Gegenüber der Alten Frauenklinik bildet sich dreimal in der Woche eine lange Schlange ungeduldiger Menschen. Sie warten nicht auf eine Vorlesung, sondern darauf, dass sie hier Unterstützung bekommen – von der Greifswalder Tafel.

Jedem Bedürftigen wird eine Nummer zugeordnet, Die Reihenfolge der Ausgabe regelt eine Liste an der Tür der Greifswalder Tafel.

Jedem Bedürftigen wird eine Nummer zugeordnet, Die Reihenfolge der Ausgabe regelt eine Liste an der Tür der Greifswalder Tafel.

„Null, sechsundfünfzig! … Vierhundertsechsundsiebzig! … Vierhundertzweiunddreißig!“ Der Mann im grauen Pullover klingt, als hätte er diese Zahlen schon  ist sichtausend Mal heruntergebetet. Und das hat er wahrscheinlich auch – denn jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag ruft er sie aus, zwar in wechselnder Reihenfolge, die Zahlen aber bleiben dieselben. Einzelne Personen lösen sich aus der Menschenmenge, die sich um den Mann herum gebildet hat, treten ein in die Greifswalder Tafel.

Die deutschlandweit agierenden Tafeln haben das Ziel, eine Brücke zwischen Überfluss und Mangel zu schaffen, indem sie überschüssige Lebensmittel aus der Industrie sammeln und diese an bedürftige Menschen verteilen. Zu diesen zählen Senioren mit einer geringen Rente, Menschen, die das Arbeitslosengeld I oder II  beziehungsweise Sozialhilfe erhalten und zurzeit verstärkt Flüchtlinge. Um Unterstützung von der Tafel zu erhalten, muss ein Nachweis erbracht werden, wie beispielsweise der Wohngeldbescheid. Generell verpflichtet sich die Tafel jedoch, jedem Menschen zu helfen, der Hilfe braucht. Für die mit Lebensmitteln gepackte Tüte muss ein Unkostenbeitrag von circa einem Euro geleistet werden. „Außer den Tüten können sich die Leute bei uns zweimal in der Woche ein warmes Mittagessen abholen. Das kostet dann 50 Cent“, erzählt Michaela Horn, Vorsitzende der Greifswalder Tafel. Aktuell gibt es circa 900 Tafelvereine in ganz Deutschland mit circa 3 000 Ausgabestellen, die mehrmals wöchentlich über 1,5 Millionen Menschen versorgen.

Die Nachfrage steigt ständig und das Angebot an Lebensmittelspenden wird immer knapper. Unter anderem sind daran verbesserte Kalkulationen und dadurch geringere überschüssige Waren der Supermärkte schuld. Finanziell unterstützt werden die Tafeln allein durch Geldspenden von Privatpersonen und Unternehmen, welche nur für Miete, Verwaltung und Transport ausgegeben werden. Die gemeinnützige Arbeit wird von einem Netzwerk aus über 60 000 Freiwilligen auf die Beine gestellt, die sich unter anderem um Ausgabe, Beratung und Öffentlichkeitsarbeit kümmern. An der Greifswalder Tafel sind zwischen 20 und 28 Freiwillige im Einsatz, wobei die Bandbreite vom Studenten über den Hartz IV-Empfänger bis hin zum Senioren reicht. Sie werden nicht nur an den Ausgabetagen benötigt, sondern sorgen täglich für die Sammlung, Aufbereitung und Sortierung der Spenden. Neben Lebensmitteln gehören zu einem geringen Anteil auch Kindersachen oder Spielzeug zum Bestand der Greifswalder Tafel – dies ist allerdings eine Ausnahme, da die Zuständigkeit für Textilien und Haushaltsgegenstände bei anderen  karitativen Einrichtungen liegt.

