Im Fernsehen ist der Landarzt bereits abgesetzt. Aber auch in der Realität ist es um die Situation der Hausärzte fernab der Städte Vorpommerns nicht zum Besten bestellt. Eine Diagnose: Risiken und Nebenwirkungen des Landarztdaseins.

Die Landeier unter euch werden ihn vielleicht kennen. Den Onkel Doktor, der von der Uroma bis zum frischesten Familienmitglied alle kennt und behandelt und sogar über die Namen aller fünf neugeborenen Kälber des Hofes informiert ist. Wer Kühe aber nur aus dem Fernsehen kennt,  der denkt beim Stichwort Landarzt eher an die idyllische Gemeinde Deekelsen aus dem deutschen TV, von der Oma immer so begeistert war. Doch mit Studenten hat diese Idylle nur wenig zu tun. Denn die sind in den ländlichen Gegenden äußerst selten anzutreffen. Sie tummeln sich am liebsten in den Universitätsstädten. Und die meisten von ihnen wollen auch dort bleiben. Das gilt auch für die Medizinstudenten. Hieraus entwickelt sich ein immer größer werdendes Problem. Hochrechnungen über die Medizinabsolventen künden zwar nicht von einem Mangel, sondern, im Gegenteil, von einem Überfluss an medizinischem Nachwuchs. Doch dieser Überfluss zeigt sich nur in großen Städten wie Hamburg oder Berlin deutlich. In Hamburg kommen statistisch gesehen 143 Einwohner auf einen berufstätigen Arzt, während es in Mecklenburg-Vorpommern 221 sind (Quelle:  Ärztestatistik der Bundesärztekammer vom 31. Dezember 2014).

Während in den großen Städten die medizinische Versorgung also mehr als gedeckt ist, hört und liest man in den Medien ständig von Ärztemangel und Wegzug aus den ländlichen Regionen. Dass die junge Ärztegeneration nicht von einem abgeschiedenen 24-Stunden Job im Nirgendwo träumt, ist ebenfalls bekannt. Aber woran liegt es, dass scheinbar niemand mehr bereit ist, das im Fernsehen so romantisch dargestellte Landleben auch auf den Arbeitsplatz auszuweiten? Die Gründe für den allgemeinen Widerwillen, den Arztberuf auf dem Land auszuführen, sind vielfältig. Als Nachteile werden vor allem die geringe Vereinbarkeit von Arbeit und Familienleben angesehen. Dazu zählen auch die wenigen Jobangebote für den Lebenspartner. Die Chancen, dass Ehefrau oder -mann ihren Traumjob ebenfalls auf dem Land finden, sind eher gering. Das lässt die ländliche Infrastruktur nicht zu, sagt auch Doktor Jörn Freiherr von Campenhausen, Landarzt aus Kröpelin: „Der Partner oder die Partnerin muss also meistens schon eine gewisse Opferbereitschaft mitbringen.“ Auch die mitunter  große Entfernung zu guten Schulen für den Nachwuchs, fehlende Kindergärten und Fachgeschäfte sind Teil des Problems. Alles Dinge, die für den städtischen Menschen selbstverständlich sind. Es entsteht der Eindruck, als müsse man einfach zum Landarzt geschaffen sein, um die vermeintliche Einsamkeit zu ertragen.

Landarzt als Lebensmodell

Dabei kann der Beruf äußerst erfüllend sein. Dieser Meinung ist auch Jakob Fölster. Er studiert im achten Semester Humanmedizin in Greifswald und kann sich gut vorstellen, später einmal aufs Land zu ziehen. Besonders attraktiv findet er den nahen Kontakt zu den Patienten und die Einbindung in die Gemeinde. Er schätzt auch die Möglichkeit, durch die Behandlung von ganzen Familien mit einer weiten Bandbreite an Krankheiten konfrontiert zu werden. Die Beschäftigung mit älteren Patienten bleibt demografisch bedingt jedoch eine Hauptaufgabe. Und das wird sich in den kommenden Jahrzehnten weiter steigern. Die Oberste Landesplanungsbehörde Mecklenburg-Vorpommern (MV), prognostiziert bis 2030 einen Anstieg der Anzahl der über 65jährigen von 24 auf 36 Prozent (Stand 2012). Damit ist MV das älteste Bundesland Deutschlands. Professor Jean-François Chenot, Leiter der Abteilung Allgemeinmedizin der Community Medicine Greifswald, verweist darauf, dass eine Praxis nur dann zukunftsfest ist, wenn sichergestellt ist, dass für die nächsten 25 bis 30 Jahre eine ausreichende Anzahl an Patienten vorhanden bleibt. Momentan gäbe es in Mecklenburg-Vorpommern in manchen Regionen einen Bevölkerungsverlust von circa 25 bis 30 Prozent – Fakten, die bei der Überlegung, als Landarzt zu praktizieren, mitbedacht werden müssen.

