Schulen vermitteln vor allem Faktenwissen. Zeit dem Einzelnen gerecht zu werden, bleibt selten. Umso erfreulicher, dass ein einmaliges Musicalprojekt in Greifswald Unterricht fernab vom Klassenzimmer ermöglichte – mit mehr als einer Überraschung.

Ich traue meinen Augen nicht: vor mir steht Udo. Ein bisschen größer hab ich ihn mir vorgestellt. Er stimmt sein „Mädchen aus Ostberlin“ an. Doch plötzlich stockt er, stolpert über den Text, über die Töne. Dann verstummt erst er, kurz darauf die Musik, und aus dem Hintergrund ertönt eine Stimme: „Probier’s einfach nochmal. Fehler gibt’s nicht.“

Allerdings befinde ich mich weder in einem großen Konzertsaal noch in Udo Lindenbergs Backstagebereich, sondern in der Caspar-David-Friedrich-Schule (CDFS). Hier singen, spielen und werkeln seit September 2014 etwa 80 Schüler mit ihren Lehrern in Vorbereitung auf die Greifswalder Version des Musicals „Hinterm Horizont“, die am 20. Juni 2015 erstmalig in der Stadthalle aufgeführt wird. Der Mensch mit Hut vor mir ist demnach auch gar nicht Udo, sondern die Schülerin, die in einer der beiden Vorstellungen seine Rolle übernimmt. Unterstützend beiseite stehen ihr Noah Fischer, musikalischer Leiter des sozial-künstlerischen Projekts und Alex Melcher, selbst Udo-Darsteller im renommierten Originalstück. Es erzählt die Geschichte von Udo Lindenberg und der Aktivistin Jessy aus der Freien Deutschen Jugend (FDJ), die sich nach Lindenbergs Angaben tatsächlich so zugetragen hat. Er trifft auf einem Konzert das „Mädchen aus Ostberlin“ und verliebt sich, was nicht ohne Konsequenzen bleibt. Als zweite deutsche Einrichtung entschied sich die CDFS gemeinsam mit der Integrativen Gesamtschule Erwin Fischer zur Durchführung des Projekts „Hinterm Horizont macht Schule“, in dem Jugendliche mit professioneller Unterstützung ihre persönliche Adaption des bekannten Musicals erarbeiten dürfen. Initiiert wurde die Arbeit von der Udo-Lindenberg-Stiftung, gefördert durch die Universitätsmedizin Greifswald.

Hohe Anforderungen, tiefes Vertrauen

Melcher versucht gerade, dem geknickten Udo-to-be zu vermitteln, wie entscheidend eine zuversichtliche Einstellung im Leben ist. „Es ist nicht einfach, aber die negative Herangehensweise könnt ihr euch nur selbst wieder abtrainieren.“ Fischer nickt und ergänzt: „Zuerst hast du einen Gedanken. Das nächste sind dann vielleicht Worte, die noch nicht viel ändern. Wichtig ist, dass du’s tust.“ Schon da wird deutlich, dass die Teilnehmer des Projekts in den vergangenen Monaten weit mehr gelernt haben als Gesang und Deutsche Geschichte. Zwischen Lindenberg-Konzerten 1983 in Berlin und 1985 in Moskau wird vor allem die freiheitseinschränkende Führung der DDR für die Schüler zugänglich gemacht. Doch die zwischenmenschliche Komponente ist den Verantwortlichen mindestens genauso wichtig wie die Arbeit für die Bühne.
Die Gefühle der Schüler sind gemischt. „Viele haben sich das natürlich anders vorgestellt“, erklärt Nele Marie Helberg, Lehrerin für Mathematik, Biologie und Religion. Gemeinsam mit einer Kollegin betreut sie die Arbeitsgemeinschaft Schauspiel. „Es gehört sehr viel Lernen und Wiederholen dazu, immer und immer wieder.“ Dass Disziplin und Selbstmotivation an der Tagesordnung sein müssen, leuchtet ein. Nicht immer fällt das allen Teilnehmern so leicht.

