Rezension

„Das sind die neuen Nazis“ – so beschrieb der Publizist Jürgen Todenhöfer in einem Interview mit dem Deutschland Radio Kultur den „Islamischen Staat“. Während westliche Journalisten sonst als Feinde gesehen und getötet werden, durfte er mit seinem Sohn und einem weiteren Begleiter in das IS-Gebiet reisen – allerdings nicht ohne sich vorher umfassend abzusichern.

Neben der Garantie des Kalifen hatte er zusätzlich ein Medikament dabei, mit dem er sich im Ernstfall selbst umbringen konnte. In seinem Buch „Inside IS – 10 Tage im ‚Islamischen Staat’“ beschreibt er eindrucksvoll die Reise und vor allem deren Vorbereitungen. Seit Anfang Juni 2014 recherchierten er und sein Sohn, schrieben deutsche IS-Kämpfer über Facebook an und sprachen mit ihnen über Skype.
Jürgen Todenhöfer setzt sich seit Jahren gegen Krieg ein. Seine ersten Erlebnisse mit Kriegsgeschehen hatte er als Junge im Zweiten Weltkrieg. Als Student fuhr er in den 1960er Jahren nach Algerien und erlebte mit, wie brutal sowohl das französische Militär als auch die algerischen Widerstandskämpfer vorgingen. Immer wieder deutlich wird bei den Schilderungen seine radikale Ablehnung von Krieg und Terror.

„Hatte der Brite Peter Ustinov nicht recht, als er Angriffskriege den ‚Terrorismus der Reichen‘ nannte? Für ein irakisches Kind macht es keinen Unterschied, ob es von einem „muslimischen“ Selbstmordattentäter oder von einer ‚christlichen‘ Bombe zerfetzt wird. Krieg ist Terror der Reichen, Terror der Krieg der Armen. Qualitative Unterschiede habe ich bis heute keine gefunden.“

Das Buch zeigt, dass Todenhöfer mit der westlichen Außenpolitik ein großes Problem hat. Immer wieder vergleicht er westliche Angriffe sowohl aus der Kolonialzeit als auch die Kriege in Afghanistan und dem Irak mit Gefechten und Terrorakten von Islamisten – und kommt zum Ergebnis, dass der Westen um einiges brutaler und mörderischer sei als der radikale Teil des Islams. Was sich eindrucksvoll liest und auch nachvollziehbar ist, hätte an bestimmten Stellen allerdings weitere Quellenangaben zur Untermauerung gut gebrauchen können.

Todenhöfer macht deutlich, dass der Terror in den arabischen Ländern ein vom Westen geschaffenes Problem ist: Würde dieser sich nicht ständig einmischen, um seine Interessen zu wahren, gäbe es auch weniger Anlass für Muslime, auf Terror zurückzugreifen. Auf diese doch recht schlichte und vor allem schwarz-weiße Darstellung kommt er während seiner Argumentation immer wieder zurück. Gleichzeitig macht er deutlich, dass es eben doch nicht so einfach ist, und die Menschen, würde man ihren Hintergrund nicht kennen, an sich sympathisch wären.

„Abu Loth wäre ein feiner Kerl, wenn er andere Freunde gefunden hätte, wenn er der IS-Ideologie nie begegnet wäre. So aber vertritt er all den ideologischen Schrott, den ihm seine Freunde eingeredet haben. Über Frauen zum Beispiel. Sie hätten zwar auch gute Eigenschaften, seien aber letztlich körperlich und geistig begrenzt. Deshalb zählten im IS zwei Zeugenaussagen von Frauen so viel wie die Aussage eines Mannes. Frauen sollten am besten zu Hause bleiben. Dort seien sie am besten aufgehoben. Das sei im Westen bis vor ein paar Jahren ja auch so gewesen.“

Man merkt Todenhöfer an, dass er von der arabischen Welt fasziniert ist und es ihn deshalb umso härter trifft, wie einerseits mit dieser umgegangen wird und andererseits die Menschen miteinander umgehen. Er zeigt die Zwiespältigkeit und Uneinsichtigkeit des Islamischen Staats: Beim Essen von Cheeseburgern und Trinken von Pepsi-Cola schimpfen die IS-Kämpfer auf die westliche Lebensweise. Spricht Todenhöfer oder einer der Begleiter sie darauf an, ignorieren die Kämpfer sie entweder oder reden sich mehr oder weniger geschickt heraus. Auch Todenhöfers Plädoyers für ein Ende der Gewalt nehmen die IS-Kämpfer nicht wahr. Das Buch schildert eindrücklich, wie schnell die Stimmung auf der Reise kippen konnte und vor allem, wie gefährlich der IS ist:

„Er und sein Kumpel, der aussieht wie Rambo, wollen mir noch ein paar Sätze mit auf den Weg geben. Dinge, die ihnen am Herzen liegen, wie sie sagen. Wenn sie nach Deutschland kämen, wären wir die Ersten, die sie töten würden. Sie würden uns zu finden wissen. Dabei fährt er sich mit dem Zeigefinger von links nach rechts über den Hals.“

Das ist nicht das erste Buch Todenhöfers zu der Situation im Nahen Osten. Hat man vorherige Bücher gelesen und sich mit anderen Interviews und Artikeln des Publizisten befasst, fällt auf, wie genau er die Entwicklungen beschreiben und vorhersehen konnte. Umso unverständlicher ist es, dass seine Ansichten und Lösungsvorschläge immer wieder verlacht werden. Das Buch „Inside IS“ ist wie seine Vorgänger ein Plädoyer gegen Krieg und für diplomatische Lösungen, gibt aber auch einen Einblick in die krude Ideologie des Islamischen Staats.

von Katrin Haubold

Foto: ©C. Bertelsmann Verlag