Rezension

Helmut Schmidt hatte anscheinend noch Einiges zu sagen. Über dreieinhalb Stunden lang erzählt der fünfte Kanzler der Bundesrepublik Deutschland von seiner Kindheit bis zu der Zeit nach dem Bundeskanzleramt. Die Eindrücke eines absoluten Gegners des Nationalsozialismus werden erzählt, sowie seine Gedanken und Gefühle während des Mauerbaus. Mental sich nach den Philosophen der Antike richtend, durchziehen Weltvorstellungen, theologische Ansätze und Entwürfe zur optimalen Demokratie die Lesung.

Bekannt als langjähriger konsequenter Raucher ist es sehr angenehm, dass Helmut Schmidt sein Buch nicht selbst liest. Stattdesen stand Hanns Zischler als Senior mit einer angenehmen tiefen Stimme für die Passagen, die sonst hätten langweilig sein können, am Mikrofon. Der erste Schock über das viele Material verfliegt schnell, solange man nicht Satz für Satz analysieren möchte. Der ehemalige Bundeskanzler nimmt sich merklich sehr viel Zeit, um ausschweifend von seinem Leben zu erzählen.

Viele Worte werden Platon, Kant oder Aristoteles gewidmet. Ob man nun noch einmal den kategorischen Imperativ erklärt haben möchte, bleibt dem Hörer überlassen. Es werden jedoch auch zu seiner Zeit bekannte Namen genannt, wie beispielsweise Karl Popper, mit dem Schmidt angeregte Diskussionen führte. Interessante Passagen sind außerdem die Treffen mit den fremdländischen Staatsoberhäuptern und Außenministern. Unterhaltungen mit dem israelischen, englischen und amerikanischen Präsidenten werden nahezu rezitiert, vermutlich aus dem Gedächtnis. Nicht allen Ansichten kann man zweifellos zustimmen, aber es geht schließlich um Schmidts Meinung, ob obligatorisch vorgetragen oder wankelmütig. Ein wenig eigene kritische Reflexion ist zumindest empfehlenswert, anstatt alles so hinzunehmen, wie er es dem Leser oder Hörer im Brustton der Überzeugung vorgibt. Einige Passagen sind zweifelsohne ein wenig langweilig und wiederholen sich inhaltlich des Öfteren. Außerdem wirkt es durch die vielen Philosophen zum Teil wie eine große Lehrstunde, andererseits wie eine Dokumentation. Da dies nicht sein erstes Buch war, sind auch die allgemein bekannten Lebenserlebnisse weggelassen, sodass alles in allem spannende Hintergrundinformationen zutage treten, die einen beeindrucken oder zumindest nicht dümmer werden lassen.

von Sophie Gros

Foto: ©Der Audio Verlag