Studenten sind faul und liegen den ganzen Tag in der Sonne? Von wegen. Unzählige engagieren sich in Arbeitsgruppen zu gesellschaftlich relevanten Problemen. Dass das viel Ausdauer verlangt, zeigt dieser AG-Marathon. Ein Laufprotokoll.

Mein Blick schwebt einige Zentimeter über dem Boden. Was habe ich mir dabei eigentlich nochmal gedacht? Selbstmord? Als der Startschuss fällt, jage ich los. Treppe runter, Treppe rauf. Auf dem Weg zur Arbeitsgemeinschaft (AG) Erstiwoche muss ich mich ganz schön bremsen: Nicht alle Kräfte am Anfang verpulvern. Station eins ist eine ganz wichtige AG für alle Fachschaftsräte (FSR), die jedes Jahr zweimal ihre Sitzungen im Vierwochentakt startet – im Juni für das Wintersemester, im Februar für das Sommersemester. „Die Vorbereitungen fürs Wintersemester sind natürlich aufwendiger, weil viel mehr Erstis an die Uni kommen als im Sommer. Deswegen beginnen wir eher mit den Vorbereitungen“, kommentiert Anna-Lou Beckmann, Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA). Als frisch gewählte Referentin für Veranstaltungen, Kultur und Sport hat Marieke Schürgut dabei den Hut auf: Die Programmorganisation, von der Notfall-Wohnraumbörse über Führungen und Vorträge bis hin zur feierlichen Immatrikulation, haben die zukünftigen Studenten dem AStA und ihren FSR zu verdanken. Außerdem werden fleißig Ersti-Tüten gepackt und Tutoren gebrieft, die den Neuankömmlingen in den nächsten Tagen und Wochen das Rennen und Ruhen in Greifswald erleichtern sollen. Ich nehme einen Schluck aus meiner mit isotonischer Zucker-Wasser-Kochsalz-Mischung gefüllten Kunststoffflasche und fege zur Tür hinaus.

Auf der nächsten Sitzung erwartet mich dann schon eine Stärkung, denn die AG Kultur trifft sich in überschaubarer Runde zum Grillen. Ich frage mich wie der Hase im Märchen, warum der Igel schon wieder vor mir da ist. Auch hier koordiniert größtenteils Anna-Lou. Mit von der Partie sind außerdem Vertreter aller fünf Studentenclubs. Mensa, Kiste, C9, Geologen- und Geographenkeller tauschen sich einmal im Monat in Zusammenarbeit mit studentischen Initiativen wie dem Studententheater (StuThe), der Polly Faber oder der Lokalen Erasmusinitiative (LEI) über bevorstehende Veranstaltungen aus. Momentan nimmt die Erstiwoche viel Raum ein, da am Ersti-Montag eine gemeinsame Aktion der fünf Clubs gestartet wird. Darüber hinaus werden die jährlich im Sommersemester stattfindenden Studententage mit der Clubs-U-Night als abschließendem Höhepunkt diskutiert. Diese Party, die auch im Oktober ein fester Bestandteil studentischer Kultur ist, wird von allen Clubs gemeinsam organisiert. Auch für die Renovierung der beiden Keller setzt sich die AG Kultur ein.

Richtung Toleranz und Nachhaltigkeit

Nächste Station: Gender Trouble. Die AG mit dem interessanten Namen schreit zu meiner Überraschung nicht nach Frauenquoten und geschlechtlicher Gleichberechtigung, sondern bietet einen Anlaufpunkt für Studierende verschiedenster sexueller Orientierungen. Eng verknüpft damit ist die Greifswalder Queer Szene. Yasmin Müller, Leiterin der AG, sieht die Hauptaufgabe der Gruppe im Bereich Aufklärung: „Wir organisieren Vorträge zu Themen wie Homosexualität in Schulen oder bei der Bundeswehr.“ Den Skandal um den schwulen NDR-Reporter Christian Deker, der vergangenes Jahr Deutschland erschütterte, nahm Gender Trouble beispielsweise zum Anlass, den Journalisten für einen Vortrag einzuladen. Auch die jährlich stattfindende 24-Stunden-Vorlesung soll Elemente der AG enthalten. Zum Thema Homophobie im Landtag referiert dann voraussichtlich Sylvia Bretschneider, Präsidentin des Landtags Mecklenburg-Vorpommern. Ermutigende Worte zum Schluss: „Unsere Treffen finden öffentlich jeden Montag statt. Neue Mitglieder sind immer willkommen“, betont Yasmin, während ich bereits wieder meine Laufschuhe schnüre.

