Die Reaktionen im Verlagswesen gleichen einem Aufschrei, als wäre über Nacht das Verlegen von Büchern verboten worden. Zu Recht, denn bei der neuesten Auslegung des Paragrafen 52b im Urheberrechtsgesetz entschied der Bundesgerichtshof, dass Lehrbücher zukünftig auch ohne Zustimmung des Rechtsinhabers digitalisiert werden dürfen. Dies beinhaltet das kostenfreie Abspeichern und Ausdrucken der Texte für den privaten Gebrauch. Vorangegangen war dem Beschluss ein mehrjähriger Rechtsstreit zwischen dem Eugen Ulmer Verlag und der Technischen Universität Darmstadt, in dem die Universität momentan die Oberhand hat.

Werden in Zukunft also noch mehr lose Zettel durch unsere Studentenbuden fliegen, während die Bücherregale sich langsam leeren? Grenzenlose Bildung und Wissen für alle, ein Traum für jede Nation. Bis dahin ist der Weg hier in Greifswald jedoch noch weit. Die Universitätsbibliothek verlässt sich nicht auf die großzügige Auslegung des Paragrafen und wird nach wie vor die Rechte beim Verleger einholen, bevor es zu einer Digitalisierung von Lehrbüchern kommt. Diese stehen auch weiterhin nur im elektronischen Lesesaal zur Verfügung, Abspeichern und Ausdrucken sind ausgeschlossen. Eine Entscheidung, die mir entgegenkommt. Lieber gebe ich einen Teil meiner Ersparnisse aus und habe ein Buch in der Hand, als stundenlang am Drucker zu stehen. Bücher, die haben etwas. Und selbst der trockenste Juristenschinken kann unter Umständen Interessantes enthalten, wenn er zuvor durch die Hände eines älteren Studenten ging.

von Luise Fechner

Illustration: Jan Krause