Im November präsentierte der jährlich stattfindende PolenmARkT wieder Kunst und Kultur aus unserem Nachbarland. Der Autor Piotr Pazinski war mit seinem Debütroman für eine Lesung zu Gast in Greifswald. moritz. sprach mit ihm über das Debüt.

mm120_40_Kultur_Pazinski_PrivatHerr Pazinski, wie kamen Sie auf die Idee für Ihren ersten Roman „Die Pension“?
Ich wollte immer schon schreiben. Ich habe bereits zwei Romane und einige Geschichten verfasst, jedoch nie veröffentlicht. Dann kam mir der Gedanke, etwas Größeres zu schreiben, eine Kombination aus Fiktion und meinen kindlichen Erlebnissen. Die Idee zur Umsetzung kam dann recht schnell. Ich erinnerte mich an eine Pension, in der ich als Kind meine Ferien verbrachte und wusste: Das ist es!

All diese alten Menschen. Meine Großmutter, Onkel und Tante, alles Juden in der Vorkriegszeit. Ihre merkwürdige Sprache, eine Mischung aus Polnisch und Jiddisch, wollte ich unbedingt festhalten. Ebenso diese Atmosphäre der Traurigkeit, die ich als Kind gespürt habe. Das Verfassen des Romans war also auch eine Art Gedächtnistraining. Woran erinnert man sich wirklich? Welche Bilder hinterlassen die tiefsten Spuren? Wie sind Erinnerungen aufgebaut?

Gibt es diese Pension wirklich?
Ja, sie liegt südöstlich von Warschau in einem Pinienwald. Das Gebäude wird von der jüdischen Gemeinde Warschaus als Sommerhaus genutzt. Bevor ich zu schreiben begann, ging ich 2006 noch einmal dorthin zurück. Das Haus war beinahe menschenleer, dunkel und ein bisschen gruselig. Der perfekte Zeitpunkt, um die Geister der Vergangenheit heraufzubeschwören und mit dem Schreiben zu beginnen. Ich verfasste noch vor Ort das erste Kapitel meines Buches. Den Rest schrieb ich innerhalb von zwei Jahren zu Hause.

Warum haben Sie dem Protagonisten keinen Namen gegeben?
Nun, es ist offensichtlich, dass ich das bin, und gleichzeitig eben auch nicht. Ein Roman spiegelt niemals wirklich das direkte Abbild des Autors wider. Zudem ist es keine Autobiografie. Deshalb habe ich dem Protagonisten keinen Namen gegeben. Er ist Gast für eine Nacht, ein Spiegel meiner selbst, ein Geschichtenerzähler und literarischer Held. In meinem nächsten Buch bekommt er einen Namen, Jacob. Klingt biblisch, und klingt auch gut im Kontext.

„Wir sind eigentlich nicht mehr vorhanden, aber irgendwie existieren wir trotzdem weiterhin.“ Können Sie uns diesen Gedanken Ihres Buches näher erklären?
Es gab viel Verfall in der thematisierten Welt. Alte Menschen, traurige Geschichten, Krankheiten. Keine Familien. Falls es Kinder gab, waren diese außer Landes. Es gab nur Vergangenheit, keine Zukunft. Keine für die Juden, keine für die Menschheit. Außerdem waren viele enttäuscht darüber, wie der Kommunismus, dessen Ideal einige Leute ihre besten Jahre gewidmet hatten, auseinanderfiel, durch Korruption verdorben und zu einer Schande wurde. Trotz all der Schwierigkeiten und Katastrophen studierten und lehrten sie, gingen ihren täglichen Arbeiten nach und unterstützten sich gegenseitig. Es gab Bitterkeit, aber genauso gab es ein starkes Gefühl für Freundschaft, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.

„Ein Roman spiegelt niemals wirklich das direkte Abbild des Autors wider.“

„Die Pension“ ist in einem melancholischen Schreibstil verfasst. Spielt dabei das Thema selbst oder Ihre Persönlichkeit die größere Rolle?
Beides, denke ich. Das war einer der Gründe, weshalb ich schreiben wollte: Meine eigene Quelle der Melancholie finden.
Ich glaube, und das ist nicht neu, dass die intensivste Formung unserer Persönlichkeit in jungen Jahren stattfindet. Ich wuchs zwischen lauter alten Menschen auf – das muss einen gewissen Einfluss auf mich genommen haben. Jedoch hat auch Joyce mich stark beeinflusst, vor allem seine schweigenden Monologe. Man findet viel fremde Literatur in meinem Roman, denn Schreiben ist immer eine Mischung aus eigenen Erfahrungen und den Büchern, die man gelesen hat.

von Luise Fechner & Luisa Scholz

Foto: Privat (Porträt),  polenmARkT (Titelbild)