Kooperationen mit Vietnam treffen auf eine zu kleine Bibliothek am Loeffler-Campus und das Landespersonalkonzept bereitet Kopfschmerzen. Da ist der gelernte Umgang mit Ärger hilfreich. Im Sommerinterview mit Rektorin Johanna Eleonore Weber.

  Zu Beginn Ihrer Amtszeit haben Sie sich in einem Interview mit dem moritz. auf die Vielfältigkeit Ihrer Aufgaben gefreut. Hätten Sie gedacht, dass es so turbulent wird?
Ich freue mich nach wie vor über die Vielfalt der Aufgaben. Die Universität Greifswald ist bunt und vielfältig und sie zu leiten macht nach wie vor Spaß. Die Vielfältigkeit der Aufgaben hat sich noch erhöht; nachdem ich die Funktion einer Vizepräsidentin der Deutschen Hochschulrektorenkonferenz übernommen habe. In diesem Amt wird mir immer auch die bundesweite und europäische Situation der Hochschulen und Universitäten vor Augen geführt.

Stichwort Philosophische Fakultät und Landespersonalkonzept – hilft Ihnen Ihre Forschung zum Thema Ärger damit besser umzugehen?
Ja. Zu wissen, wie man mit Ärger umgehen kann – zumindest in der Theorie – ist immer hilfreich. Ich bin häufig mit Ereignissen oder Vorgaben konfrontiert, auf die ich spontan mit Ärger reagiere, weil ich sie ungerecht oder unsinnig finde. In solchen Situationen ist es durchaus hilfreich, Regulationsstrategien zu kennen, die verhindern, dass man spontan und impulsiv reagiert, sondern nachdenkt, sich beruhigt und wieder sach- und lösungsorientiert vorgeht.

Die 2011 zwischen dem Bildungsministerium und der Universität geschlossene Zielvereinbarung läuft zum Ende dieses Jahres aus. Ein Ziel war es, die Qualität zu halten. Kann dieses Ziel bei den vielen Kürzungen überhaupt noch erreicht werden?
Ja, weil unsere Lehrenden sehr engagiert sind. Natürlich ist der Stellenabbau ein Aderlass für die Lehre, der aber bislang durch zusätzliches Engagement kompensiert wird. Und dieses hohe Engagement ist etwas, was ich nach wie vor hier in Greifswald toll finde.

Und wie lange kann das noch gut gehen?
Wir müssen jetzt mit dem Abbau leben. Wir erreichen 2017 den Endstand des Stellenabbaus und können nur hoffen, dass die Zahl dann konstant bleibt. Es gibt Zeichen dafür, dass dies zumindest bis 2020 der Fall ist. Mittelfristig werden sich die hohen Anforderungen für die Lehrenden also nicht verringern.

Die Internationalisierung unserer Universität liegt Ihnen am Herzen und ist auch Teil der Zielvereinbarung. Was genau ist in diesem Rahmen mit der traditionellen Zusammenarbeit mit Vietnam gemeint? Davon wussten wir gar nichts.
Die Zusammenarbeit geht noch auf DDR-Zeiten zurück. Damals wurde in Greifswald eine Vielzahl von Studierenden aus Vietnam an der Universität aufgenommen, die hier studiert und promoviert haben.

Auf der Senatssitzung im August wurde von den studentischen Senatoren der Antrag “Bunte Uni” gestellt. Hierbei ging es um die vielfältige Einbindung ausländischer Studierender und insbesondere die Übersetzung der Universitätshomepage in verschiedenste Sprachen und nicht nur ins Englische.
Bei der Internationalisierung müssen wir uns entscheiden, mit welcher Sprache wir uns auf einem internationalen „Markt“ bewegen wollen. Englisch ist Standard. Für Hochschulen, die ein großes Potenzial in einem bestimmten Partnerland haben, würde es natürlich Sinn machen, zumindest bestimmte Informationen auch in die entsprechende Sprache zu übersetzen. Letztlich ist dies eine Frage der Kosten. Alleine der Relaunch unserer Homepage und eine sehr gute Übersetzung ins Englische wird schon einiges kosten. Aber man könnte natürlich Basisinformationen in unterschiedlichen Sprachen anbieten. Das wäre eine Lösung.

