Als Dorfkind bin ich mit Tieren aufgewachsen. Katzen hier, Kühe da. Ein Haustier habe ich trotzdem nie gehabt. Als Student möchte ich meinen Horizont doch erweitern und besuche einige Kommilitonen mit außergewöhnlichen Tieren.

Marc-Uwe Kling hat mal gesagt, wenn Pferde zu einem Bewusstsein der Welt kommen, kriegen sie erst mal das große Kotzen. Weil sie aber nicht kotzen können, sind die Menschen die Herrscher der Welt.
„Nein, prinzipiell können Pferde nicht kotzen. Das liegt an einem Ringmuskel am Magen“, lacht Maylin Jordt, Biologiestudentin. Auch Socke kann das nicht. Socke heißt eigentlich White Socks, ein ungewöhnlicher Name. Trotzdem passt er, denn von den Hufen des Pferdes steigt weißes Fell nach oben – wie ein Paar Tennissocken eben.
Socke steht in einem Stall nahe der Anklamer Straße mitten im Grünen. Die Sonne scheint und mir kommt es vor wie Urlaub. Maylin hat gerade die Prüfungen hinter sich gebracht. Hier im Stall spricht man über Pferde, Ausrüstung, Turniere – ein großer Ausgleich zum Studium.

Für mich eine völlig neue Welt. So erfahre ich von vierteljährlichen Wurmkuren und Beinschonern für Pferde. Eine Art Solarium sorgt dafür, dass das Pferdefell nach anstrengenden Ausritten wieder trocknet. Vor dem Gespräch habe ich im Internet einen Test für Mädchen zwischen acht und zwölf gemacht, um mich vorzubereiten. Angeblich bin ich 100 Prozent bereit für ein eigenes Pferd. Dabei kenne ich nicht einmal den Unterschied zwischen Pony und Fohlen.

„Wirklich bereit, die Verantwortung für ein Pferd zu übernehmen, habe ich mich nie gefühlt“, sagt Maylin. Dabei war sie vorher immer schon mit Pferden unterwegs und Partner in vielen Reitbeteiligungen. Ein Pferd ist kein gewöhnliches Tier in der Stadt oder für Studenten. Der Stall kostet mit Futter, Unterbringung und ein wenig Zuwendung für Socke 175 Euro im Monat. Ziemlich genau Maylins Kindergeld. Für alles Weitere muss das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) herhalten.

Maylin ist auch in der Prüfungszeit mindestens vier Tage in der Woche ein paar Stunden im Stall. Eigentlich habe sie nicht genug Geld und Zeit für ein Pferd. Doch ohne Socke? Für sie nicht vorstellbar. Wenn sie wegzieht, kommt Socke mit, genau, wie er sie schon von Schleswig-Holstein nach Greifswald begleitet hat. „Socke ist wie ein Kind für mich“, sagt sie. Eine Zeit lang hat er gelahmt, dann hat Maylin ihn gepflegt, gestreichelt, Spaziergänge unternommen, bis er wieder fit war.

Als sie Socke bekommen hat, war er sechs Jahre alt und ein wenig klapprig. Sie hat ihn aufgepäppelt, erzogen und zumindest auf mich wirkt er stolz. Mittlerweile kann sie nicht mehr ohne, und das glaube ich ihr, während ich zusehe, wie Socke auf Kommando grinst und seinen großen Kopf auf Maylins legt.

Wer streckt denn da die Zunge raus?

Quintus schielt zwischen den Blättern hindurch und bewegt seine Augen seltsam asynchron, während er versucht, uns einzuordnen.Quintus ist als Jemen-Chamäleon ein typischer Baumbewohner. Er braucht einen schön hohen Käfig, damit er es sich auf dem Feigengewächs ganz oben bequem machen kann.

