Bio ist Trend. Neben offiziellen Qualitätssiegeln von Bundesrepublik und EU sowie der Umweltverbände wie Demeter und Naturland geistern jede Menge unkontrollierte Schildchen durch die Supermärkte. Auf Irrwegen in den Wocheneinkauf.

In einem Supermarkt irgendwo in Deutschland. Ein richtiges Labyrinth aus Regalen, gefüllt mit den unterschiedlichsten Produkten, erwartet die Kunden. Auf fast jeder Packung prangt ein Emblem, die meisten davon in Grüntönen. Auch das Wort „Bio“ taucht immer wieder auf. Klar, ist ja auch total im Trend. Außerdem scheint das durchschnittliche Umweltbewusstsein der Leute zu wachsen. Und Gutes tun fängt in Bezug auf den Umweltschutz nun einmal beim täglichen Einkauf an. Der Haken daran ist allerdings: Vieles ist nur schöner Schein. Denn was sich gut verkauft, will viel genutzt werden.

Schlupflöcher lässt das gesetzliche Regelwerk hierfür genug. So ist die Bezeichnung „biologisch kontrollierter Anbau“ zwar streng geschützt, fehlt aber auch nur ein Wort oder ist es durch ein anderes ersetzt, darf sie von jedem verwendet werden. „Kontrollierter Anbau“ zum Beispiel heißt so gut wie gar nichts. Schön verwirrend und gar nicht hilfreich. Ähnlich sieht es da bei den Qualitäts-Siegeln aus. Auch hier existieren rechtliche Lücken. Nicht jedes grüne Schildchen garantiert umweltverträgliche Erzeugung – im Gegenteil. Nur zwei Siegel unterliegen der staatlichen Kontrolle: das weiß-grüne Sechseck mit der Bezeichnung „Bio“ und das Sternblatt der Europäischen Union. Vieles, das man in den Regalen sieht, ist nur hübsche Deko des Herstellers. Zwar gibt es eine ganze Palette „echter“ Bio-Siegel, diese aber auf die Schnelle von falschen zu unterscheiden, ist alles andere als einfach.

Falsche Fährten

Nur allzu leicht lässt man sich hier auf Irrwege locken. In den meisten Fällen ist der Preis auch kein Kriterium. Schließlich ist es ein einfacher Trick, irgendwo „Bio“, „natürlich“ oder ähnliches drauf zu schreiben und das als Vorwand zu nehmen, mehr für ein Produkt zu verlangen. Wobei „Bio“ zwar offiziell geschützt ist, aber die Kontrolle nicht immer garantiert ist. Nicht überall, wo „Bio“ im Namen steckt, ist auch Bio drin. Oft genug verbirgt sich Konventionelles in hübschen Verpackungen. Einhundertprozentig sicher zu sein, scheint fast unmöglich. Mindeststandards geben immerhin das deutsche und das europäische Bio-Siegel. Diese garantieren zumindest den ökologischen Anbau für 95 Prozent der Zutaten. Dass es besser geht, zeigen andere Siegel, die allerdings fast ausschließlich in Bio-Läden zu finden sind. Die gängigsten hierbei sind Demeter, Naturland und Bioland. Deren Standards sind höher angesetzt, ebenso die Produktpreise. Außerdem sucht man sie in den normalen Supermärkten ab und an vergeblich. In diesen ist nicht nur die Anzahl an echten Siegeln sondern auch die Auswahl „grüner“ Produkte stark eingeschränkt. Zwar wächst das Angebot, aber im Moment erhält man wesentlich weniger verschiedene Bio-Produkte als es konventionelle Sorten gibt. Eine Packung biologisch kontrollierter Haferkekse mit Cranberries und weißer Schokolade hilft einem schlecht weiter, wenn man eigentlich ganz einfache, klassische Schoko-Cookies haben möchte.

Dazu kommen noch etliche Siegel, die zwar ebenfalls bestimmte Standards garantieren, jedoch meistens nur den vom Gesetz vorgegebenen Mindestwerten für Lebensmittel entsprechen. Nicht anders sieht es bei Klamotten aus. Hier gibt es ebenfalls kaum geschützte, dafür sehr viele verschiedene Siegel. In dem Chaos wirklich kontrolliert nachhaltig erzeugte Produkte erkennen zu können, ist eine wahre Kunst. Im großen Wald aus Designer-, No-Name-, Marken- und sonstigen Klamotten sprießt nur sehr selten mal ein wirklich grünes Blatt. Nicht verwunderlich, dass es bei dieser extrem eingeschränkten Auswahl praktisch unmöglich ist, dann auch noch etwas zu finden, das einem gefällt. Zumal es manche Designer anscheinend für notwendig halten, dass Kleidung aus Bio-Baumwolle, nun ja, ihrem eigenen Stil folgen muss. Als Ergebnis hängen anstelle der gleichen Teile in anderer Qualität exotische Schnitte und Muster in der grünen Kollektion. Bei vielen wächst spätestens hier der Impuls, wieder zu konventioneller Kleidung zu greifen.
Dabei will man doch nur die Umwelt schonen.

Das kostet, wie schon angedeutet, vor allem Zeit und Nerven. Andernfalls sind Fehlkäufe so gut wie unausweichlich. Immerhin ist der Markt an Lebensmitteln, Kleidung und Gebrauchsgegenständen ein wahrer Dschungel, in dem man sich schnell verläuft. Natürlich kann man es sich leicht machen und seinen kompletten Einkauf im Bio-Laden tätigen. Sofern einer in der Nähe ist, der alles führt, was man braucht und eine annehmbare Auswahl hat. Leider muss auch – oder besonders – ein Student schauen, wie er mit seinem monatlichen Geld haushalten kann. Bei den derzeitigen Preisen für Lebensmittel und andere Verbrauchsgüter in höchster Bio-Qualität ein kniffliges Unterfangen. Das ist für einen Kilo Bio-Möhren schnell mal der doppelte Preis fällig. Da überlegt sich der Studierende von heute dann schon, ob es ihm das wert ist. Besonders, wenn auf dem Konto mal wieder gähnende Leere herrscht. Wie es aussieht, kann sich heutzutage nicht jeder ein grünes Gewissen einfach so leisten.

von Juliane Stöver

Foto: Lisa Klauke-Kerstan