Wer mal richtig abrocken will, geht in Greifswald zum Tanzen in die Clubs. Oder man gründet ganz einfach selbst eine Band. In der hiesigen Bandszene gibt es viel zu entdecken. Man muss nur die Ohren offen halten.

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Tomoka Hori geben gerne Wohnzimmerkonzerte.

„Manche haben uns auch konstruktive Kritik gegeben wie: Ja, das hat mir nicht so gefallen“, meint Julian von Tomoka Hori feixend. Völlig unverständliche ist sichKritik. Wie viele Menschen bekommen schon ein Telefonkonzert? Und das auch noch live? Die Privatkonzerte sind schließlich die größten Meilensteine ihrer Bandgeschichte. Ob am Telefon, oder für den Burger King Lieferanten. Letztere bekommen jedes Mal, wenn sie Tomoka Hori beliefern, ein Ständchen als Trinkgeld gespielt. Und Burger King Greifswald gefällt sogar der „Burger King Song“ auf Facebook. Auch auf YouTube sind sie aktiv. Zu „Eiskalt in Greifswald“ haben sie erst vor kurzem ein eigenes Musikvideo gedreht und ein weiteres ist schon in Arbeit. Schräge Auftritte haben bei der Band Tradition. Das sieht man schon an ihrer Gründungsgeschichte, die eng mit dem Namen der Gruppe verknüpft ist. Tomoka Hori ist nämlich eine Studentin aus Japan, die Chris und Julian in Greifswald besucht hat. An ihrem Geburtstag, dem 13. März 2015, beschlossen  Chris, zwei Julians und Linn damals, Tomoka ein Geburtstagslied zu spielen und das war so gut, dass sie gleich eine Band gründen mussten. Da lag es dann natürlich auch nahe, die Ursache für die Bandgründung gleich im Namen zu tragen.

Dass es beim Geburtstagslied nicht geblieben ist, zeigen die Themen ihrer aktuellen Lieder, die von Burger King Lieferanten, Fernbedienungen und Pokémons handeln. Ihre Texte zu den Songs schreiben sie alle komplett selbst. Die Ideen bekommen sie meistens in etwa so: „Linn kommt in ein Zimmer und sieht einen Staubsauger. Dann beschließt sie einen Staubsauger-Song zu schreiben“, berichtet Julian. Die meisten Texte werden aber von Julian und Chris verfasst. Das Ergebnis nennt sich dann Songwriter-Gitarren-Wohnzimmermusik.

Demo mal anders

Aber Greifswalds Bandszene hat noch einiges mehr anzubieten. „Von Pop, Punkrock, Hardcore bis Rock und Jazz kann man hier eigentlich alles finden. Es gab sogar schon mal ein klassisches Quartett“, sagt Paul Bratfisch von der Geschäftsführung der mobilen Musikschule Greifmusic. „Viele Bands sind im Rockbereich unterwegs, aber es gibt auch eine große Hardcoreszene.“ Die findet man zum Beispiel im Internationalen Kultur- und Wohnprojekt (IKUWO) in der Goethestraße. Hier gibt es einen Proberaum, der allen Bands offensteht. Momentan nutzen ihn aber nur drei. Eine davon ist Fed Up. Semmel, der Gitarrist der Band, beschreibt ihren Musikstil als 80er Jahre Hardcore mit Einflüssen aus verschiedenen anderen Musikrichtungen. Das kommt daher, dass er und seine Bandkollegen selbst sehr viel Verschiedenes hören. Aber auch in der Absicht, die hinter der Musik steckt, der Message, die sie verbreiten möchten, sehen sie Unterschiede zu anderen Bands aus ihrem Genre. „Die Hardcoreszene in Greifswald hat sich lange nur um ihr Image gekümmert. Das hat uns gestört, da Hardcore auch immer eine politische, gesellschaftskritische Komponente haben sollte“, erzählt Paul, der Sänger von Fed Up. Aus genau diesem Grund kam die Band auch zu ihrem Namen. Fed Up, zu Deutsch „Schnauze voll“, ist deshalb gleichzeitig als Kritik an regionalen Entwicklungen der Hardcoreszene und als Ausdruck von Unzufriedenheit mit der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation zu verstehen.