Denn auf dem Boden leben normalerweise Quintus‘ Feinde. Zum Glück nicht bei Eva Stöbbe und Sebastian Schinkel. Eva studiert ebenfalls Biologie während Sebastian sich gerade mit seinem Abitur beschäftigt. Sie wollten etwas Aufregendes in ihrer Wohnung – etwas Unübliches, etwas Anderes. Zuhause in Stade hatte Basti einen Stirnlappenbasilisk – eine der schnellsten Echsen der Welt. Also warum nicht wieder ein Reptil? Nur eins zu finden in Vorpommern ist nicht so einfach. In Greifswald und Neubrandenburg haben Basti und Eva gesucht. Gefunden haben sie Quintus dann in einer spezialisierten Zoohandlung in Stade. Ähnlich schwierig ist die Suche nach Tierärzten. Der nächste Tierarzt für exotische Tiere sitzt 200 Kilometer entfernt, irgendwo in Brandenburg. Tatsächlich können Chamäleons allerhand Krankheiten bekommen, vorallem Infektionen sind bei ihnen gefürchtet.

Eva und Basti stellen fest: Für Neulinge sind diese Tiere nichts. Basti hat bei seinem Vater viel gelernt und mit diesem auch das Terrarium selbst gebaut. Die Temperatur muss konstant zwischen 25°C und 30°C gehalten werden. Außerdem erzeugt eine UV-Lampe die nötige Strahlung. Die beiden kennen mittlerweile die spezielle Körpersprache, die sich vor allem in der Farbe der Chamäleonhaut ausdrückt. Diese wechselt nicht zum Verschmelzen mit der Umwelt, sondern ist vielmehr stimmungsabhängig.

Als wir uns dem Käfig nähern mit einer Heuschrecke in der Hand, wechselt Quintus‘ Farbe. Erste gelbe Streifen ziehen seitlich an seinem Körper herunter. „Jetzt ist er aufgeregt – es gibt was zu essen!“, lasse ich mir erklären. Wenn Quintus sich unwohl fühlt, bekommt er schwarze Punkte, plustert sich auf und wird ganz grau. Diesmal zum Glück nicht – verärgert haben wir das sensible Tier schon mal nicht. Seine Zunge sticht hervor, das Insekt bleibt kleben und wird gemächlich in den Körper gezogen. Spannend.

Die Heuschrecken bekommen Basti und Eva im Tierladen um die Ecke. Nahrung ist ein heikles Thema. Viele Chamäleons sterben, weil sie überfüttert werden. „Ein bis zwei Heuschrecken am Tag, mehr braucht er nicht“, sagt Eva. Und zu trinken? Stehendes Wasser rühren die Tiere nicht an. Das Gewächs im Terrarium muss immer mal wieder befeuchtet werden, damit Quintus die Tropfen ablecken kann.
Ich verabschiede mich und bilde mir kurz ein, ein Farbspiel über Quintus laufen zu sehen. Eine Verabschiedung von mir? Oder nur das Licht der UV-Lampe?

Acht Beine und eine Menge Haare

Im Gegensatz zu Chamäleons sind Spinnen ein ganz anderes Kaliber. Von den meisten Menschen werden sie gefürchtet. Genau diese Angst, dieser Ekel fasziniert Thomas Koblenzer*, Student der Skandinavistik. Schon vor den kleinsten heimischen Krabbelarten hat man Angst. Warum nicht dagegen arbeiten? In der Zoohandlung ist seine Wahl dann spontan auf eine Mexikanische Rotknievogelspinne gefallen. Sie ist eine der weniger aggressiven Vogelspinnenarten und deswegen für Anfänger gut geeignet.

„Hier lauert schon die erste Hürde. Nicht jede Gattung ist in jedem Bundesland erlaubt. Da müssen sich Interessenten schon vorher kundig machen“, sagt Thomas. Vom Aufwand sei die Spinne mit einem Fisch vergleichbar. Wasser sprühen, um die Luft feucht zu halten, Wasser hinstellen, sich um die Pflanzen des Terrariums kümmern: Diese Art von Zuwendung können Vogelspinnen gebrauchen.
Nur das Füttern ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, denn auf dem Speiseplan steht nur Lebendfutter – meistens Insekten wie Heuschrecken und Grillen. Auch rohes Fleisch hat Thomas schon ausprobiert, was jedoch keine Dauerlösung für die Fütterung darstellt. Für mich eine seltsame Vorstellung, lebende Tiere in ein Terrarium mit ihrem ärgsten Feind zu stecken, ohne dass die Beutetiere Aussicht auf Flucht hätten.
„In den Semesterferien kann ich die Spinne einfach im Auto mitnehmen. Das ist kein Problem“, erklärt Thomas. Spinnen halten es aber auch ein paar Tage alleine aus. Angst haben vor der Spinne muss auch niemand. Thomas hat ein Terrarium mit einer Falltür, welche die Spinne nicht aufbekommt. „Da kann ich auch nicht vergessen, die Türe zu schließen“, zwinkert Thomas noch.