Oder Vorlesungen?
Die Frage, in welcher Sprache gelehrt wird, ist eine völlig andere. Diese Frage müssen wir fachspezifisch beantworten. Zum Beispiel ist für die Natur- und Lebenswissenschaften Englisch mittlerweile die Standard-Wissenschaftssprache. Da ist es naheliegend, dass die Lehre in Teilen oder sogar vollständig auf Englisch stattfindet. Es gibt aber auch eine Reihe von Fächern, wo sich Englisch von den Fachinhalten her nicht unbedingt anbietet. Warum sollte beispielsweise jemand nach Deutschland kommen, um Germanistik auf Englisch zu studieren?

Ist denn das Personal auch bereit, mehr Lehre in englischer Sprache anzubieten?
Ich gehe davon aus. Wir sollten im Rahmen der Internationalisierung auch so konsequent sein und ganze Studiengänge in englischer Sprache konzipieren. Es macht ja keinen Sinn, nur jede dritte Veranstaltung in Englisch anzubieten.

Sind denn an unserer Universität schon konkrete Projekte geplant, um die Flüchtlinge über das Gasthörerprogramm hinaus mehr in den Universitätsalltag einzubinden?
Aktuell bittet das Land die Hochschulen aktiv zu werden und stellt dafür auch Mittel in Aussicht. Im Hinblick auf die Aufnahme und Betreuung von Flüchtlingen an den Hochschulen geschieht gerade sehr viel – in allen Bundesländern. Dazu gehört die schnelle Klärung von rechtlichen Fragen. Zum Beispiel die Anerkennung von Leistungen wie Hochschulzugangsberechtigungen oder Studienabschlüssen, für die die Flüchtlinge fluchtbedingt keine Dokumente vorweisen können. Wir sind wie viele andere Hochschulen gerade dabei, solche Fragen zu klären und zu planen, was wir tun können.

Immer wieder wird davon gesprochen, mehr Studierende nach Greifswald locken zu wollen. Sind Sie mit dem aktuellen Stand der Bewerbung zufrieden, haben sich die bisherigen Werbemaßnahmen gelohnt?
Momentan finden ja noch Einschreibungen statt. Die endgültigen Daten werden erst zum Beginn des Semesters feststehen.

Ein Artikel in der Ostsee-Zeitung lässt aber vermuten, dass sich weniger Studierende eingeschrieben haben, als erhofft.
Ich gehe davon aus, dass wir unsere Zahlen halten werden und dass unsere Maßnahmen Erfolg hatten. Wir haben aber schon immer eine Reihe von Studiengängen, in denen wir mehr Studierende aufnehmen könnten. Gerade für diese nicht voll ausgelasteten Fächer müssen wir immer wieder aufs Neue werben.

Unter den Studierenden gibt es gerade Bestrebungen, dem Lehramt besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Im Allgemeinen Studierendenausschuss gibt es beispielsweise ein autonomes Referat nur fürs Lehramt. Ist diese Stärkung notwendig?
Für mich ist das Lehramt an dieser Universität ein selbstverständlicher Teil unseres Studienprogramms. Lehramt ist für die Universität Greifswald sehr wichtig und wird in dieser Relevanz auch anerkannt. Vielleicht spiegelt die besondere Aufmerksamkeit noch Phantomschmerzen aus der Zeit, als um das Lehramt an dieser Universität gekämpft werden musste. Aber so wie das Lehramt heute etabliert ist, sehe ich die Notwendigkeit eines speziellen Referats nicht.

Die Angst liegt vor allem in dem möglichen Fächerabbau.
Die Fächerbreite des Lehramts steht nicht zur Diskussion.

Kommen wir zu einem anderen großen Thema: Das Bibliothekskonzept! Wissen Sie denn selbst noch, wo jedes Institut demnächst seine Bücher findet?
Ja, obwohl es sehr viel Hin und Her gab. Der schwierigste Moment in dem Prozess der anstehenden Umgestaltung war, als allen bewusst wurde, dass die neue Bibliothek am Campus Loefflerstraße kleiner sein wird als ursprünglich geplant. So standen wir vor dem Problem, dass wir nicht alle Fachrichtungen aus der Innenstadt an dem Standort unterbringen können. Gleichzeitig wurde auch klar, dass in der Zentralen Universitätsbibliothek, der ZUB, durch den Auszug viel freier Platz entsteht. Wir dürfen aber die frei werdenden Flächen nicht ungenutzt lassen. Also ergab sich dieses Dilemma der Umverteilung auf die beiden Standorte und es kam es zu diesem unschönen Spiel: Wer geht wohin? Das war alles mit sehr viel Unruhe, Irritationen und heftigen Emotionen verbunden, was ich gut nachvollziehen kann.

