Wer den gewohnten Weg zwischen Studentenbude und Uni verlässt, entdeckt mitunter, dass das Greifswalder Umland wunderschön ist. Mit der Feierabend-Tour kann man das einmal die Woche erleben. moritz. war dabei und hat die Fahrradtour getestet.

Für den Otto-Normal-Studenten ist sein Fahrrad beinahe ausschließlich Mittel zum Zweck. Man kommt schnell vom Wohnheim zur Bibliothek und zur Mensa, im Sommer schnell zum Strandbad und am Samstagabend um zehn vor acht nochmal ganz schnell zum Supermarkt, weil es Sonntag sonst nichts zu essen gibt. Schnelligkeit ist tatsächlich das Gebot der Stunde. Schließlich ist der Student ein notorischer Langschläfer und Zuspätkommer. Da bleibt gar nichts anderes übrig, als in halsbrecherischem Tempo über die Radwege zu brettern, nur um dann an der Europa-Kreuzung von der unsäglichen Ampel ungemütlich ausgebremst zu werden.

Dass man das Fahrrad auch rein zum Vergnügen und noch dazu in aller Ruhe nutzen kann, lehrt die Feierabend-Tour, die der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e. V., kurz ADFC, einmal pro Woche und acht Monate im Jahr veranstaltet. Der ADFC ist ein deutschlandweit agierender Verein, der sich die Förderung und den Schutz von Radfahrern im Straßenverkehr zur Aufgabe gemacht hat. Neben Informationen zu Radtouren und Fahrradwegen gibt es verschiedene Aktionen wie „Mit dem Rad zur Arbeit“. Vor allem bei rechtliche  Fragen ist der ADFC ein guter Ansprechpartner. Greifswald ist eine Fahrradstadt, da gehört der ADFC natürlich auch dazu. Er bietet Informationen zum Fahrradleben in Greifswald und wirbt für den Ausbau der „Fahrradinfrastruktur“. Außerdem werden verschiedene Veranstaltungen angeboten, wie die von uns getestete Radtour. Von März bis Oktober treffen sich begeisterte Fahrradfahrer immer donnerstags, um Greifswald und seine Umgebung näher kennenzulernen und neue und alte Radwege zu entdecken. Man sollte sich vom Namen jedoch nicht irritieren lassen, bei der Feierabend-Tour sind Studenten genauso willkommen wie Arbeitnehmer und Rentner. Bislang beschränkte sich die Gruppe der Teilnehmer allerdings hauptsächlich auf Vertreter der letzten beiden Spezies. Auf deren Gesichtern breitet sich daher ein breites freundliches Lächeln aus, als wir uns mit unseren Rädern an einem Abend im Juni am Treffpunkt, der Pappelallee an der Walther-Rathenau-Straße, einfinden.

Gemeinsame Tour-Planung

„Oh, es sind wieder Studenten dabei, wie schön. Herzlich Willkommen!“, werden wir begrüßt. Die freundlichen Worte schlagen jedes Vorurteil und alle Skepsis gegenüber dem Wort Feierabend-Tour und den grauen Wolken am Himmel in den Wind, der über die feuchten Straßen weht. Wir hatten schon heimlich überlegt, uns für diesen Test vielleicht doch einen anderen Tag mit schönerem Wetter auszusuchen. Vielleicht wäre ja nächste Woche strahlender Sonnenschein? Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. Und wie heißt es schließlich so schön: Nur die Harten kommen in den Garten. Oder in diesem Fall eben mit zur Feierabend-Tour. Ausgestattet mit ausführlichem Kartenmaterial wird gemeinsam die Route ausdiskutiert. Nicht, dass wir beide großartig Ahnung hätten, was uns jenseits der innerstädtischen Radwege erwartet – wir verlassen uns ganz einfach auf die ortskundigen und erfahrenen Mitglieder des ADFC. Um kurz nach sechs machen wir uns in einer Gruppe von zwölf Radfahrern auf den Weg Richtung Süden. Und schon tauchen wir ein in den Wald, der nach dem nachmittäglichen Regen wunderbar frisch duftet. Schönwalde, von dem mancher vielleicht denken mag „Was soll ich denn da?“, hat eben mehr zu bieten als hässlichen Plattenbau. Auch wenn die meisten Teilnehmer eher zur Generation unserer Eltern gehören, kommen wir auf der Tour trotzdem schnell mit den anderen Radfahrern ins Gespräch. Denn da man meist zu zweit nebeneinander fährt, hat man eine gute Gelegenheit sich zu unterhalten. Die Fragen nach unseren Studienfächern wirken dabei keinesfalls wie oberflächlicher Smalltalk, sondern lassen wirkliches Interesse erkennen.

