Wer an der Stralsunder Straße 10/11 vorbeikommt, wird unweigerlich von dem Verfall Notiz nehmen, der das Haus heimgesucht hat. Wird dieser Anblick ein Dauerzustand bleiben oder gibt es konkrete Pläne? Auf einer Entdeckungstour mit Antworten.

Die Straze – ein Gebäude, das in der Vergangenheit mehrfach polarisierte. Die Meinungen zum Thema Erhalt und Sanierung gingen und gehen dabei noch immer weit auseinander. Seit Januar 2014 hat das bereits in den 1840er Jahren erbaute Gesellschaftshaus in der Stralsunder Straße 10/11, welches damals unter dem weniger geläufigen und doch typischen Namen „Zum Greif“ errichtet wurde, neue Eigentümer. Wie geht es also voran mit der Sanierung des Gebäudes?

Nun, auf den ersten Blick hat sich nicht viel getan, könnte man meinen. Die Realität sieht jedoch anders aus. Denn seit dem Erwerb des Gebäudes durch den Kultur- und Initiativenhaus e. V., einer Gruppe, die schon lange auf der Suche nach einem Gebäude für sich und befreundete Projekte wie beispielsweise verquer. war, wird mindestens jeden Freitag abgerissen, gewerkelt und Putz abgeschlagen. Erst kürzlich fand die Sommerbaustelle statt, zu deren Anlass zwei Wochen am Stück Hochbetrieb auf dem Anwesen herrschte, berichtet Nadja. Sie zählt zu den Personen, die sich stark für den Erhalt und die Sanierung der Straze engagieren. Dabei gibt es noch immer allerhand zu tun. Denn auch wenn der Grundriss nicht großartig verändert werden soll, werden beziehungsweise wurden bisher die Teile des Gebäudes abgerissen, die erst im Verlauf der früheren Nutzungen angebaut wurden und so von den Bestimmungen des Denkmalschutzgesetzes entbunden sind. So wurde zum Beispiel bereits ein Anbau mit einer Kegelbahn entfernt. Der dadurch freigewordene Platz soll aber keineswegs ungenutzt bleiben, sondern Raum für ein Wohngebäude bieten, das hier entstehen und in der Zukunft der Gemeinschaft als Unterkunft dienen soll. In zwei Jahren, so Nadja, wird es vielleicht möglich sein, zumindest schon mal auf der Baustelle wohnen zu können.

Ein wahrlich aufwendiges Projekt

Zwei Jahre? Baustelle? Richtig, mit dem Abriss der Anbauten und der Errichtung des Wohnhauses ist dem Vorhaben nämlich bei weitem noch nicht Genüge getan. Denn auch wenn sich das in der Straze verbaute Holz mitsamt den Balken alles in allem in einem überraschend guten Zustand befindet, gibt es Stellen, an denen sich erhebliche Schwamm- und Schimmelbefälle gebildet haben. Dies betrifft zum Teil auch das Fachwerk des Hauses. Da dieses mitunter verputzt wurde, konnte das Holz nicht atmen, ein Feuchteaustausch wurde verhindert und das Fachwerkholz begann zu modern. Darüber hinaus muss über eine Verstärkung des Fundaments nachgedacht und das Dach erneuert sowie Glaswolle und Asbest ökologisch gegen Lehmputz getauscht werden. Außerdem gibt es zahlreiche weitere Arbeiten, die unternommen werden müssen. Kurzum: eine Vollsanierung. Wann diese völlig abgeschlossen sein wird, ist indes ungewiss. Das größte Hindernis stellt dabei natürlich die Finanzierung des Projektes dar. Der Kaufpreis des Gebäudes mitsamt Grundstück belief sich auf knapp 400 000 Euro, für die Sanierung hingegen wird mit einem Kostenbetrag in Höhe von mehr als 3 Millionen Euro ausgegangen. Das Bauvorhaben wird also voraussichtlich fast 3,5 Millionen Euro verschlingen. Um diese Summe zu tilgen, sind 1,5 Millionen Euro aus Eigenmitteln eingeplant, die vor allem für die private Nutzung verwendet werden sollen, der Rest soll durch Fremdmittel finanziert werden, die den öffentlichen Nutzungen zugutekommen. Bisher konnte jedoch überwiegend nur aus privaten Mitteln geschöpft werden, die Suche nach Fördermitteln im öffentlichen Bereich dauert an. Darüber hinaus ist das Projekt Straze auf Spenden angewiesen und für jeden Betrag dankbar. Denn ein Modell zur Finanzierung des Vorhabens sieht eine sogenannte Leih- und Schenkgemeinschaft vor. Hier vergibt die Bank einen Kredit, der durch eine Gemeinschaft von Spendern finanziert wird. Jedoch nicht nur nach finanzieller Unterstützung wird gesucht, sondern ebenfalls nach tatkräftiger. Die Kerngruppe, die bereits seit 2004 auf der Suche nach einem Raum für ein gemeinsames Leben und Arbeiten war, besteht aus ungefähr 20 Erwachsenen mit in etwa 10 Kindern. Hinzu kommen befreundete Unterstützer und freiwillige Helfer. Jede helfende Hand ist gern gesehen, denn mit 20 Leuten allein sei das Projekt nicht zu stemmen, berichtet Nadja.