Szenefernen Laien wird das musikalische Schaffen von Thrill dem von Fed Up relativ ähnlich vorkommen. Für den Paul von Thrill, der in der Band eine Gitarre und die zweite Stimme übernimmt, ist ihre Musik aber Post-Hardcore. Allerdings mit vielen melodischen Anteilen und neuerdings auch mit Grunge-Elementen. Ein mögliches Charakteristikum ist die abwechselnde Verwendung von sogenanntem screaming und klarem Gesang. Aber oft sind die Grenzen zwischen den Genres fließend. Thrill und Fed Up bewegen sich trotz ihres unterschiedlichen Musikstils aber in derselben Szene. Beiden Bands geht es darum eine politische Botschaft auf eine andere Weise als über wütende Facebook-Kommentare und Demos zu verbreiten. Ebenso wie bei Fed Up spiegelt sich das bei Thrill auch in der Namensgebung wider. Thrill bedeutet zu jemandem durchzudringen, eine starke Erregung zu verspüren, oder hin- und hergerissen sein zwischen Gefühlen. Für Paul passt das gut zu ihrer politischen Ausrichtung. Ihre Musik beschreibt die Spannung zwischen Ohnmacht und Wut.

Dienstags im Stahlwerk

Eigentlich völlig unpolitisch ist die DIENSTAGaBAND. Dennoch engagierten sie sich kürzlich mit einem Solikonzert für Flüchtlinge. Ansonsten ist die Band auf ganz anderen Pfaden unterwegs. Sie ist eine der Gruppen, die Paul Bratfisch von Greifmusic als „Alteingesessenengruppen“ bezeichnet, und die gemeinsam mit den Schülerbands den Großteil der Greifswalder Bandszene ausmachen. Die DIENSTAGABaND besteht aus ehemaligen Studierenden, die die Band in ihrer Studienzeit gegründet haben, als sie alle gemeinsam in der Musikschule Unterricht nahmen. „Die Idee stammt ursprünglich von einem Gitarrenlehrer der Musikschule“, meint Micha. Er spielt in der Band Cajón, Mundharmonika und kleine Percussioninstrumente. Dazu singt er auch. Die gemeinsame Zeit als Musikschüler ist sehr wichtig für die DIENSTAGABaND. Ihr haben sie ihren Namen und die wöchentlichen Sit-ins im Stahlwerk zu verdanken. Denn jeden Dienstag, nach dem Proben in der Musikschule, traf sich die Band dort auf ein Bier. „Irgendwann hat dann der Besitzer gemeint: Packt doch mal eure Instrumente aus und gebt ein Konzert“, erzählt Peggy, die singt und das Percussion-Ei schüttelt. Jetzt kann man sie immer dienstags ab circa 21.30 Uhr in der Kneipe antreffen. „Wir spielen Songs, die man im Radio hören kann. Eigeninterpretierte Evergreens und Chart-Hits, aber auch Elektro und Hip Hop von den 60ern bis heute“, erklärt mir Maria. Sie singt und spielt Gitarre. Wenn jemand einmal Lust hat mitzuspielen, laden die vier Bandmitglieder auch gern mal Freunde und Interessierte zur Probe ein. Aber die DIENSTAGABaND trifft sich nicht nur im Stahlwerk. Manchmal geben sie auch Privatkonzerte auf Geburtstagen, Weihnachtsfeiern und Neujahrsempfängen. Allerdings werden sie sich wohl bald auflösen müssen, da viele Bandmitglieder Greifswald aus verschiedensten Gründen den Rücken kehren müssen. Aber sie sind sich sicher, dass sie immer mal wieder zurückkehren werden, um Konzerte zu geben.

Boogie Trap gemeinsam im Proberaum.

Boogie Trap gemeinsam im Proberaum.

It´s a trap!

