Die Gustel, Mitglieder des Greifswalder Universitäts-Studentischer Autorenverein, treffen nun den moritz. Jetzt könnt ihr die Geschichten auch hier lesen. Dieses Mal: Handykämpfe beim Bäcker

Bei einem Bäcker in Bayern

Ich stand also an diesem grauen Herbsttag beim Bäcker und wollte mir Kaffee kaufen. Bäcker ist vielleicht das falsche Wort, bei Bäcker denke ich immer an die nette Backstube an der Ecke, dieser war mehr so ein hochmodernes, glaswandiges Kleinstadtcafé, so mit allem Schickimicki. Eins, was Brunch anbietet und außer Brot, Brezn und Brötchen und dem Kram eben auch noch Sojapuccino, Kaviarcroissants und Kugelfischsteaks verkauft. Ich konnte dem Mann hinter der Theke zwar direkt in die Augen sehen, war aber noch lange nicht mit meiner Bestellung dran, denn vor mir in der Reihe stand noch eine Herde kleiner Mädchen, die gegeneinander tuschelten und schwatzten und mit ihren Handys angaben, während sie eine nach der anderen Chicken Baguettes kauften. Die Größte reichte mir bis knapp unter die Brust. Diese Herde wuchs weiter an, denn von draußen kamen immer mehr Mädchen, die von denen in der Reihe vorgelassen wurden.

Da ich nun direkt hinter ihnen stand, fiele mir jetzt eigentlich die undankbare Aufgabe zu, sie darauf hinzuweisen, dass das ein höchst unfaires Verhalten ist, und dass sie es gefälligst lassen und sich hinten anstellen sollten. Ich bin dafür nur leider viel zu schüchtern, und überhaupt, ich würde doch keine kleinen Mädchen anschnauzen, nee, Gott bewahre! Also schwieg ich und wartete. Irgendwann mussten sie ja alle versorgt sein. Die Schlange vor und hinter mir wurde also immer länger. Wie ich so dastand und hoffte, dass die Kleine-Mädchen-Ansammlung die Grenzen meiner Mittagspause nicht zu sehr dehnen würde, konnte ich jedoch gut ihr Geschnatter verfolgen. Als die Mädchen gerade eine neue Gruppe vorließen, war Ina dabei. Ina hatte eine Flatrate. Damit zog sie den Neid der gesamten Herde auf sich und ersetzte so Jana, die das neueste Modell des iPhones besaß, aber mit einem normalen Kontrakt. Ich weiß das mit Ina, weil alle die ganze Zeit an ihr Handy wollten, um die Flatrate zu begutachten. Wie macht man sowas? Ich bezweifle, dass Ina sich ihre Schuhe selber binden kann, aber sie hat auch ein iPhone. Nicht das neueste Modell, wie Jana, sondern nur das zweitneuste, aber sie hat ihre Eltern schon überredet, am Wochenende das neue Design zu kaufen. Ich konnte keinen Unterschied zwischen Inas Telefon und Janas Modell entdecken; sie sahen beide aus wie jedes andere Tausend-Euro-Telefon der späten 00er und frühen 10er Jahre des 21. Jahrhunderts.

Zurück zu Ina: Inas neuer Handyvertrag regte in dem wuselnden Haufen vor mir eine neue Diskussion an. Jana packte demonstrativ ihr iPhone aus, gab die Pin ein – 5732 –, wischte auf irgendeinen Modus und zeigte ihren Schulhofgefährtinnen, was sie so schockierte: „Zwei Euro für zwei Minuten! Das ist doch schrecklich!“ Da musste ich ihr beipflichten: Sie hatte sicher hart für das Geld gearbeitet, das ihr die Telekommunikationsfirmen für ihr HD-Videotelefonat abverlangten. Auch Ina gab ihr Recht: „Tja, keine Flat zu haben ist halt sowas von uncool!“ Da sah ich Jana erblassen. Ihr war klar: Hier brauchte sie sich erstmal nicht mehr blicken zu lassen. Ziemlich grausam.

Warum musste Ina Jana so demütigen? Ich starrte sie an. Ob sie wohl Reue verspürt? Scham? Mitleid? Sie schaute gerade ein Boygroupvideo auf ihrem Mobiltelefon an. Ich wendete meinen Blick zurück zu Jana. Jana aber war verschwunden. Ist sie vielleicht in Ohnmacht gefallen und wurde von dem wogenden Haufen Mittelstüfler zertrampelt? Ich schaute zu Boden, aber dort war beruhigenderweise kein rosaroter Fleischpudding mit Hellokittyzusätzen, sondern gelbes PVC. Wahrscheinlich ist Jana heimgerannt, um zu weinen.

Vor mir geschah etwas: Während noch alle Mädchen gleichzeitig auf Ina einquasselten, wie unglaublich cool sie und ihre Flatrate seien, versuchten sich plötzlich die beiden Mädchen, die direkt neben Ina standen, sich ihres Handys zu ermächtigen. Diese hatte die beiden wohl zu lange ignoriert, wollten sie doch lieber Videos einer anderen Boygroup anschauen. Zwar entrissen Anna und Nina – so hießen die beiden– ihrer Freundin das Mobiltelefon, doch konnten sie es nicht lange halten, denn plötzlich hatte es Ani. Jetzt hielt es Ina wieder in der Hand, hoch über ihrem Kopf. Nur war Ina etwas kleiner, und Nani konnte sich bald Besitzerin des Geräts nennen. Anna hatte das Telefon wieder, dann Nina, dann Ina, Nani, Nina, Anna, Nani, Ina, dann Nina und schließlich Jana und Jana schmiß es auf den Boden, wo es natürlich sofort in tausend Teile zersplitterte, denn diese Dinger halten ja nix aus.

Das war es. Jana war zurückgekehrt, hatte gewonnen. Ina musste mit gesenktem Kopf abziehen, die Menge der Mädchen zerstreute sich. Ina verließ das Schlachtfeld, gebrochen. Sie hatte alles verloren, nicht nur ihr Telefon, nein, ihre Würde, ihren Rang, ihren sozialen Status. Sie war ausgestoßen! Bleich und alleine ging sie fort, von allen gemieden, glauben Sie mir, ich habe die ganze Szene von Anfang an mit meinem iPad aufgenommen.

„Übrigens hätte ich gerne einen großen Kaffee“, beende ich meine Bestellung, als sich die letzten Mädchengruppen auflösen und die Schlange sich von der Theke in den grauen Regen erstreckt.

von Hannes