Einen weiteren Faktor, der sich auf die Arbeit in und um die Straze auswirkt, stellt der Denkmalschutz dar. In dem Gebäude befinden sich beispielsweise Farbbefunde, die geschützt sind und daher nicht entfernt werden dürfen. Der Putz muss an diesen Stellen also erhalten bleiben, darf nicht abgetragen werden. So kann im Zuge der Sanierung höchstens überputzt werden. Die einzige weitere Lösung fände sich in der Restauration der Befunde, diese würde jedoch einen zusätzlichen Kosten- und Zeitaufwand bedeuten. Leider wurde im Verlauf der Nutzung des Gebäudes, welches bis 2006 noch bewohnt war, den Denkmalschutzbestimmungen zum Trotz bereits viel Historisches wie beispielsweise Türen und Treppengeländer einfach entfernt.

Warum gerade die Straze?

Die Straze verfügt über einen bauhistorischen Wert. Als Gesellschafts- und Konzerthaus ist es das letzte Gebäude seiner Art in Mecklenburg-Vorpommern und war seit seiner Errichtung in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein bedeutender kultureller Anlaufpunkt der Stadt Greifswald. Dabei wurde es auf verschiedene Weisen genutzt. Es gab Nutzungen, die von Musik-, Tanz- und Theatervorstellungen über universitäre Verwendungen in Form von Kongressen und der Einrichtung von Laboren bis hin zu einer Turnhalle und Wohnungen reichten. Darüber hinaus zeigt sich ein kunsthistorischer Wert des Gebäudes in seinen Farbbefunden, Malereien oder dem spätklassizistischen Emporensaal, der in der Region einzigartig ist. Da das Gesellschaftshaus noch bis 2007 von Vereinen und studentischen Organisationen genutzt wurde, möchte man hier anknüpfen und die Bedeutung der Straze als Zentrum von Kultur und sozialem Engagement wiedererlangen. Dazu sollen verschiedene Nutzungen Einzug in das Gebäude halten. So ist beispielsweise beabsichtigt, dass hier zukünftig Veranstaltungen im Rahmen des Nordischen Klangs oder des Greifswalder International Students Festival , kurz GrIStuF, stattfinden können. Weitere Projekte sehen ein Engagement im Bereich Soziales und Bildung vor. Auch über Übernachtungsmöglichkeiten und Gastronomie wird nachgedacht, die zusammen mit geplanten Veranstaltungen der Refinanzierung dienen sollen. Derartige Veranstaltungen könnten dabei zum Beispiel Theatervorstellungen und ähnliches sein, für die der Saal des Gebäudes genutzt werden könnte. Damit ist jedoch nur ein geringer Teil des gesamten Vorhabens abgedeckt. Auch werden die Eröffnung eines Ladens und die Bereitstellung von Proberäumen für Musiker und Bands in Erwägung gezogen. Dabei sollen alle Einrichtungen in den Händen der Baugruppe und befreundeter Projekte und Vereine bleiben. Pächtern möchte man die Zügel nicht in die Hand geben.

Der Gedanke, die Straze in die Position eines kulturellen Zentrums der Stadt zurückzubewegen, scheint durch die Vielzahl inbegriffener Projekte also gar nicht mal so abwegig zu sein. Vor allem mit Blick auf die zu deckenden Kosten mag es eventuell noch ein steiniger und weiter Weg bis zur Vollendung des Vorhabens sein. Aber die Initiative scheint von einer gemeinsamen Vision getrieben, die uns am Ende vielleicht neuen Raum für Projekte und Veranstaltungen beschert, für die es sonst in Greifswald kaum noch Platz gibt. Oder, um es mit Nadjas Worten zu sagen: „Es ist auch eine Art Lebensstil“.

 

von Michael Bauer

Fotos: Isabel Kockro