Anica Beyer ist 24 und macht gerade ihren Doktor in Mikrobiologie. Sie durfte die im Leben einmalige Chance nutzen und als eine von 650 Teilnehmern zum jährlichen Nobelpreisträgertreffen nach Lindau fahren.

Warum wurdest du als Teilnehmerin ausgewählt?
Das ist ganz schwierig, da haben wir bei dem Treffen alle drüber gerätselt. Ich wurde zuerst von Professor Michael Hecker hier bei uns in der Mikrobiologie angesprochen, ob ich Lust hätte, zu dem Treffen zu fahren. Dann hat er mich bei der Hamburger Akademie der Wissenschaft vorgeschlagen und die haben mich schlussendlich nominiert. In der Bewerbung habe ich dann relativ spezifisch geschrieben, warum ich zu dem Treffen möchte. Ich hatte mir vorgenommen, mit bestimmten Physikern und Chemikern ein paar Mikroskopietechniken zu besprechen. Ich könnte mir vorstellen, dass diese spezifische Vorstellung ein Vorteil war.

Hat das geklappt, konntest du die Techniken besprechen?
Ja, in der Tat. Ich habe die entsprechenden Wissenschaftler im Vorfeld schon angeschrieben und dann haben wir uns bei dem Treffen separat zusammengesetzt. Für mich war das Highlight sowieso, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Man lernt ganz viele unterschiedliche Leute kennen, die mit Herzblut dabei sind. Das macht echt Spaß, wenn man selber von seinem Thema begeistert ist.

War das also ein Nerd-Treffen?
Da musste ich ehrlich gesagt auch schon ein paar Mal drüber nachdenken, ob wir nicht alle Freaks sind. In gewissem Maße vielleicht ja, aber im positiven Sinne. Es war aber nicht so schlimm wie bei Big Bang Theory.

Wie viel Kontakt hatte man bei dem Treffen zu den Nobelpreisträgern?
Vormittags gab es Vorträge von den insgesamt 65 anwesenden Nobelpreisträgern aus ganz unterschiedlichen naturwissenschaftlichen Disziplinen. Mittags wurde zusammen mit allen in einem großen Zelt gegessen. Nachmittags waren Diskussionsrunden und Masterclasses, bei denen man in großer Runde mit einem oder mehreren Nobelpreisträgern direkt diskutieren konnte. Und abends gab es Programm mit Abendessen. Dabei ist die Sitzordnung so, dass an jedem Tisch ein Nobelpreisträger mit maximal zehn anderen Leuten sitzt. So kommt man definitiv mit einem Nobelpreisträger ins Gespräch.

Was hast du für dich persönlich und deine Doktorarbeit aus dem Treffen mitgenommen?
Es war spannend mitzubekommen, wo gerade der Fokus in der Wissenschaft liegt. Außerdem habe ich ein paar neue Methoden der Fluoreszenzmikroskopie und hochauflösenden Mikroskopie kennengelernt. Was mir persönlich auch einen Hype gegeben hat, war zu sehen, dass man sich wirklich begeistern darf für sein Thema und auch mal anders denken kann. Darauf haben viele Nobelpreisträger Wert gelegt. Immer nur mit dem Mainstream mitgehen – das  führt nachher zu nichts. Man soll etwas wagen.

Ist man hier offen gegenüber neuen Methoden?
Ich habe das große Glück, dass ich in meiner Arbeitsgruppe viele Freiheiten habe. Das war für mich auch ein ganz, ganz großer Punkt, warum ich in Greifswald geblieben bin. Man ist nicht nur der Arbeitsesel, der die Anweisungen vom Chef abarbeitet. Ich darf meine eigenen Ideen ausprobieren.

Wolltest du denn schon immer Wissenschaftlerin werden?
Ich fand es als Kind schon immer spannend rumzuexperimentieren. Jetzt würde meine Mutter bestimmt mit den Augen rollen. Ich habe zu Hause Hamster gehalten und ihre Lernfortschritte beobachtet, verschiedene Waschmittel zusammengekippt und Hefen bei unterschiedlichen Temperaturen beobachtet. Also so ein bisschen habe ich das Forschen wohl schon in mir.

Muss das Privatleben zurückstecken, wenn man sich dermaßen der Wissenschaft verschreibt?
Ich möchte Karriere und Familie unter einen Hut bekommen. Mir macht Wissenschaft Spaß. Für mich fühlt sich das nicht nach Arbeit an, sondern ich setze mich am Wochenende auch gerne mal hin und lese mir ein Paper durch. Es ist ein schmaler Grat, zu entscheiden, wann man mehr Zeit in die Familie oder eben in die Karriere investiert. Man kann aber beides hinbekommen.

War das auch ein Thema beim Zusammentreffen mit den Nobelpreisträgern?
Jein. Es waren nur zwei Frauen unter den ganzen Nobelpreisträgern. Eine der beiden hat das Thema konkret angesprochen und einen wirklich ermutigt, aber ansonsten ist die Wissenschaft natürlich noch eine Männerdomäne. (Anmerkung der Redaktion: Es gibt 18 Frauen unter insgesamt 650 Nobelpreisträgern)

Was ist für dich der Reiz an der wissenschaftlichen Karriere?
Ich interessiere mich spezifisch für die Mikrobiologie. Für mich ist ein Bakterium seit Jahren schon wie ein kleines Uhrwerk, in dem sich alles dreht und bewegt und man sieht, es funktioniert irgendwie, aber man weiß nicht warum. Und ich sitze vor diesem Uhrwerk, sehe es ticken und ich will es verstehen. Ich weiß nicht warum. Es ist ein innerer Drang, verstehen zu wollen, wie dieses Teil funktioniert und das ist das, was mich vorantreibt.

von Lisa Klauke-Kerstan

Foto: Lisa Klauke-Kerstan