Kurz vor dem Ziel beschleunige ich nochmal nachhaltig und statte der AG Ökologie einen Besuch ab. Das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen, heute findet erst die dritte Sitzung statt. Begeisterung und kreative Ideen schwirren im Raum umher. Die Nachhaltigkeitswoche im Oktober will geplant werden. Orientierungspunkte dabei sind zum Beispiel Tierethik und Ostseeschutz. Außerdem möchten sich auch die (Um-)Weltretter mit einer eigens organisierten Exkursion auf dem Segelschulschiff Greif an der Erstiwoche beteiligen. „Das soll natürlich möglichst keine Kosten für die Studierenden mit sich bringen“, erinnert Marvin Mel Medau, ehemaliger AStA-Co-Referent für Ökologie. Große Ziele also. Doch damit nicht genug – die AG plant außerdem, langfristig Ideen rund ums Thema Nachhaltigkeit umzusetzen. Dazu gehören zum Beispiel „Ein Baum für meine Uni“ oder das Vorhaben, im Unirechenzentrum die Suchmaschine Ecosia standardmäßig einzusetzen, die sich werbefinanziert und mit deren Gewinn wiederum Bäume gepflanzt werden. Dasselbe gilt für umweltfreundliches, graues Papier: „Wer unbedingt weißes benutzen möchte, soll das selbst einstellen, und nicht umgekehrt“, so Marvin.

Internationale Freundschaften auf Augenhöhe

Und schon heißt es Endspurt ins Grüne: Johanna Krone, AStA-Referentin für Internationales, erklärt mir bei einer Tasse Tee das Projekt Weltfreunde, hervorgegangen aus der AG Internationales. Der Schwerpunkt liegt auf der Zusammenarbeit mit dem örtlichen Flüchtlingsheim. „Studenten aller Fachrichtungen geben dort Gruppen- oder Einzelunterricht in Deutsch. Außerdem findet dreimal pro Woche eine Spielestunde statt.“ Auch die dezentral untergebrachten Flüchtlinge erreichen die Weltfreunde mit dem Jugendmigrationsdienst, der Hausaufgabenhilfe anbietet. Zusätzlich werden in der Grundschule Greif, einer Einrichtung mit Migrationsschwerpunkt, Nachmittagsbetreuungen sowie ab September 2015 planmäßig Lesepatenschaften organisiert. Zur Frage nach dem Hauptanliegen der Gruppe meint Johanna: „Wir wollen eine  Kennenlernplattform zum gegenseitigen Austausch für Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen schaffen – weg von der Helfer-Hilfsbedürftiger-Problematik.“ Engagierte Studenten sind auch mit wenig Freizeit gern gesehen. „Gerade der Einzelunterricht im Flüchtlingsheim kann auf jeden Fall noch ausgeweitet werden“, schließt Johanna. Ich taumele nun erleichtert und stolz wie Oskar ins Ziel. Nach dem Lauf ist vor dem Lauf, richtig?

Staffellauf2

Der Staffelstab wurde übergeben und nun sprinte ich los. Zunächst passiere ich die AG Bildungsstreik – eine der wohl interessantesten AGs hinsichtlich der aktuell schwierigen Lage an unserer Hochschule. Kürzungen und Stellenstreichungen sind nun Realität. Deshalb muss sich die AG wöchentlich treffen. Man organisiert sich vorwiegend über Facebook. In starker Kooperation mit den Vertretern der Hochschulgruppen, dem AStA und FSR werden Demos und ähnliche Veranstaltungen organisiert. Die größten Erfolge waren die Bildungsstreikdemos in Schwerin 2013 und Greifswald 2014. Sogar Frau Merkel durfte schon erfahren, dass sich das Grüppchen sehr engagiert, als sie letztes Jahr Greifswald besuchte. Dieses Jahr organisierte die AG eine Party mit Banner am Dom und Trash-Musik am Rubenowplatz. Wenn der alte Heinrich Rubenow wüsste, wie es um die Philosophische Fakultät bestellt ist! Und weiter geht’s!

