Die Greifswalder Museumswerft ist unter Studierenden vor allem wegen Kulturveranstaltungen à la „Kino auf Segeln“ bekannt. Aber was ist das eigentlich für ein Projekt, das dahinter steht und wie sieht der Werftbetrieb aus? Beim Schiffebauen.

Warum steht ein blondes Mädchen am Ryck und wirft Steine ins Wasser? Weil sie darauf wartet, dass „Kino auf Segeln“ beginnt – natürlich. Das Schild „MuseumsWERFT“ hat damit nichts zu tun. Das ist nämlich eine der vielen Besonderheiten der Museumswerft, es werden dort nicht nur Schiffe repariert, sondern auch Kulturveranstaltungen, wie ein Sommerfest, oder eben das Kino angeboten. Deshalb bezeichnen die Vereinsmitglieder des Greifswalder Museumswerft e. V. ihr Projekt auch als „Kulturwerft“. Ähnliche Projekte gibt es in Helsingør in Dänemark und in Hamburg. Dabei wird jeweils die handwerkliche Nutzung einer Werft mit kulturellen Veranstaltungen kombiniert. Die Kultur dient dabei in erster Linie der Unterhaltung, auch unabhängig vom Handwerksbetrieb. Auf diese Weise kann man die Werft für Menschen interessant machen, die sich sonst vielleicht nicht unbedingt mit diesem Thema auseinandersetzen würden. Auch für mich war deshalb das Kino der erste Berührungspunkt mit der Werft. Zunächst war mir gar nicht klar, was genau das eigentlich ist und was hinter diesem Projekt steht. Das kam erst nach ein paar Besuchen. Der Name des Projekts an sich ist schon ziemlich selbsterklärend. Dennoch wird dadurch nicht annähernd deutlich, was das für ein Gefühl ist, einen Film auf einem im Wind hin und her wehendem Segel zu sehen. Das ist schon ganz schön schräg, vor allem weil man zwischen lauter Tauen sitzt und Holzgeruch in der Nase hat. Die meisten Filme, die ich hier in der Werft gesehen habe, drehten sich um Naturthemen. Die werden dann ganz schnell zu 4D-Filmen, wenn man das Wasser und die frische Luft nicht nur mit den Augen sehen kann, sondern auch riecht und auf der Haut fühlt.

Einmal Schiffsbauer sein

Weil ich Schiffsbau schon eine ganze Weile spannend finde und durch das Kino angelockt wurde, wollte ich selbst mal ein bisschen Hand anlegen. Gesagt, getan. Der Bootsbaumeister Karsten Burwitz ist mit seinem Betrieb, dem Old Ship Service, ein Mieter der Museumswerft, der aber sonst unabhängig vom Verein arbeitet. Er darf nur die Infrastruktur der Werft, wie etwa die Stellplätze für die Schiffe nutzen. Bei meiner Ankunft arbeitet er gerade an einem Schiff. Deshalb verweist er mich zunächst an seinen Mitarbeiter und Azubi Sören. Dem darf ich helfen, an einem neuen Klüverbaum, das ist der lange runde Holzbalken an der Spitze eines Segelschiffs, zu arbeiten. Der Klüverbaum gehörte zu dem Lotsenschoner „Skythia“, der in der Museumswerft repariert wird. „Die Skythia ist ein Nachbau des berühmten Lotsenschoners „America“, der 1851 die von den Briten durchgeführte Regatta One Hundred Sovereign‘s Cup gewann und damit dieser Regatta ihren Namen gab. Die Regatta wurde seitdem Americas Cup genannt und gilt als die bekannteste und älteste der Welt“, erklärt mir Herr Burwitz später. Eigentlich ist der Bootsmann der Skythia, Holger, im Verein dafür bekannt, die Reparaturen seines Schiffes selbst in die Hand zu nehmen. Die Werft ist nämlich eine sogenannte Selbsthilfewerft mit professioneller Dienstleistungshilfe. Das bedeutet, dass jeder Schiffseigner, der sein Schiff reparieren möchte, selbst Hand anlegen darf. Die Werft stellt die Infrastruktur und das Werkzeug bereit. Das Material bringt jeder selbst mit. Man kann natürlich auch, wenn man selber nicht die nötigen Kenntnisse besitzt, einen Bootsbauer mit den Arbeiten beauftragen. „Die Kosten für eine Schiffsreparatur sind sehr verschieden und hängen von vielen Faktoren ab. Je höher die Eigenbeteiligung, desto geringer sind die Kosten“, überschlägt Herr Burwitz die Rechnung. In der Werft werden aber nicht nur historische Segelschiffe repariert. Jeder Schiffseigner kann dort anfragen, jedoch werden historische Schiffe bevorzugt.
Diesmal sollen auch für Holger die professionellen Schiffsbauer des Vereins ans Werk. Zum Beispiel wird das Deck von ihnen neu verlegt und eben die Arbeit am Klüverbaum verrichtet. Mein Job besteht zunächst darin aufzuräumen, nicht besonders spannend.

Dann heißt es Leimreste von Schraubzwingen abklopfen, Sören reicht mir den Hammer. Die Klemmen wurden vorher genutzt, um mehrere lange Balken beim Leimen zu fixieren. Soll ja alles schließlich gut trocknen. Wir bringen die Schraubzwingen, nachdem sie ihren Zweck erfüllt haben, also in einem kleinen Handwägelchen zurück in die Werkstatt, wo ich sie dann bearbeite. Danach können sie fein säuberlich an ihren ursprünglichen Platz zurückgehängt werden. Das Wägelchen schieben wir zurück in die Halle mit dem Klüverbaum, denn dort liegen noch ein paar ziemlich lange Kanthölzer herum. Die laden wir irgendwie auf den Wagen und manövrieren uns durch mehrere Türen wieder in die Werkstatt.

