Neuer Campus, altes Leid

Ab frühestens 2016 sollen in dem alten Universitätsklinikum in der Loeffler-Straße zentralisiert und modern organisiert viele Studenten ihren  Alltag fristen. Auf dem neuen Campus soll es dann alles geben, was das Herz gegehrt. Eine Bibliothek, eine Mensa, Hörsäle, Seminarräume und vor allem eins – Fahrradständer. Denn Studenten haben eine unbequeme Eigenschaft, die vermutlich schon bei der Immatrikulation per Gutachten nachzuweisen ist, ähnlich dem Abitur. Sie fahren Fahrrad.

Auch zu dem neuen Campus werden sich die meisten via Zweiradtransfer bewegen. Wird die Anzahl der vorgesehenen Studiengänge, Bücher und Plätze in der angedachten Mensa bedacht, kommt man schnell zu einem Schluss. Das wird eng. Gerade auf der nur sehr mangelhaft breiten Loeffler-Straße, wenn sich mehrere Tausend von den Zweiradrennfahrern klingelnd und quietschend an den Autos und unbeteiligten Passanten vorbeidrücken. Ein Unding.

Natürlich ist der öffentliche Greifswalder Personennahverkehr in seiner momentanen Form nicht existent. Oder nutzt zumindest die neuste Tarnkappentechnik. Auch ist klar, dass sich nicht jeder Student ein Auto leisten kann und das ist ja auch gut für die Umwelt. Da Rollerblades und Rollschuhe oft unpraktisch sind, bleibt nur das Rad. Aber jeder, der sich in einer Seitenstraße oder Fußgängerzone schon einmal von so einem Pedalextremisten fast oder ganz umfahren lassen musste, wird wissen, wovon ich rede. Es gibt natürlich mehrere Arten von fahrradfahrenden Studenten.

Der Nullachtfünfzehn-Student hat ein Damenrad, der Bequemlichkeit halber. Dieses Damenrad ist in 90 Prozent aller Fälle älter als die Universität, quietscht, klappert und ist generell einfach nur kaputt. Aber Hauptsache es hat ein blinkendes LED-Licht, das dich denken lässt, die Sonne explodiert, wenn es dir nachts entgegen kommt. In jedem Fall ist man minutenlang blind. Die nächste Gruppe von Profis sind diese Mountainbikefahrer. Welcher Schwachmat braucht im pommerschen Flachland bitte ein Mountainbike, um damit auf gepflasterten Straßen zu fahren? Niemand. Einzig das Szenario, von der Straße abzukommen, durch ein Wurmloch zu fallen und in einer hügeligen Parallelwelt rauszukommen, würde ein Mountainbike rechtfertigen. Aber wem passiert denn sowas? Niemandem.

Am scheißigsten sind jedoch diese unsäglichen rennradnutzenden Bremsen-brauch-ich-nicht-Hipster. Die sind ja so schweinemäßig individuell und total nonkonformistisch. Ohne Bremsen und Verstand rasen sie auf diesen Pfennigabsatzreifen durch die City, Chai Latte in der einen Hand und Handy in der anderen. Und wenn du dann keinen Platz machst, darfst du dich auch noch anmachen lassen.

Ich bin für den Einsatz des Militärs im eigenen Land und auf Greifswalds Straßen, oder mindestens einen Zusatzartikel im Polizeirecht, dass die Beamten Stöcke in die Reifen werfen dürfen, natürlich hämisch lachend.  Wer mich jetzt für einen verbitterten Fußgänger hält, der einfach nur neidisch ist auf die ganzen coolen Radler in der selbsternannten Fahrradhauptstadt, soll mal abwarten. Spätestens wenn der neue Campus fertig ist und es jeden Tag auf der Loeffler-Straße aussieht wie in Hongkong zur Rushhour.

Bild_KolumneWarum eigene Worte finden, wenn es doch schon jemand wie Jean Baptiste Molière gesagt hat: „Der Grammatik müssen sich selbst Könige beugen, aber kein Internetnutzer mehr.“

von Philipp