„Wo ist mein Übersetzer?“

Um die Mittagszeit warten Menschen geduldig mit Rucksäcken und Plastiktüten vor dem grauen, trostlosen Gebäude der Greifswalder Tafel in der Friedrich-Loeffler-Straße. Manche sind einander bekannt und begrüßen sich. Andere kommen an und suchen zuallererst ihre Nummer auf einem der drei Zettel, die neben der Tür angebracht sind. Etwa hundert Nummern stehen dort. Sie sind stellvertretend für eine bunte Mischung aus Menschen zwischen 40 und 50 Jahren, Familien oder jungen Müttern, die mit ihren kleinen Kindern auf dem Arm warten, einem Rentner-Ehepaar, drei oder vier jüngeren Männern, vielen Deutschen, vielen Russen, einem Dunkelhäutigen, ein paar Muslimen. Ein Mann sitzt frierend auf dem Bürgersteig, eine Frau wird in einem silbernen BMW vorgefahren. Michaela Horn erklärt, dass die lokale Ausgabestelle zwischen 1 200 und 1 400 Menschen versorgt. Heute sind es circa 200.

„Null, dreiunddreißig! … Vierhundertneunzig!“ Eine junge Mutter mit ihrem Kind meldet sich. Der Mann im grauen Pullover kommt zu ihr. „Wir zeigen am Samstag ‚Rotkäppchen und der Wolf´ im Theater. Da können Sie mit ihrem Kind hinkommen, das ist umsonst. Wissen Sie, wo das Theater ist?“ Die Frau wirkt etwas hilflos. Ein Mann, der sich zuvor mit einer kleinen Gruppe auf Russisch unterhalten hat, hilft und übersetzt. Die Frau lächelt und nickt dankbar, dann geht sie ins graue Gebäude. Die nächsten Nummern werden vorgelesen und wieder wird das Theater-Angebot präsentiert, jedoch scheitert es erneut an der Sprache. „Wo ist mein Übersetzer?“, fragt der Mann im grauen Pullover. Der Russe übersetzt. „Das Theater ist kostenlos.“ „Aber auf Deutsch!“, ruft ein Deutscher in die Runde und einige lachen. Ein weiterer Mann möchte gerne mit seinen sieben Kindern vorbeikommen. „Oh, das ist toll, da kriegen wir den Saal voll!“ Die Aktion ist eine willkommene Abwechslung zur routinemäßigen Essensausgabe. Genau wie die jährliche Kinder-Weihnachtsfeier, die Anfang Dezember in Kooperation mit dem Jugendzentrum TAKT veranstaltet wird. Solche besonderen Aktionen finden vor allem für Familien so oft wie möglich statt.

In New York geboren

Der Anteil an Menschen in Deutschland, die von Armut bedroht sind, liegt laut Statistischem Bundesamt aktuell bei 16 Prozent der Gesamtbevölkerung. Dabei muss man im Gegensatz zu Entwicklungsländern von einer „relativen Armut“ sprechen, die die Existenz der Menschen nicht akut gefährdet. Per Definition der Europäischen Union gilt jemand als arm, dessen Einkommen unter einer Marke von 60 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens liegt – in Deutschland zurzeit 930 Euro. Praktisch bedeutet das, dass die Betroffenen zwar finanzielle Hilfe bekommen, die sogenannte „Grundsicherung“ aber so gering ausfällt, dass zumeist und besonders in Familien mit vielen Kindern an Lebensmitteln gespart werden muss. Physische Folgen können Mangelernährung und eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit sein; soziale Isolation und Suchtprobleme wirken sich auf die Psyche aus.

Menschen, die einmal in die Abhängigkeit von staatlicher Hilfe gerutscht sind, schaffen es nur schwer wieder heraus. Um ihnen zumindest eine Sorge zu nehmen, wurde vor über zwanzig Jahren die gemeinnützige Tafel-Initiative gegründet. Die Idee dazu hatte Sabine Werth im Jahr 1993. Das Mitglied der Berliner Frauengruppe e.V. kam gerade von einer New York Reise zurück und hatte dort von dem nach demselben Prinzip funktionierenden „New York City Harvest“ gehört. Nach einem Vortrag der damaligen Sozialsenatorin Berlins suchte der Verein nach Ideen zur Bekämpfung der prekären Lage Obdachloser und gründete auf einer Pressekonferenz am 22. Februar 1993 die erste Tafel Deutschlands. Das Medieninteresse blieb nicht aus und schon im Herbst des Folgejahres wurden weitere Vereine mitsamt Ausgabestellen in München, Hamburg und Neumünster ins Leben gerufen. 1995 waren es bereits 35 Vereine, die sich zum Dachverband Deutscher Tafeln e. V., später Bundesverband, zusammenschlossen. Die Initiative gilt als größte soziale Bewegung aller Zeiten und genießt hierzulande einen hohen Bekanntheitsgrad.