Eine eigene Praxis bringt viel Verantwortung mit sich. Nicht nur auf dem Land. Aus diesem Grund zieht Jakob nach Abschluss seines Studiums zunächst eine Anstellung in einer Praxis innerhalb eines Ballungsgebietes in Betracht. Später dann, mit einem größeren Erfahrungsschatz, kann man sich seiner Meinung nach an die Existenzgründung herantrauen. Im Medizinstudium wird angehenden Ärzten keine unternehmerische Ausbildung zuteil, bedauert Jakob. Die Führung einer eigenen Hausarztpraxis bedeutet aber immer ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Schließlich muss auch das dazugehörige Praxispersonal entlohnt werden. Für von Campenhausen bedeutet aber gerade die eigene Praxis besondere Freiheit. Er betrachtet es als Vorteil, eigenständig agieren zu können, und nicht dem oftmals engen Zeitplan und den strikten Richtlinien einer Großstadtklinik unterworfen zu sein. Der Verwaltungsaufwand ist für ihn in der eigenen Praxis geringer. Dennoch: Die Abgeschiedenheit der ländlichen Regionen bringt für die Landärzte eine große Verantwortung mit sich und besonders ausgeprägte Urteilsfähigkeit ist entscheidend. „Man muss sich im Klaren darüber sein, dass man nie abschalten kann“, gibt Jakob zu bedenken. Es ist ein Fulltime-Job. Dieser Schwierigkeit sieht von Campenhausen sich allerdings nicht ausgesetzt.

Anders als so mancher Kollege in der Klinik oder auch in anderen Landarztpraxen genießt er den Luxus, die Mahlzeiten gemeinsam mit seiner Familie einnehmen zu können und genügend Zeit für seine vier Kinder zu haben. Damit widerspricht er dem allgemein verbreiteten Klischee des sich permanent im Einsatz befindenden Hausarztes. Wie in jedem anderen Job mit Verantwortung ist es aber auch oder vielleicht gerade für den Landarzt wichtig, Privates und Berufliches zu trennen. „Man muss delegieren können. Das ist unerlässlich“, betont der Kröpeliner Landarzt. Darüber hinaus müsse man sein eigenes Lebensmodell finden, das natürlich sehr individuell sei.

mm118_22-23_universum_TascheLösungsansätze mit Zukunft

Das Thema Ärztemangel ist in den Medien sowie in Medizinstudentenkreisen durchaus präsent, die Universität Greifswald ist da keine Ausnahme. Doch längst ist das Problem der medizinischen Unterversorgung in ländlichen Regionen auch in die Politik vorgedrungen und wird dort heiß diskutiert. Professor Chenot meint, dass eine bessere Vertretung der Allgemeinmedizin an der Universität aber nur ein kleiner Teil der Lösung sein kann, weil nur die Politik die genauso wichtige nicht-medizinische Infrastruktur erhalten kann. Ein wichtiger Schritt von politischer Seite war die Abschaffung der Residenzpflicht im Jahr 2012. Diese zwang bis dahin jeden Kassenarzt dazu, seinen Hauptwohnsitz in der Nähe seiner Praxis zu beziehen. Nun ist es den Landärzten ermöglicht worden, zu ihrer Arbeitsstelle zu pendeln und so nicht auf die Annehmlichkeiten der Stadt verzichten zu müssen. Darüber hinaus gibt es in der Politik Ansätze, Medizinstudenten durch ein Stipendium dazu zu verpflichten, nach Abschluss des Studiums für einen bestimmten Zeitraum in einem unterversorgten Gebiet zu arbeiten. Beispielsweise ist die Bedingung für ein Stipendium der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen der Hochschulabschluss innerhalb der Regelstudienzeit und die anschließende Verpflichtung für mindestens fünf Jahre im ländlichen Raum Sachsens tätig zu sein.

Jakob steht den finanziellen Verlockungen jedoch skeptisch gegenüber. So eine Verpflichtung bringt wiederum Risiken mit sich. Bei einem Abbruch oder einer Anstellung außerhalb des Vertrages sind hohe Geldsummen zurückzuzahlen. Auch von Campenhausen hat Zweifel an solchen Formen der Förderung. Also doch eher ein stärkeres Engagement von universitärer Seite? Bedingt – Doktor von Campenhausen empfindet die im Medizinstudium vorgeschriebenen Praktika als gut zusammengesetzt und ausreichend. Er betreut in der Regel  zwei oder drei Studenten im Jahr, die bei ihm ihre Famulatur absolvieren. Die meisten von ihnen sind dem Beruf des Landarztes gegenüber durchaus aufgeschlossen. In anderen Regionen und Praxen sieht das teilweise ganz anders aus. Zumal sich die Meinung über die endgültige Berufswahl während solch eines langen Studiums ja auch ändern kann.

Und so suchen viele ältere Landärzte jenseits des normalen Rentenalters vergeblich nach einem Nachfolger für ihre Praxen. Noch gibt es keine Lösung für das Problem des Landarzt-Mangels. Fraglich ist auch, ob es die „eine“ Lösung überhaupt gibt. Jede ländliche Region hat schließlich ihre eigenen Besonderheiten, die es dabei zu berücksichtigen gilt. Genauso wie es noch keine langfristig erfolgversprechenden Ansätze gibt, ist aber auch noch nicht das letzte Wort darüber gesprochen, ob der Landarzt, der körperliche Gebrechen genauso wie seelische Wehwehchen behandelt und als Institution fest in die Gemeinde des Landkreises integriert ist, tatsächlich ausstirbt.

In den nächsten Jahren muss definitiv etwas passieren, aber Doktor von Campenhausen würde die Laufbahn als Landarzt auch heute noch absolut empfehlen. „Was in 20, 30 oder 40 Jahren ist, das kann man sowieso nicht abschätzen“, sagt er.

von Jenia Barnert & Constanze Budde

Fotos: Luise Fechner