesellschaft alles andere als haltbar.

Denn für alles, was wir wegschmeißen, wird wieder neu produziert, um das Angebot reichhaltig zu gestalten und den vermeintlichen Bedarf üppig zu decken. Dafür wird viel Energie benötigt. Ressourcen, die bei der Herstellung von Lebensmitteln genutzt werden, gehen verloren – und letztlich kostet auch das wieder Geld.

Was hat das mit uns zu tun?

Dieses ständige übermäßige Reproduzieren hat extreme Auswirkungen auf die Umwelt, angefangen beim Verlust der Biodiversität bis hin zu massivem CO2-Ausstoß. Die tonnenweise Vernichtung von guten Lebensmitteln belastet also nicht nur unseren persönlichen Geldbeutel, sondern schädigt auch langfristig unser Klima. So weit, so schlecht.

Die Folgen für das Klima spüren wir hier in Europa bislang nur sehr bedingt, und 25 Milliarden Euro und 6,6 Millionen Tonnen Lebensmittelmüll sind doch sehr abstrakt, sodass es den meisten schwerfallen dürfte, sich selbst als Teil dieses großen Ganzen zu sehen. Die oben genannten Zahlen haben zwar fast alle schon einmal gehört, „aber wenn man die Verschwendung sieht, bleibt es doch eher im Gedächtnis“, erklärt Bine.
Wie aber macht man 6,6 Millionen Tonnen für den Otto Normalverbraucher verständlich und greifbar? Mit dieser Frage im Hinterkopf haben Anne, Jana, Bine und Saskia sich das Konzept für „Greifswald isst auf!“ überlegt. Während des Aktionstages am 11. Juli möchten sie auf dem Marktplatz die Bürger unserer Stadt auf die steigende Lebensmittelverschwendung aufmerksam machen, und mit Informationsplakaten, Flyern und Anschauungsmaterial das Problem verdeutlichen.

Runtergebrochen auf die deutsche Bevölkerung liegt die Lebensmittelverschwendung bei durchschnittlich 82 Kilo pro Person im Jahr. Diese Zahl kann man sich schon eher vorstellen, besonders dann, wenn einem vor Augen geführt wird, dass diese Menge ungefähr zwei Einkaufswagen füllt. Daher werden die vier Kommilitoninnen zwei volle Trolleys auf den Marktplatz stellen. Ein Hingucker, der neugierig machen soll. Ebenso wie die lange Tafel, auf der als Anschauungsmaterial Lebensmittel ausgelegt werden, die in Supermärkten und Restaurants am Vortag der Aktion übrig bleiben und normalerweise als Müll entsorgt werden würden. „Die Lebensmittel sind alle noch gut. Dass das eigentlich alles im Müll landet, wird den Besuchern hoffentlich einige Denkanstöße geben“, sagt Jana, die in der Planungsphase den Geschäften als Ansprechpartnerin zur Verfügung steht und die Lebensmittelspenden organisiert.

So eindrucksvoll die Einkaufswagen und die Infotafeln auch sein werden, der Fokus der vier Nachhaltigkeitsgeographinnen liegt auf einem gemütlichen Reste-Picknick, zu dem alle Greifswalder Bürger eingeladen sind, und währenddessen genug Zeit sein soll, miteinander ins Gespräch zu kommen, um sich auszutauschen. Die Studentinnen wollen sich für jeden Interessierten Zeit nehmen und direkt vermitteln, was Lebensmittelverschwendung bedeutet, und wie jeder ganz individuell dazu beitragen kann, vermeidbare Lebensmittelabfälle zu dezimieren.

Vieles fällt dabei gar nicht schwer, wissen die vier aus eigener Erfahrung. Man muss sich nicht komplett umstellen, um nachhaltig zu konsumieren. Ein bewusster Einkauf ist schon ein Schritt in die richtige Richtung: Nur das zu kaufen, was man gerade braucht, und beispielsweise nicht das XXL-Paket Fleisch, das gerade im Angebot ist, aber nicht verzehrt werden kann, bevor es schlecht wird. Oder vor dem Einkauf noch einmal einen Blick in die Speisekammer werfen, bevor man die nächsten Konserven in dritter Reihe stapelt. Das sind Tipps, die am leichtesten umzusetzen sind und die eigentlich auch jedem einleuchten, aber die im Alltag gern vergessen werden. „Die meisten Leute machen sich im Alltag keine Gedanken darüber, wo oder dass überhaupt ein Zusammenhang zwischen Lebensmittelverschwendung und Umweltschutz besteht. Das kann man im Gespräch am besten vermitteln“, fasst Anne zusammen.

Anne, Bine, Jana und Saskia beim Probe-Picknick auf dem Markt.