Eine halbe Stunde lang begleite ich die etwa 20 anwesenden Darsteller durch Moskau, wohin die unglücklich verliebte Jessy reist, um Udo wiederzusehen. Koordiniert wird das Ganze vom Regisseur Michael Eisenburger, der seine Schäfchen entschieden durch den Raum gestikuliert. Unermüdlich winkt und ruft er, schiebt, stellt und gibt Anweisungen. Beim vierten Durchlauf der Szene heben zwei Schüler plötzlich den dritten hoch. Auf das „Warum habt ihr das gemacht, das Tragen?“ des Leiters folgt die Antwort: „Weil wir Langeweile hatten.“

Führt das zu Frustration in der Führungsetage? Eher weniger. Die Kunst scheint darin zu bestehen, nicht allzu hohe Erwartungen zu haben. „Im Gegenteil, die Erwartungen sollten möglichst hoch sein“, lasse ich mich berichtigen. „Aber es ist wichtig, Abstriche zu machen. Außerdem drehen die Kids erfahrungsgemäß während der Vorstellung unglaublich auf“, weiß Eisenburger zu berichten. Wie dieses Jahr in Greifswald nahm er in Kooperation mit Mitarbeitern der Stage Entertainment GmbH bereits an der erstmaligen Durchführung des Projekts in Leipzig vor zwei Jahren teil. Auch Fischer zieht aus dieser Aufführung wertvolle Erkenntnisse zum Auf und Ab eines solchen Projekts: „Diese Wellen gibt es immer. Am Anfang ist alles spannend. Jetzt wird es etwas schwieriger, weil Eigeninitiative und viel Üben gefragt sind.“  Doch es geht um mehr als die Vorbereitung einer Aufführung. Nicht ohne Grund wählte die Udo-Lindenberg-Stiftung ein Umfeld, in dem „nicht von vornherein die Chance gegeben ist, ein Instrument zu erlernen oder anderweitig künstlerisch tätig zu werden“, so Fischer. „Es ist schön, wenn wir in unserem privilegierten Job etwas an die Jugendlichen weitergeben können.“ Tatsächlich erreicht das die jungen Menschen erkennbar. „Sie öffnen sich immer mehr in den letzten Tagen, vor allem privat. Das sind auch Erfolge. Daran muss man sich manchmal erinnern, wenn die Bühnenarbeit gerade nicht so gut läuft.“

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Projektarbeit formt den Charakter

Ob die jüngere Generation diese Herangehensweise teilt, will ich von Celine (14) und Franzi (15) wissen. Beide besuchen die 8. Klasse der CDFS und übernehmen den musikalischen Part der Jessy von heute, die als erwachsene Frau in einem Rückblick von ihrer Affäre mit Lindenberg erzählt. Im Gegensatz zu den Schülern einer 9. Klasse der Erwin-Fischer-Gesamtschule mussten sie zunächst ein Casting absolvieren. Aufregend war das für die beiden weniger, eher entspannt. „Man kennt sich ja hier“, meint Franzi dazu.

Was beide am Projekt schwierig finden, wird schnell deutlich: „Wenn Leute ihren Text nicht können, ist das nervig“, erklärt Celine. „Aber das sind auch nicht alle. Im Großen und Ganzen harmonieren wir sehr gut miteinander“, wirft Franzi ein. Die Doppelbelastung durch die künstlerische Arbeit neben dem Unterricht spüren die Mädels dann doch – den gesamten Donnerstag verbringen sie mit der Vorbereitung der Aufführung, während ihre Freunde im Klassenzimmer schwitzen. „Manchmal werden Arbeitsblätter oder Hausaufgaben von unseren Mitschüler gar nicht oder erst knapp an uns weitergegeben“, meint Celine. Trotzdem nimmt sie gerne am Projekt teil, weil es sowohl Selbstbewusstsein als auch Kommunikationsfähigkeit stärkt. „Ich könnte mir schon vorstellen, so etwas später mal beruflich zu machen. Aber dazu muss man wohl wirklich sehr gut sein.“