Ein Stück Stadtgeschichte

Die Hauptbetriebszeit der Werft ist von Februar bis Ende Mai. Da gibt es richtig viel zu tun. Im August dagegen ist fast gar nichts los. Genau wie im Winter. Die Vereinsmitglieder nutzen die Zeit dann, um zu verreisen. Manche sind auch selbst Bootseigner. Von den circa 50 Mitgliedern bringen sich 15 bis 20 aktiv in die Vereinsarbeit ein. Es gibt auch Fördermitglieder, die einen jährlichen Beitrag von 50 Euro bezahlen. Die richtigen Mitglieder zahlen 75 Euro. Von den Beiträgen und den Einnahmen aus den Reparaturaufträgen der Schiffseigner wird die Werft unterhalten. Die Museumswerft ist ein gemeinnütziger Verein, deshalb sollen keine Gewinne erwirtschaftet werden. Ein wichtiges Ziel des Vereins ist neben dem Angebot von kulturellen Veranstaltungen der Erhalt und die Restaurierung der alten Buchholz‘schen Werft durch Nutzung. Die Werft gibt es nämlich schon seit dem 19. Jahrhundert. Sie war zwischen 1911 und 1952 im Besitz der Familie Buchholz und nach der Zwangsenteignung ein Volkseigener Betrieb, der 1971 ein Teilstandort der Volkswerft Stralsund wurde. 1990 wurde die Werft nicht mehr genutzt und der neugegründete Verein machte sich daran, dieses Stück Greifswalder Stadtgeschichte zu restaurieren. Am 11. September wurde beispielsweise der alte Heineschuppen, der seit 2010 vom Verein saniert wird, eröffnet. Der Schuppen soll vor allem für kulturelle Veranstaltungen genutzt werden. Deshalb gab es nach der Eröffnung ein zweitägiges Sommerfest auf dem Werftgelände, um die Sanierung zu feiern.

Mit Spaß an der Sache

„Schau mal, so kannst du viel mehr Sägemehl mit einem Mal kehren mitnehmen“, meint Sören und zieht mit dem Besen einen großen Haufen Sägemehl in seine Richtung. Als Student der Geisteswissenschaften erfülle ich für ihn wohl so ziemlich perfekt das Klischee des weltfremden Theoretikers, der mit zwei linken Händen keine Ahnung von praktischer Arbeit hat. Nicht mal kehren kann ich richtig. Trotzdem macht es mir Spaß die Halle mit dem Besen zu bearbeiten und Sören finde ich sympathisch. Es ist vielleicht nicht die spannendste Beschäftigung, aber so kann ich mich auch ohne viel Ahnung vom Schiffsbau irgendwie nützlich machen.

Sören arbeitet schon eine ganze Weile mit Herrn Burwitz zusammen auf der Werft und macht erst seit kurzem seine Ausbildung zum Schiffsbauer, zum traditionellen Holzschiffsbauer, um genau zu sein. Das ist etwas Spezielles, das sich ziemlich von dem industriellen Schiffsbau der großen als Unternehmen tätigen Werften unterscheidet. „Man muss das schon wollen. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind damit natürlich geringer“, meint Burwitz. Spaß an der Sache ist neben handwerklichem Geschick und einem mathematischen und physikalischem Verständnis die wichtigste Fähigkeit, die man braucht, um ein guter Schiffsbauer zu werden. Wenigstens ersteres kann ich vorweisen. Mit Mathe und Physik hab ich es aber nicht so. Meine Begeisterung muss das dann wohl wieder wettmachen. Deshalb auf zur nächsten Aufgabe!
Mit einem Schleifgerät, Schmirgelpapier und Klebeband ausgerüstet, darf ich mich daran machen, frisch eingesetzte Kanten auf dem Deck der Skythia abzuschleifen und in eine runde Form zu bringen. Sören erklärt mir, wie es geht: „Zuerst muss das Deck abgeklebt werden, damit es nicht durch das Schleifgerät zerkratzt wird. Dann kannst du möglichst gleichmäßig mit dem Schleifer über die Kanten fahren. Achte darauf, dass du überall denselben Druck ausübst.“ Ich versuche seinen Anweisungen, so gut es geht, zu folgen. Aber das ist gar nicht so einfach, wenn man das zum ersten Mal macht. Ich drücke immer ein bisschen ungleichmäßig auf die Maschine und muss häufig nachpolieren. Ständig hab ich Angst, dass ich die Kontrolle über die Maschine verliere und das halbe Deck zerstöre. Das passiert aber zum Glück nicht und mit der Zeit werde ich besser.

Nach etwa einer halben Stunde bin ich mit der Poliermaschine fertig. Ich habe mich völlig in die Arbeit vertieft und es ist nicht einfach sie so plötzlich abzubrechen. Aber mein Abenteuer auf der Werft ist schon zu Ende. Schließlich bin ich kein Schiffsbauer, auch wenn ich mich einen Morgen lang so gefühlt habe.

Nach etwa einer halben Stunde bin ich mit der Poliermaschine fertig. Ich habe mich völlig in die Arbeit vertieft und es ist nicht einfach sie so plötzlich abzubrechen. Aber mein Abenteuer auf der Werft ist schon zu Ende. Schließlich bin ich kein Schiffsbauer, auch wenn ich mich einen Morgen lang so gefühlt habe.

 

von Vincent Roth

Fotos: Till Junker