Prall gefüllter Rucksack

mm120_29_Greifswelt_GemüseRegal_Rachel„Ich komme seit diesem Sommer zur Tafel“, berichtet ein Student, der ebenfalls in der Schlange steht. „Meine damalige Mitbewohnerin hat mir erzählt, dass man herkommen kann, wenn man Wohngeld bekommt. Sonst hätte ich das auch nicht gewusst. Ich habe dann meinen Wohngeldbescheid eingereicht, und dann muss man natürlich auch sein Einkommen offenlegen.“ Heute muss er nicht so lange warten, bis er an der Reihe ist. „Mittlerweile kann ich mir ausrechnen, wann meine Nummer aufgerufen wird“, sagt er. „Aber man sollte schon pünktlich kommen. Sonst muss man  länger warten.“ Als er das Gebäude wieder verlässt, hat er eine große, vollgepackte Tüte in der Hand. Er ist neugierig, was er bekommen hat, und beginnt, einen Teil in seinen Rucksack umzupacken: unter anderem frisches Obst und Gemüse, Joghurt, abgepackter Nudelsalat. „Man kann wählen, ob man Fleisch haben will oder lieber eine vegetarische Tüte. Aber manches wird aus dem Kühlschrank geholt, deswegen sieht man nicht direkt, was man bekommt.“ Diesmal scheint er zufrieden zu sein und macht sich mit seinem prall gefüllten Rucksack auf den Heimweg.

Doch woher kommen die verteilten Lebensmittel überhaupt? Als Privatperson ist es natürlich möglich, nicht mehr benötigte und trotzdem gut erhaltene Nahrungsmittel zu spenden. Der Hauptteil des Angebots stammt aber aus der Industrie. Von Supermärkten, Lebensmittelproduzenten, Hotels, Restaurants, Wochenmärkten und Events, bei denen sich Waren vom Vortag oder mit nahendem Mindesthaltbarkeitsdatum, falsch verpackte Artikel oder Obst und Gemüse mit kleinen „Schönheitsmakeln“ ansammeln. „In Greifswald beteiligen sich nahezu alle Einzelhandelsmärkte, bei denen die aussortierte Ware von einem Transporter der Tafel abgeholt wird“, sagt Michaela Horn und zählt Einzelhandelsketten wie Netto, Lidl und Co. auf. Für die Unternehmen bieten sich durch die Spende gleich zwei Vorteile: Zum einen leisten sie mit dem sozialen Engagement einen bedeutenden Beitrag für unsere Gesellschaft, zum anderen wird Verpackungsmüll vermieden und damit Umwelt und Ressourcen geschont. Pro Jahr landen 81 Kilogramm an Lebensmitteln im Müll eines deutschen Haushaltes. Grund dafür ist offensichtlich unser Wohlstand und das damit verbundene „Luxusdenken“, denn was nicht mehr schön oder schmackhaft aussieht, kann in einer Überflussgesellschaft einfach durch ein neues Produkt ersetzt werden.

Diejenigen, die sich diese Haltung nicht leisten können, warten weiterhin in der Kälte. Um etwa viertel vor zwei wird es auf der anderen Straßenseite belebter. Eine Vorlesung in der Alten Frauenklinik ist vorbei und Studenten strömen aus dem Gebäude. Einige bleiben in kleinen Gruppen stehen und unterhalten sich. Auch aus der Tafel strömen weiterhin Menschen und auch sie verweilen auf der Straße zum Reden. Ihre Leben könnten nicht unterschiedlicher sein – und dennoch trennt sie nur eine Straße.

von Rachel Calé & Sabrina Stock

Fotos: Rachel Calé