Eine Prüfung weniger im Semester hört sich erst einmal gut an. Kritisch wird es, wenn das die Regelstudienzeit verlängert. Spätestens ohne Abschluss hat man ein Problem. Eine Situation, der sich Greifswalder Kunststudenten nun stellen müssen.

Student Caspar David loggt sich ins LSF ein. Er möchte für sein Kunststudium ein Seminar bei dem künstlerischen Mitarbeiter Herrn Jo Zynda belegen. Bei genauerem Hinschauen bemerkt er, dass der Unterricht nur bis Dezember geht. Danach ist Schicht im Schacht und das Seminar aus und vorbei. Weder Prüfung noch sonstige Leistungsnachweise können erbracht werden. Caspar David kratzt sich am Kopf.
Nun handelt es sich bei Caspar Davids Problem um einen Extremfall. Aber durch Personalmangel wird die Gefahr immer größer, dass Kunststudenten ihre Module nicht abschließen können, weil auf der Hälfte der Strecke das Geld knapp und der Kurs gekippt wird.

Das Ergebnis eines Dominoeffekts, der in Schwerin beginnt. Dort legt die Landesregierung in einem jährlich beschlossenen Haushaltsplan die Einnahmen und Ausgaben des Landes fest. Das Bildungsministerium des Landes ist für Forschung, Lehre und künstlerische Ausbildung im Hochschulwesen verantwortlich und stellt  die Grundfinanzierung für unsere Universitäten sicher. Durch die Mittelausstattung soll zum Beispiel die Wettbewerbsfähigkeit der Universität gewährleistet und gesteigert werden. Auch soll eine hohe Qualität in Studium und Lehre garantiert werden.

Um die finanziellen Leistungen des Landes zu erhalten, wird laut Paragraph 15 Absatz 3 des Landeshochschulgesetzes eine Zielvereinbarung formuliert, die von der Universität in einem gesetzten Zeitrahmen erfüllt werden muss. Im Jahr 2005 beschloss die Landesregierung das „Personalkonzept 2004“, das 2009 mit dem „Personalkonzept 2010“ aktualisiert wurde. Darin wird festgelegt, dass  239 Stellen an der Universität Greifswald bis 2020 abgebaut werden müssen.

Der Haken an der Sache ist, dass das Land Geld zurückfordern kann, wenn die Vorgaben nicht im gewünschten Zeitraum erfüllt wurden. Das neue Personalkonzept muss also umgesetzt werden, um einer Kürzung oder Umschichtung der in Aussicht gestellten Finanzmittel zu entgehen. Anfangs war davon die Rede, auslaufende Stellen einfach nicht mehr neu zu besetzen um so eine Personalreduktion herbeizuführen. Um das Verfahren nun zu beschleunigen, werden bisher besetzte Lehrstühle gestrichen, was besonders in der Kunst fatale Folgen für das Studium hat.

Die Stelle von Herrn Professor Felix Müller, der für die Druckwerkstatt und angewandte Kunst verantwortlich ist, wurde durch Drittmittel finanziert und läuft nun regulär aus. Um den Lehrstuhl zu erhalten, müsste eine neue Stelle geschaffen werden, was in der finanziellen Notlage ein schwieriges Unterfangen ist. Der Vorschlag von der Universität, Herrn Professor Frosch die Druckwerkstatt übernehmen zu lassen, bietet aber keine Lösung des Problems. Herr Frosch kümmert sich bereits sowohl um die Holz- und Metallwerkstatt, als auch um den Malsaal und den Bereich Keramik.

Trotzdem ist die Universität der Ansicht, dass kein Personalmangel bestehe und für guten Unterricht gesorgt sei. Da das Caspar-David-Friedrich-Institut nicht ausgelagert wurde, gehöre es in den Bereich der Hochschule, was die niedrigere Betreuungsrelation als an einer Kunstakademie legitimiere. Jonathan Dehn, Vorsitzender des Fachschaftsrats (FSR) Kunst und Beauftragter für Lehramt, hält dagegen: „Auf Landesebene gibt es aber Gesetze, die besagen, dass die Betreuungsrelation am Institut schon jahrelang ausgelastet ist. Wir berufen uns auf eine Betreuungsrelation, die sich an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock orientiert. Die Professoren arbeiten bereits am Limit, es kann nur wenig Zeit pro Person aufgewendet werden.“

Bilder und Briefe als Protest

Für den FSR, der sich Caspars Kinder getauft hat, ein Grund mehr, selbst auf die verheerenden Missstände aufmerksam zu machen und eine Vollversammlung der Fachschaft einzuberufen, um die Probleme und mögliche Reaktionen zu diskutieren.
Jonathan Dehn betont die Brisanz des Themas: „Wir wünschen uns als Studierende, dass sich die Universität zusammenrauft, vor allem das Rektorat und der Senat, und dass sie für eine verbindliche Lösung für die Philosophische Fakultät sorgen. Der Senat sollte darüber nachdenken, die Mittelverteilung des Bundesausbildungsförderungsgesetzes (BAföG) mehr nach den Studierendenzahlen auszurichten, sodass eine solidarischere Verteilung zugunsten der Philosophischen Fakultät stattfindet.“ Denn ob ein qualitativ hochwertiges Studium bei personellen und materiellen Missständen weiter gewährleistet werden kann, wagt zumindest Caspar David zu bezweifeln. Aktionen wie eine Demonstration oder eine Protestwerkschau sind in Planung. Auch Petitionen und Briefe an das Rektorat sollen für mehr Beachtung sorgen und bewirken, dass Stellen wie die von Herrn Zynda erhalten bleiben.

Jonathan Dehn betont, dass eine Vernachlässigung des Instituts, insbesondere der Druckwerkstatt, verhängnisvolle Folgen nach sich ziehen würde. „Müllers Lehrstuhl ist wirklich wichtig für angehende Künstler und Lehrer, weil die angewandte Grafik, das Umgehen mit Flyern und mit Plakaten, jetzt zu jedermanns Alltag gehört. Wenn die Grafik wegfällt, wäre das echt scheiße.“
Caspar David kann dem nur zustimmen. Was er jetzt machen wird? „Regelstudienzeit von der Uni verlängern lassen, denke ich.“ Er zuckt mit den Schultern. „Und dann so lange warten, bis die Uni es mir erlaubt, weiter zu studieren.“

von Anna Gusewski

Illustration: Anna Gusewski