Zur AG Wohnsitzprämie – Nur, was ist das? Die AG wurde 2013 ins Leben gerufen und befasst sich mit der Wohnsitzprämie für neu angemeldete Greifswalder. Sie trifft sich circa einmal im Monat. Im Boot sitzen Mitglieder der FSR, des AStA und des Studierendenparlaments (StuPa). Außerdem engagieren sich hier die Pressestelle der Uni und das Greifswalder Stadtmarketing. Unterstützt werden sie durch die Hochschulgruppen. Ziel ist es, möglichst viele Studierende zum Einwohnermeldeamt zu bewegen. Es sind fast immer dieselben Leute, die sich einbringen und kostbare Zeit opfern.

Endspurt neben vertrauten Gesichtern

Nun trifft man sich bei der AG Soziales wieder. Sie ist noch sehr jung und hatte im Juni ihr erstes Treffen. Beteiligt sind Leute, die sich für Studierende in finanzieller Not einsetzen wollen. Es soll ein Topf aus dem Haushalt der Studierendenschaft geschaffen werden, in den bei Notsituationen gegriffen werden kann, wenn das Konto eines Studierenden in extreme Schieflage geraten ist. Aus der AG heraus soll ein Sozialausschuss gebildet werden, in dem die AStA-Referentin für Soziales, der Referent für Finanzen sowie die Fachschaftskonferenz die Stützen bilden. Außerdem soll das StuPa mit zwei Leuten vertreten sein, von denen mindestens eine Person auch im Haushaltsausschuss sitzt. Der erste Schritt ist nun das Festlegen von Richtlinien für die Mittelvergabe in den kommenden Monaten. „Es besteht die Gefahr, dass die Vergabe von Spendengeldern von Studenten ausgenutzt wird, die sich in keiner Notlage befinden. Mittels fester Leitlinien muss das jedes Mal geprüft werden“, meint Sarah Poller, die Referentin für Soziales.
Die ersten zwei Streckenabschnitte hatten es ganz schön in sich. Aber noch bin ich ja nicht am Ziel. Da fällt mir plötzlich ein: „Oh, ich muss meinem Kommilitonen noch eine wichtige Info schicken. Mist, die Handynummer habe ich nicht! Einfach schnell auf die Mail-Seite der Uni gehen und nach dem Namen suchen. Die Adresse erscheint im Handumdrehen. Wie, was? Geht nicht mehr? Oh nein!“ Das ist eines der Werke der AG E-Learning, die sich hauptsächlich um den Datenschutz kümmert – oder eben Datenschutzlücken, wie in diesem Fall.

Schluss mit dem Online-Kram. Bei der nächsten Station, der AG Struktur, geht es um die Kommunikation. Die studentischen Institutionen möchte man hier an einen Tisch bekommen, vernetzen und aktivieren, um studentische Interessen zielgerichteter und besser durchsetzen zu können. Die Gruppe ist jung und sieht das sachliche Führen von Diskussionen schon als großen Erfolg an.

Jetzt müsste ich nur noch mit der AG Satzung im Satzungsdschungel mit den Paragraphenschlangen kämpfen, exotische Satzungsänderungen entdecken und gepardenartige Dringlichkeitsbeschlüsse beobachten, aber der Reiseleiter fehlt. Die AG Satzung tagt aktuell nämlich nicht. Sie schaltet sich immer nur bei Satzungsänderungen ein. Da muss man schließlich den Durchblick behalten und den habe ich nun nach diesem AG-Marathon. Jetzt bleibt nur noch: Ab durch die Ziellinie!

von Michael Bauer & Luise Fechner

Grafik: Lisa Sprenger