Obwohl Greifswald bekanntlich nicht sehr groß ist und damit nur eine vergleichsweise kleine Auswahl an Bands hier zu finden ist, gibt es doch einige, die überregional Bekanntheit erlangt haben. Zu nennen wären natürlich die „gefährlichste Band MVs“, Feine Sahne Fischfilet und der Schauspieler Thomas Putensen, der bekannt ist für seine Neuvertonungen von „Ostblockmusik“. Dabei muss man natürlich dazusagen, dass Feine Sahne nicht komplett aus Greifswald stammt. Aber zumindest proben sie hier ab und zu. Es gibt aber auch ein paar weniger bekannte Bands, die schon etwas professioneller für Gagen spielen. Paul Bratfisch nennt hier zum Beispiel Speedy‘s Company, Krach und Boogie Trap. Letztere hat sich ihren regionalen Ruhm dank ihrer speziellen Musikrichtung und einem hohen technischen Niveau gesichert. Boogie Woogie war besonders in den 1920ern und in den 60er und 70er Jahren sehr populär. Aber auch heute gibt es noch eine feste Boogie Woogie Fanszene – wenn auch nicht gerade in Mecklenburg-Vorpommern (MV). Die Bandmitglieder von Boogie Trap sind aber so begeistert von diesem Musikstil, dass sie ihn sogar in ihrem Namen tragen: „Die Idee war, ein Wortspiel dafür zu finden. Mit Boogie Woogie kann man Leute fangen. Die Leute sollen tanzen bis sie explodieren!“, meint René, das Multitalent der Band, lachend. René spielt Kazoo, Mundharmonika und manchmal Klavier. Gleichzeitig ist er der Sänger und Entertainer während der Konzerte. Außerdem schreibt er die Texte für Boogie Trap. Das geschieht meistens alleine zu Hause und die anderen Bandmitglieder können dann später noch Kritik äußern. Neben Boogie Woogie hat die Band auch noch Rock ‘n‘ Roll, Rockabilly und Blues im Programm. Dieser Stilmix und ihr professionelles Auftreten verleihen Boogie Trap ein Alleinstellungsmerkmal, und so wird die Band auch gern für Hochzeiten gebucht. Ihr Hauptpublikum findet sie allerdings auf Studentenpartys, obwohl Hannes, der Schlagzeuger, der einzige Student der Band ist. „In diesem Sommer hatten wir sehr viele Auftritte. Mindestens fünf Gigs im Monat. Momentan machen wir gerade eine Schaffenspause, weil wir in der Vorbereitung für die Aufnahme einer Langspielplatte sind“, erzählt Hannes. Er glaubt, dass der Erfolg der Band auch darin begründet ist, dass das Menschliche zwischen den Bandmitgliedern stimmt. Das ist gerade deshalb bemerkenswert, weil sie sich ausschließlich über ihr Interesse zur Musik kennengelernt haben. Musik verbindet in diesem Fall mehr als nur Töne.

Wie prägend die Musikrichtung sein kann, beweist auch die Band Burning Cross. Black Metal ist hier Programm – das zeigen auch die szenetypischen Namen der Bandmitglieder: Sie nennen sich Doom, Steelcommander, Æxel und utrxinxta. Sie erklären, dass die hiesige Metalszene durchaus vorhanden ist, wenn auch nicht so präsent: „Ich schätze schon, dass so circa 500 bis 1 000 Metaller in Greifswald sind. Die verschanzen sich aber alle zu Hause und haben so eine Art Einsiedlerhaltung“, erklärt Doom. Burning Cross ist in der Greifswalder Metalszene auch ziemlich tief verwurzelt. Immerhin gibt es sie schon seit zwölf Jahren. Dabei hat sich der Inhalt ihrer Texte von provokant-blasphemischen Themen zu Songs über Revolutionen, Krieg und Apokalypse hin zu okkultem Satanismus mit post-apokalyptischem Einschlag gewandelt. Die Musiker spielen auch im Alltag gern auf ihre Songinhalte an: „Weihwasser“, erklärt Steelcommander grinsend und trinkt ein Glas Wasser. „Zur Abhärtung!“

von Vincent Roth

Fotos: Vincent Roth