Harry Potter und das Tier mit drei „e“

„Als Kind wollte ich Falkner werden“, sagt Simon Piro, Biologiestudent. Tja, ich wollte immer Baggerfahrer oder Zugführer werden. Irgendwie sind meine Kindheitsträume nichts, woran ich festgehalten habe. Doch Simon hat‘s durchgezogen, zumindest als Hobby. Anfangs hat er in Falknereien mitgearbeitet, bis er einiges an Geld und Erfahrung gesammelt hatte. Mit 17 Jahren nutzt Simon dann seine Sommerferien und macht einen Jagdschein. Nach deutschem Recht muss jeder Halter eines Greifvogels einen solchen besitzen. „Das war ziemlich teuer und es gab eine Menge zu lernen. Davon macht man sich keine Vorstellung.“
Vor seiner Ausbildung zum Jäger war Simon kein Jagdfan, denn es schien ihm reine Schießwut und Tötungswille zu sein. Mittlerweile ist er überzeugt von der Jagd: „Einerseits ist kontrollierte Jagd sehr wichtig für unsere Ökosysteme. Andererseits ist es unvorstellbar gut, selbstgejagtes Fleisch zu essen, was nicht 500 Kilometer mit dem Lkw gereist ist und nicht artgerecht gehalten wurde.“

Doch seine Schneeeule Pearly darf Simon zur Jagd nicht einsetzen. Auch das ist gesetzlich geregelt. Stattdessen geht er mit ihr spazieren, lässt sie auf der Wiese fliegen. Bekommen hat er Pearly, als sie ein Jahr alt und schon an Menschen gewöhnt war. Zwischen Mensch und Vogel besteht ein enges Vertrauensverhältnis – „Symbiose“ nennt es Simon. Doch „wenn man einmal richtigen Scheiß macht, dann ist die Eule weg, und die kommt auch nicht mehr wieder.“

Einen Vogel an einen Menschen zu gewöhnen, dauert seine Zeit. Mittlerweile ist Pearly aber zumindest bei Simon sehr zutraulich. „Sie rutscht dann schon mal ein bisschen heran, wenn ich bei ihrem Ast stehe.“
Ein Vogel bleibt aber ein ziemlich autonomes Tier, nicht zu vergleichen mit einem Hund. Vom Menschen füttern lässt er sich dennoch gerne. Dafür kauft Simon meist gefrorenes Fleisch von Eintagsküken, die er dann verfüttert. Ihre Nahrung bekommt Pearly nach strengen Regeln: Immer mit toten Tieren, immer vom Handschuh aus. Manchmal kauft Simon auch Brieftauben oder Kaninchen auf dem Kleintiermarkt, tötet die Tiere nach den strengen Jagdregeln und verfüttert sie dann. Für mich ist das alles schwer vorstellbar – Tiere zu töten und zu verfüttern.

Als Simon aus dem tiefen Süden Deutschlands nach Greifswald gezogen ist, hat sich auch eine Platzfrage gestellt .Wohin? Eine Voliere wie in seiner Heimat kann er sich als Student nicht einfach in den Garten stellen. So muss Pearly im Moment bei einer Falknerin in der Nähe von Marlow leben. Doch Simon besucht sie regelmäßig und verbringt auch im Unistress gerne Zeit mit seiner Eule. Seinen Kindheitstraum hat er sich damit erfüllt.

Eines haben aber alle diese Tiere gemeinsam: Sie sind nicht für die Weltherrschaft gemacht. Schließlich fehlt ihnen dafür der Daumen, wie das Känguru einst feststellte.

von Jonas Greiten

Fotos: Privat, Luise Fechner (Pferd)