Für Abenteuerlustige und Weltenbummler sind Flohmärkte eine wahre Goldgrube. Nützliche, schrullige,spaßige und schöne Stücke fremder Persönlichkeiten aus den Tiefen von Kellern oder Dachböden finden den Weg auf die provisorische Theke.

Oh, ein Kuriositätenkabinett! Wer will Kuckucksuhren, Mistgabeln, Gewehre, Schaufensterpuppen oder einen Degen? Das ist tatsächlich die elementare Frage, sobald man eine der drei Hallen des Greifswalder Hallenflohmarkts betritt. Er ist fest im Industriegebiet am Gorzberg verankert und öffnet an einem Wochenende im Monat seine Pforten, um aus Suchenden Findende zu zaubern. Theoretisch. Auf der Internetseite heißt es: „Die Flohmarkthalle ist komplett an Händler vermietet. Standflächen stehen daher für andere Händler derzeit nicht zur Verfügung.“ Und so sieht es dort auch aus. Bewegungsfreiheit oder Luft zum Atmen? Fehlanzeige. Die schmalen Gänge bilden den einzig freien Raum, ansonsten ist alles verstellt mit Kleinigkeiten wie Büchern, Geschirr, Buttons und Spielen oder Riesengeräten, wie dem zwei Meter hohen handmechanischen Verkorker. Der Flohmarkt ist ein kleines bisschen überladen und hat damit großes Potenzial zur Überforderung. Jeder, der schon mal bummeln war, kennt das: Nach kontinuierlicher Massenreizüberflutung folgt stumpfer Gedankenleerlauf. Der ist hier nach zehn Minuten garantiert. Allerdings hat ein so überdimensionales Sammelsurium auch seine Vorteile: Sucht man gezielt nach bestimmten Artefakten – seien es Haushaltsgegenstände, Schmuck, Möbel oder was das Herz sonst begehrt – besteht eine sehr große Chance, sie hier tatsächlich zu entdecken. Vor allem sonntags ein echter Geheimtipp!

Heimlicher Zwerg oder offizieller Riese?

Was wäre eine gute Studentenstadt aber ohne kleine, private und ganz versteckte Flohmärkte? Der „Flohmarkt im geheimen Garten“ ist so geheim, dass man ihn kaum finden kann. Sowohl virtuell im Internet als auch ganz real im versteckten Gärtchen. Das mag daran liegen, dass der Flohmarkt spontan, in privater Runde und eigentlich einmalig geplant wurde. Aber wenn Facebook sagt, dass die Veranstaltung 400 Zusagen hat, dann ist das nun mal so. Der Garten wäre wohl aus allen Sträuchern geplatzt, wenn es an diesem Sonntag im Mai nicht geregnet hätte und bitterkalt gewesen wäre. Der Flohmarkt startete mit zehn Ständen: Mate, Bier, Kaffee, Klamotten, Schuhe und fröhliche Menschen unter nassen Kapuzen. Nur zwei waren zum Schluss die wirklich Harten im Garten. Weil die Nachfrage und das Interesse aber so groß waren, wird im Sommer ein zweiter Anlauf mit Hoffnung auf besseres Wetter gestartet – diesmal nicht so spontan und wahrscheinlich auch nicht ganz so privat. Aber vor allem geheim!

Im Gegensatz zum gemütlich-kleinen Gartenflohmarkt steht der Flohmarkt-Riese Flohmaxx. Der Veranstalter bietet Flohmärkte in verschiedenen Orten Norddeutschlands an, unter anderem in Stralsund, dem Raum Schwerin und Rostock oder Bremen und Bremerhaven. In Greifswald kann jeder mit genügend Krimskrams im Keller jeden zweiten Sonntag im Monat auf dem Parkplatz vor dem Elisen-Park Wurzeln schlagen. Die Standgebühr wird ganz einfach von einem Flohmaxx-Mitarbeiter vor Ort einkassiert. So unpersönlich sieht der Flohmarkt dann auch aus: Menschen, die hinter dem Verkaufstisch Däumchen drehen, sitzend oder stehend, vor ihnen, nunja, Krimskrams eben. Videospiele, exorbitante Blecheimer und Omageschirr. Vereinzelt haben sich auch freundlich dreinblickende Verkäuferinnen zwischen das trostlose Grau gemischt. Mit buntem, selbstgemachtem Schmuck und ein paar schönen Taschen sind sie das Highlight. Vielleicht lag’s am Wetter. Aber nur vielleicht.

Stadtteil-Liebe

Der Fleischervorstadt-Flohmarkt dagegen ist die Loveparade der Greifswalder Flohmarkt-Szene: groß, bunt, und voller Herzlichkeit. Aber keine Sorge, Fluchtwege sind hier garantiert weiträumig genug. Einmal im Jahr verwandelt sich der Stadtteil in eine einzige Second-Hand-Shoppingmeile. 2009 umfasste diese gerade mal sieben Stände. Seitdem stiegen Teilnahme und Begeisterung der Bewohner und auch der Besucher stetig an. Zum siebten Mal fand der Flohmarkt dieses Jahr statt, mit sage und schreibe 150 Ständen. Eine beachtliche Summe, wenn man bedenkt, dass die Organisation seit der Schließung des Fleischervorstadt-Quartiersbüros im Sommer letzten Jahres auf ehrenamtliche Bürgerinnen und Bürger zurückfällt. „Wir profitieren davon, dass der Stadtteilflohmarkt so richtig gut läuft und ein Selbstläufer ist“, sagt Jockel, einer der Mitorganisatoren. Trotz hoher Kosten und viel Zeitaufwand – der Flohmarkt muss beim Ordnungsamt angemeldet werden, eine Versicherung ist abzuschließen, die Flyer mit den Standorten der einzelnen Verkaufsstände müssen entworfen und gedruckt werden – soll auch in Zukunft keine Standgebühr anfallen. Stattdessen wird auf Unternehmen als Sponsoren und private Spender gesetzt. Eine langfristige Lösung gibt es allerdings noch nicht. All das bekommt man als Flohmarktbesucher überhaupt nicht mit. Man sieht strahlende Menschen mit Sonnenbrillen vor, hinter, neben oder auf ihrem Verkaufsstand vor der eigenen Wohnungstür. Es gibt Musik, Gemälde, Cocktails, Clowns, Klamotten, Kinderspielzeug, Muffins, Waffeln und Thüringer Bratwürste. Vereinzelt stehen Gärten und Wohnungen für jedermann offen. Das Flair ist einzigartig und die Freude über den gemeinsamen Tag deutlich zu spüren. Dieser Flohmarkt ist mehr als nur ein Kuriositätenkabinett. „Wir haben alles!“, ruft mir eine Frau lachend zu, als ich mir ein paar filigrane und schön gemusterte Tassen an ihrem Stand ansehe. Na dann. Kann ich ja nach Hause gehen. Bis zum nächsten Jahr!

von Tine Burkert

Fotos: Tine Burkert