Anne, Bine, Jana und Saskia beim Probe-Picknick auf dem Markt.

Schöne Theorie – schwierige Praxis?

„Greifswald isst auf!“ stellen die Studentinnen im Rahmen ihres Wahlmoduls Projektmanagement auf die Beine. Die Aufgabe im Seminar lautet vereinfacht: Denkt euch ein Projekt aus, plant und organisiert es und berichtet anschließend darüber. So leicht wie der Arbeitsauftrag klingt, ist die Umsetzung jedoch leider nicht.

Abgesehen von der Überlegung, wo die Aktion am besten stattfinden könnte und der Organisation von Anschauungsmaterial, müssen sich die vier natürlich auch um Werbung und das Einhalten von amtlichen Auflagen kümmern. Mit „nur mal kurz die Welt retten“ ist es in diesem Fall nicht getan. Bei ihren Anfragen um Genehmigungen oder auch Lebensmittelspenden sind Saskia, Jana, Bine und Anne schon auf einige Hürden gestoßen. Viele Institutionen, mit denen sie über ihr Projekt gesprochen haben, fanden, die Aktion sei „eine schöne Idee.“ Nachdem es im Grunde alle prinzipiell super finden, wie die vier berichten, kommt bei vielen das große ABER. Gerade bei großen Unternehmen stehe eine lange Entscheidungskette an und sobald es um Lebensmittel im öffentlichen Raum geht, sind auch Gesundheits- und Lebensmittelüberwachungsamt mit hygienischen Vorschriften ganz vorne mit dabei.

So kann zum Beispiel die eigentlich angedachte Schnippelparty, wie sie in Berlin und anderen deutschen Städten schon stattfand, nicht umgesetzt werden, da das Lebensmittelüberwachungsamt dies hier nicht erlaubt. Auch die Lebensmittelspenden dürfen nur als Anschauungsmaterial ausgelegt, später aber nicht verteilt werden. Ein leichter Wehrmutstropfen für die Studentinnen. Stattdessen haben sie nun das Reste-Picknick geplant. Jeder, der kommt, darf selbst mitgebrachtes Essen auf dem Marktplatz verspeisen. Natürlich soll niemand extra für das Picknick einkaufen, sondern wirklich Reste mitbringen, schließlich soll alles im Zeichen der Nachhaltigkeit stehen. Die Flyer und Plakate mit den Einladungen zum Picknick werden in Schulen, Geschäften und auch in der Mensa ausgelegt, um ein breites Publikum zu erreichen.
„Wir möchten viele Leute ansprechen. Neben denen, die gezielt kommen, ist uns aber auch die Laufkundschaft wichtig und willkommen“, betont Bine. Immerhin ist es ein Thema, das uns alle angeht. Aller Bürokratie zum Trotz freuen die vier sich schon sehr auf die Aktion. Für den 11. Juli wünschen sie sich natürlich, dass viele Leute kommen und sich für das Thema interessieren und sensibilisieren lassen. Sie wollen deutlich machen, dass es kein Weltretten ohne Umdenken geben kann, und sich nicht die Umwelt an uns anpassen muss, sondern umgekehrt. Wie viel den vieren daran liegt, dass ihre Botschaft, mit kleinen Dingen viel bewegen zu können, wirklich ankommt, bringt Bine mit den Worten „Alles soll seinen Wert haben! Nichts soll verkommen.“ auf den Punkt.

Nach dieser Devise wird das Weltretten womöglich wirklich zum Picknick – zumindest, wenn alle mitmachen. Üben kann man ja schon mal am 11. Juli auf dem Greifswalder Marktplatz.
Langfristig könnt ihr euch aber beispielsweise auch bei foodsharing.de engagieren – einen öffentlichen „Fairteiler“ soll es ab Juli auch in Greifswald geben. Und vielleicht veranstaltet ihr mit euren Mitbewohnern oder Freunden ja vor den Semesterferien eure eigene ganz private Schnippelparty.

Was ist eigentlich…eine Schnippelparty?

Auf einer Schnippelparty werden gerettete Lebensmittel von Menschen jeden Alters und unterschiedlicher Kultur gemeinsam zu einem bunten Eintopf gekocht. Die Lebensmittel wurden entweder aus Containern gerettet, stammen aus dem Ernteüberschuss von Bauern oder sind solche, die aufgrund ihrer Form nicht der EU-Verpackungsnorm entsprechen und so nicht in den Supermarkt gelangen. Die Schnippelparties finden in privaten Häusern, aber auch auf Straßenfesten et cetera statt.

von Constanze Budde

Foto: Privat

Illustration: Lisa Sprenger