Erfahrungen, die bleiben

Ihr diese Zweifel zu nehmen, ist eine der Intentionen von Fischer. Gleichzeitig vermittelt er den Schülern, dass es ohne harte Arbeit und Ehrgeiz nicht funktioniert: Musiktheoretische Übungen gehören wohl zu den unspannendsten Teilen des Sängeralltags. Der musikalische Leiter wirkt streng, aber motivierend, als er die Jessies wieder und wieder Töne nachsingen lässt, die er auf dem Klavier vorgibt. Nicht immer klappt das auf Anhieb. „Den Unterschied hört ihr doch. Das ist nicht dasselbe, was ihr singt“, lässt Fischer nicht locker. Celine, Franzi und die beiden Mitschülerinnen, die den Gesangspart des jüngeren „Mädchens aus Ostberlin“ übernehmen, sehen ein wenig gequält aus. Schließlich kommt er dann doch, der richtige Ton. Belohnt werden sie mit einem Lob – und der nächsten Herausforderung, höher oder tiefer als das Klavier zu singen.

Dass die Aufführung letzten Endes nur das i-Tüpfelchen des Projekts ist, mag einer der Gründe sein, warum die Lehrerschaft sich geschlossen entschieden hat, den Versuch zu wagen. „Die Schüler erwerben vielfältige Sozialkompetenzen: Konfliktlösung, die Arbeit im Hintergrund schätzen zu lernen, aber eben auch mal Zurückstecken und sich eingestehen, dass jemand anderes für eine Aufgabe vielleicht besser geeignet ist. So wie die beiden Udos zum Beispiel: einer ist stärker im Gesang, der andere im Schauspiel, also teilen sie sich die Rolle“, so Nele Marie Helberg. Überrascht wurde sie schon mehr als einmal von den jungen Menschen: „Häufig traut man Kindern einfach zu wenig zu. Es entwickelt sich auch ein persönlicher Draht zu manchen Schülern, der sonst leider oft unter den Tisch fällt.“

Schließlich ist er da, der große Tag – und ich bin schlichtweg überwältigt. Sind das die Schüler, die ich noch vor sechs Wochen gegen ihre Ängste habe kämpfen sehen? Unmöglich. Mit einer Gelassenheit, die Udo mehr als gerecht wird, führen sie das Publikum in die Vergangenheit: die Mauer, die Teilung, die Wiedervereinigung. Umrahmt wird die Aufführung von Aufnahmen der Schüler, in denen ihre Lehrer von „damals“ erzählen, sowie DDR-Originalsequenzen. Man kann die freudige Erregung im Saal beinahe aus der Luft greifen, und angesichts mancher schauspielerischer und gesanglicher Leistungen bleibt mir der Mund offen stehen.

Ich hätte ihn sehr gern mit Ende der Vorstellung wieder geschlossen, doch das dickste Ass zieht Arno Köster, Vertreter der Udo-Lindenberg-Stiftung, erst noch aus dem Ärmel und auf die Bühne: den Mann mit Hut höchstpersönlich. Die Überraschung ist mehr als gelungen, die Emotionen überschlagen sich. Man muss kein Udo-Lindenberg-Fan sein, um nachvollziehen zu können, was dieser Abend für beide Generationen bedeutet. Da sind Streitigkeiten und Frustration der letzten Wochen sofort vergessen.

Und nun? Party vorbei, Udo umarmt, alles wie vorher? Nein. Die Erfahrungen, die die Schüler im Laufe dieses Projekts sammeln durften, kann ihnen keiner mehr nehmen. Doch auch im Kopf der einen oder anderen Lehrerin dürfte mehr passiert sein, als die Erfüllung des Mädchentraums, neben Udo Lindenberg auf der Bühne zu stehen. Ich gehe jedenfalls mit dem Gefühl nach Hause, ein Stück deutsche Geschichte verstanden zu haben, das mir keine Unterrichtsstunde halb so lebendig vermitteln konnte. Um es mit Worten von Hanns Joachim Friedrichs zu sagen, der am 9. November 1989 die Tagesschau eröffnete: „Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab. Aber heute Abend darf man einen riskieren.“

von Luise Fechner

Fotos: Luise Fechner (Beitragsbild), Philipp Schulz (Musical-Darsteller)