Die Gustel, Mitglieder des Greifswalder Universitäts-Studentischer Autorenverein, treffen nun den moritz. Jetzt könnt ihr die Geschichten auch hier lesen. Dieses Mal: Worte an Verstorbene

Abschied

Ich sitze im Büro meiner Redaktion, es ist spät abends, ich habe schon den vierten Kaffee intus. Alkohol wäre mir jetzt lieber, liegt vor mir doch der noch zu schreibende Artikel, den ich nur dadurch bekommen habe, dass ich zu spät zur Arbeit erschien. Bruder Alkohol lässt grüßen. Das war vor einer Woche. Mein Chef kam zu mir und meinte, ich solle mich, wenn ich schon zu spät käme, ein wenig nützlich machen. Er habe da auch schon ein zu mir passendes Thema, welches durch eine sensible Feder geführt, aber durch eine unerschrockene Hand geschrieben werden muss. Wenn er privat halb so weise handeln und reden würde, wäre er nicht zum zweiten Mal geschieden und bräuchte nicht fünf Minuten, um seinen dicken Wanst die Treppe zu meinem Büro im ersten Stock hoch zuschieben. Seitdem habe ich zu dem Themenbereich „Tod“ eine Woche lang Menschen mit der Frage angesprochen: „Wenn Sie jemandem Verstorbenen eine Mitteilung machen könnten, welche wäre das?“ Wegen meiner Fragerunde durch die Kleinstadt weiß ich nun, warum meine Kollegen diesen Artikel nicht verfassen wollten.

Dabei läuft es bei mir im Leben sowieso schon scheiße. In einer Kleinstadt an einer schlecht ausgerüsteten Uni zu studieren, war eigentlich nicht mein Ziel. Wenn Vorlesungen stattfinden, hätte ich genauso gut den Eintrag bei Wikipedia auswendig lernen können. Ich habe also viel Freizeit. Mehr oder weniger, da ich dank der wunderbaren Infrastruktur für Studenten eine Wohnung mieten muss, für deren Kosten ich nun eben Artikel für eine Regionalzeitung schreibe, anstatt in einem Studentenwohnheim Freundschaften zu schließen und die Miete zu teilen. Und zu guter Letzt meine Freundin, die mich unglaublicherweise schon einen Monat komplett ignoriert und ich dazu nur sagen kann, dass es absolut nicht meine Schuld ist, da ich nichts getan habe, um sie zu verärgern. Ihrer Meinung nach anscheinend schon, aber wenn sie sich wie eine Ziege benimmt, kann sie ihr Gras jemandem anderem vom Kopf fressen.

Die Stadt hasst mich. Nicht metaphorisch. Es ist spannend und gleichzeitig beängstigend zu sehen, wie einen gefühlt eine ganze Stadt mit bösen Blicken und unausgesprochenen Verwünschungen bestraft, nur weil man eine Sache angesprochen hat, die lieber verdrängt geblieben wäre.

Jetzt sitze ich hinter Mauern, die mich schützen. Aber nur so lange wie ich nichts schreibe. Warum will mein blöder Chef auch diesen bescheuerten Artikel? Kann er nicht jemand anderen damit belästigen? Und wieso stellen wir die Frage nach einer Person, die uns die Arbeit abnimmt erst immer dann, wenn es uns zu kompliziert wird? Eigentlich gehöre ich dann doch diesem „Mainstream“ an, will der Großteil der Menschen eben das ihnen zu kompliziert gewordene Projekt auf andere abladen. Dabei ist das Projekt nicht zu kompliziert. Nur mein Boss will eben keinen traurigen Artikel, sondern einen fröhlichen, Mut machenden, mit Parolen wie: „Ich würde ihm/ihr sagen, wie sehr ich sie/ihn liebe.“ oder „Ich werde immer an dich denken.“ Salopp ausgedrückt sage ich aber: Ist nicht drin.

Auf das leere Blatt schauend denke ich zurück an die Rentnerin, die mir entrüstet entgegnete, dass es nichts zu sagen gäbe, ein Krieg fordert seine Opfer und wer so dumm ist und an einen Sieg glaube, der hätte das Weiterleben auch gar nicht verdient. Oder die junge Studentin, die mir schluchzend entgegenschlägt, dass, wenn sie sich mit ihrem Vater nicht so stark gestritten hätte, er nicht so viel getrunken hätte und sie nicht so blind gewesen wäre und ihn nicht hätte seine letzte Autofahrt antreten lassen. Dann wäre da noch der Obdachlose, welcher sich viel mehr Gedanken darüber gemacht hat, wer ihm wohl gerne etwas sagen wollen würde, aber nicht sehr lange, nach ungefähr fünf Minuten fragte er mich mit einer wehenden Fahne nach ein bisschen Kleingeld. Mit leerem Blick antwortete eine Frau Mitte vierzig, dass sie es mir nicht sagen könne, ihre Tochter wurde nicht einmal alt genug, um Sprechen zu lernen. Und ein junger Mann fragte mich anstatt zu antworten, warum nicht mit einem über Probleme geredet  wird, bevor man eines Abends zu viele Schlaftabletten nimmt.

Kann ich das aufschreiben? Es sind keine gesprochenen Worte, die sich in der Luft nach der Aussprache auflösen. Sie sind geschrieben und bohren Fragen um Fragen in die Köpfe der Leser hinein und fast jeder von ihnen wird sich sagen: „Das will ich gar nicht wissen!“ Und sie werden nicht von schützenden Mauern umgeben sein, um sich damit auseinanderzusetzen, sondern im Park oder Einkaufszentrum oder am Frühstückstisch mit der Familie sitzen.

Ich überlege mir bis morgen, was ich mit diesem Artikel mache.
Ich glaube, ich rufe jetzt meine Freundin an.

von Florian Braatz