Blauer Samt

Rauchen ist ungesund, macht kaputte Zähne und schlechten Sex – das wussten schon Mama und die Packungen selbst! Es war an der Zeit, sich von diesem Laster zu befreien, nicht zuletzt um den studentisch leichten Geldbeutel zu schonen und mehr Raum für andere Laster zu schaffen. Man sollte wissen, dass ich gerade in Prüfungsphasen, Stresssituationen, entspannten Momenten, nach dem Essen, der Vorlesung, dem Aufstehen, beim ersten Kaffee morgens, beim zweiten Kaffee morgens und auch dem gelegentlichen Alkoholkonsum zur Zigarette neige. Ergo hatte ich eigentlich immer nur eine Hand frei – außer ich schlief, was glücklicherweise in wiederkehrender Regelmäßigkeit mindestens einmal pro Tag vorkommt. Nachdem ich also meine erste letzte Zigarette geraucht und die restlichen an einen Freund gespendet hatte, fühlte ich mich direkt gesünder und auch ein wenig wohlhabender. Um den bald eintretenden Erfolg zu dokumentieren, lud ich mir sofort eine Rauchfrei-App für läppische 1,79 Euro herunter. Neben einer Auflistung des gesparten Geldes zeigte diese auch in hübschen Grafiken diverses anderes an. Zum Beispiel meine langsam wiederkehrende Gesundheit, mit wie viel weniger CO2 ich die Umwelt belaste und Tipps, die den Ausstieg aus der Sucht erleichtern sollten.

Einer dieser Tipps waren Kaugummis. Na klar, davon hatte man ja schon mal gehört. Anstatt jedes Mal eine zu rauchen, einfach einen Kaugummi. Umgehend kaufte ich mir also solch eine Packung und anstelle einer Zigarette mit dem Mitbewohner machte ich die Packung auf, befreite das Minzgummi aus der Plastikhülle und zündete es an – Kaugummis anstelle von Zigaretten funktionieren nicht und schmecken eklig.
Im Folgenden beobachtete ich immer wieder, wie ich mehr und mehr zu einem nicht tragfähigen Teil der Gesellschaft wurde – einem brummeligen, schlecht gelaunten Arsch. Auch eine von einem Freund angepriesene E-Zigarette konnte keine Abhilfe schaffen. Sie sind komisch, blubbern und sehen aus wie meine Touchmarker. Keine vier Stunden nach dem ersten Zug an der elektrifizierten Scheußlichkeit entschied ich, dass es besser ist, grummelig zu sein, als Bekannten zu erklären, wieso mein Mund grün ist. Zu meinem Leidwesen wurde es im Weiteren nicht wirklich besser. Ich war nicht in der Lage einen Schritt vor die Tür zu setzen, überall und immer rauchende Menschen, rauchende Autos, Schornsteine. Ich bin bis heute Stein auf Bein davon überzeugt, dass sich der Dozent während der Stillarbeit im Seminar heimlich eine angesteckt hat. Zitternd und verstört schleppte ich mich nach Hause, nur, um im Fernsehen Menschen rauchen zu sehen.

Aber ich wollte stark sein. Der coole Facebook-Post, die neu gewonnene Freiheit der Lunge und die 1,79 Euro für die App sollten nicht umsonst gewesen sein!
Wie es der Zufall wollte, meldete sich die App per informativer Pop-up Nachricht just in diesem Moment: „Glückwunsch! Du bist jetzt seit zehn Stunden rauchfrei. Weiter so!“ Ich rauche jetzt wieder. Aber das ist ok. Ich habe einen neuen Nebenjob. Ich kann es mir jetzt leisten.

Bild_KolumneWarum eigene Worte finden, wenn es doch schon jemand wie Jean Baptiste Molière gesagt hat: „Der Grammatik müssen sich selbst Könige beugen, aber kein Internetnutzer mehr.“

von Philipp