„Wir würden uns freuen, wenn etwas häufiger Studenten mitfahren würden. Aber die meisten finden es wohl etwas befremdlich mit uns „Oldies“ durch die Gegend zu fahren“, erzählt Anne Imhorst, während wir Greifswald verlassen und uns irgendwo zwischen Helmshagen und ganz viel Landschaft befinden. „Wenn sich mehr Studenten finden würden, die Lust auf eine Fahrradtour haben, könnten wir uns gut vorstellen, langfristig extra Studenten-Touren anzubieten“, berichtet  Imhorst weiter. Diese Idee der ADFC-Mitglieder gefällt auch uns, obwohl wir das gemeinsame Fahren mit den Älteren auch sehr genießen. So sieht man mal andere Gesichter als ständig nur Kommilitonen oder den Nachbar in der Bibliothek. Vor allem aber haben die „Oldies“ auch viele wertvolle Tipps und Informationen über das Fahrrad und Fahrradfahren in und um Greifswald. Wolfram Mai, Vorsitzender des Greifswalder ADFC, bietet zum Beispiel wöchentlich im Jugendzentrum „Klex“ Hilfe bei der Fahrradreparatur an. Das müssen wir uns natürlich merken, denn wenn wir ehrlich sind, ist uns die Feinmechanik unserer Drahtesel nicht allzu vertraut ist. Solange es funktioniert, ist alles gut!

mm119_30_Greifswelt_FahrradHinterrad_ConstanzeVor den Toren der Stadt

Mittlerweile haben wir auch Helmshagen wieder verlassen und folgen mit unseren Rädern nun ein paar holprigen Feldwegen. Um uns herum stehen verschiedene Getreidesorten in voller Pracht – und wir rätseln, um welches Korn es sich wohl handelt. Roggen, Weizen, Gerste? Egal. Das, was auf dem schmalen Grünstreifen vor den Feldern steht, sind jedenfalls wunderschön blaue Kornblumen und kitschig roter Klatschmohn. Ein toller Farbakzent zu dem noch immer grauen Himmel. Mit unsicherem Blick wenden wir uns von unserem Getreiderätsel ab und versuchen, die Wolken abzuschätzen. Ob wir auf dieser Tour wohl trocken bleiben? Tatsächlich fallen wenige Fahrradminuten später ein paar Tropfen vom Himmel. Aber die reichen nicht, um nass zu werden, und so hält es auch keiner der Radfahrer für nötig, die eigens eingepackten Regenhosen aus den Satteltaschen zu befreien. Stattdessen bekommen wir den scheinbar obligatorischen Gegenwind zu spüren. Aber der hält sich heute zum Glück in Grenzen!

Wir durchqueren nun eine Siedlung mit hübschen Einfamilienhäusern und Doppelhaushälften. Ein Weg, den die „alten Hasen“ in der Vorwoche auch schon gefahren sind. „Ein bisschen mehr Abwechslung wäre natürlich schön. Aber an manchen Stellen ist das Angebot an Radwegen nun einmal nicht so groß“, erklären uns die ADFC-Mitglieder. Uns ist das in diesem Moment egal, schließlich sehen wir diese Siedlung zum ersten Mal. So nähern wir uns langsam aus südlicher Richtung dem Greifswalder Gewerbegebiet. Da es nun nicht mehr regnet, wird kurz überlegt, ob wir noch einen kleinen Schlenker fahren sollen. Vor kurzem wurden hier neue Radwege eingeweiht. Doch ein Mitfahrer ist etwas erschöpft und möchte gern wieder zurück. Grund genug für alle, den Rückweg anzutreten. Denn bei der Feierabend-Tour soll keiner allein fahren. „Wenn einer nicht mehr weiter kann, richten wir uns nach demjenigen“, erklärt man uns. Ein sehr solidarisches Verhalten. Und eine gute Gelegenheit, ein paar verrückte Gruppenbilder auf dem Radweg zu machen. Dieser Spaß lockert die Verschnaufpause noch ein wenig auf, und so treten wir alle gut gelaunt in die Pedale und fahren zurück Richtung Innenstadt. Als wir uns unserem Ausgangspunkt nähern, stellen wir belustigt fest, dass Greifswalds Straßen nass sind. Ganz im Gegensatz zu uns. Wir haben mit der Feierabend-Tour die Regenwolken gut umfahren und die heftigen Regengüsse verpasst. Aber nicht nur deshalb hat es sich gelohnt. Schließlich haben wir einen Teil von Greifswalds schöner Umgebung gesehen und buchstäblich erfahren. Wir waren mit Sicherheit nicht zum letzten Mal dabei.

Bis Ende Oktober sind es ja noch ein paar Wochen, sodass wir noch viele Gelegenheiten haben werden, auch den Rest vom Landkreis zu sehen. Es gibt noch viel zu entdecken! Bei dieser netten Fahrradtour kann man nämlich nicht nur neue Leute kennenlernen, einfach mal rauskommen und sich dabei bewegen, sondern vielleicht auch neue Lieblingsplätzchen finden. Wer kommt mit?

von Nina Ahlers und Constanze Budde

Fotos: Constanze Budde