Auf der Senatssitzung im August haben sich die studentischen Senatoren noch einmal für die Bibliothek starkgemacht. Es ging vor allem um Ruheräume, mehr Arbeitsplätze und Präsenzbestände. Seitens einer Bibliotheksmitarbeiterin hieß es dann: Die Studenten sollen sich doch mal entscheiden, was sie wollen. Ist das der richtige Ansatz?
Wichtig ist jetzt die Schaffung der zusätzlichen Arbeitsplätze in der ZUB. Es wird in naher Zukunft ein Treffen der Bibliothekskommission zur Umgestaltung der ZUB geben, zu der auch die betroffenen Fachschaftsräte eingeladen werden.

Aber Themen wie ein Ruheraum sind nicht aus der Debatte raus, nur weil erstmal kein Platz ist?
Nein. Platz wird es geben und dann stellt sich die Frage, wie und wofür dieser genutzt wird.

Wir reden aber nur von der ZUB, am Campus Loefflerstraße können wir nichts mehr machen?
Die neue Bibliothek ist für weitere Gestaltungswünsche zu klein. Sie wird wunderschön – eine tolle Bibliothek mit entsprechenden Arbeitsplätzen, aber eben klein.
Die Zahlen für die Angemessenheit der Arbeitsplätze wurden schöngerechnet. Es wurden nur Studierende innerhalb der Regelstudienzeit berücksichtigt. Hat nicht jeder das Recht auf einen Lernplatz?
Das ist eine Frage der Ressourcenverteilung. Es geht darum wie viele Mittel in den Bibliotheksbereich investiert werden, da diese von Mitteln für andere Aufgaben abgehen. Es gibt daher Richtlinien für den Bau von Bibliotheken und die Einrichtung von Arbeitsplätzen, und dazu gehört, dass Studierende in der Regelstudienzeit der Maßstab sind. Wir würden nicht mehr Geld bekommen, wenn wir mehr Arbeitsplätze wollen. Mehr Geld für die Bibliothek hieße vielmehr, dass wir es von anderen Aufgaben abziehen müssten, und dann ständen wir vor der Frage: Welches Institut lassen wir schrumpfen, weil wir Geld für die Bibliothek brauchen?

„Das war ein Fehler“

Ein Kritikpunkt im Senat war, dass das Rektorat wenig kooperativ in der Planung und der Konzeptentwicklung für die Bibliothek war. Waren Sie mit dem Ablauf zufrieden?
Im Nachhinein muss ich ganz ehrlich sagen, dass es ein Fehler war, die Bibliothek nicht sehr viel früher im Senat zu thematisieren. Das ist leider so passiert, es war eine Fehleinschätzung der Vorlaufzeiten für die anstehenden Diskussionen. Wir hätten viel früher Konzepte einbringen müssen. Hinzu kam, dass bei der Arbeit an dem Bibliothekskonzept deutlich wurde, dass sich im Bibliothekswesen eine ganze Menge getan hat und dass wir gut daran tun, externe Expertise einzubeziehen. Da ging es zugegebenermaßen Holterdipolter zu. Das war ein Fehler.

In unserem neuen Slogan taucht der weite Blick auf. Was ist denn Ihr weiter Blick für die zweite Hälfte Ihrer Amtszeit?
Ich wünsche mir, dass wir mit einem attraktiven Studienangebot die Zahl an Studierenden halten und dass wir den begonnenen Prozess der Internationalisierung vorantreiben. Dazu gehört, dass wir unsere Präsenz im Netz national und international mit einer neuen Website verbessern. Den Relaunch unserer Website haben wir entsprechend in Angriff genommen. Im Hinblick auf die Forschung wünsche ich mir weiterhin den Erfolg, den wir in den letzten Jahren hatten. Und ich träume von einer Beteiligung an der neuen Exzellenzinitiative.

Vielen Dank für die ehrlichen Worte.

von Lisa Klauke-Kerstan & Philipp Schulz

Fotos: Lisa Klauke-Kerstan